Im Wahlkampf 2013 wurden die Grünen ordentlich abgestraft. Schuld daran war auch die Idee, für Kantinen einen verbindlichen Veggie-Day einzuführen. Renate Künast (63), Ex-Landwirtschaftsministerin und bis 2013 Fraktionsvorsitzende ihrer Partei, versuchte daraufhin, den Schaden zu begrenzen. "Wir Grüne müssen uns neu verorten", forderte sie. Man müsse zum Beispiel definieren, was Freiheit unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts bedeute. Bis heute haftet der Partei dennoch vielerorts das Image an, Bürger in ihrer Freiheit beschränken zu wollen. Und trotzdem hat sich die Lage verändert, nach zwei Dürresommern ist die Dramatik des Klimawandels parteiübergreifend ein großes Thema. Wie blickt die heutige Bundestagsabgeordnete auf die aktuellen Debatten, in denen selbst Union und SPD sich plötzlich mit urgrünen Forderungen zu profilieren versuchen?

ZEIT ONLINE: Frau Künast, ärgern Sie sich nicht fürchterlich? Im Wahlkampf 2013 wurden die Grünen wegen Ihrer Idee eines Veggie-Days noch scharf kritisiert. Nun wollen auch SPD und Union im Kampf gegen den Klimawandel die individuelle Freiheit einschränken. Nur regt sich diesmal niemand ernsthaft darüber auf. Im Gegenteil: Sie werden dafür gelobt. 

Renate Künast: Ach, da müsste ich mich ja regelmäßig ärgern. So ist es nun mal, wenn man sich frühzeitig Gedanken über die großen Fragen macht. Dann kriegt man die volle Ladung. Das war schon beim Club of Rome so (Anmerkung der Redaktion: Der Club of Rome ist ein 1968 gegründeter Kreis von Experten aus 30 Ländern, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen und 1972 mit einem Bericht zu den Grenzen des Wachstums weltweit bekannt wurden) oder damals, als ich als Landwirtschaftsministerin die Agrarindustrie kritisiert habe. Wenn sich am Ende etwas in die richtige Richtung bewegt, nehme ich den Ärger gerne in Kauf. 

ZEIT ONLINE: Und trotzdem haftet den Grünen seit dem Veggie-Day das Image einer Bevormundungs- und Verbotspartei an. Heute darf ein Bundesverkehrsminister aber in aller Ruhe darüber reden, dass Flugreisen teurer werden müssen. Was ist da passiert?

Künast: Na ja, ein Teil der Verantwortung dafür, dass das mit dem Veggie-Day so schiefging, lag ja auch bei uns. Wir hätten uns bei der eigentlich guten Idee nicht so ins Bockshorn jagen lassen dürfen. Es war auch nur ein Vorschlag von vielen – für die Konkurrenz aber selbstverständlich eine willkommene Steilvorlage, sich isoliert daran abzuarbeiten. Das aufgedrückte Image der Verbotspartei haben wir aber längst überwunden. Das ist Vergangenheit. Der Atomunfall in Fukushima oder die Dürresommer haben gezeigt, dass man die Notwendigkeit einer Energiewende und den Klimawandel nicht mehr leugnen kann. Inzwischen herrscht fast parteiübergreifend Konsens, dass wir uns verändern müssen. Wir müssen anders produzieren, transportieren und leben. Die Energiewende muss endlich weiter vorankommen und wir mit unseren Ressourcen viel sparsamer umgehen. Der Erfolg von Bewegungen wie Fridays for Future zeigt, dass man sich bei dem Versuch, uns weiterhin als Verbotspartei zu deklarieren, verschluckt hat. 

ZEIT ONLINE: Aber wie können sich die Grünen noch profilieren, wenn alle anderen Parteien den Klimaschutz und die Umweltpolitik für sich entdeckt haben? 

Künast: Rhetorisch steigen die üblichen Verdächtigen natürlich gerne ein. Derzeit überbieten sich die Politiker anderer Parteien jede Woche mit neuen Vorschlägen – sei es das Plastiktütenverbot, ein Tierwohllabel oder die Fleischsteuer. Das aber sind alles nur kleine und unzureichende Einzelmaßnahmen. Die alles entscheidende Frage ist doch, wie viel Geld uns eine lebenswerte Zukunft wert ist und ob wir den Mut haben, die Steuereinnahmen künftig so umzuleiten, dass sich strukturell wirklich etwas ändert. Da fehlt anderen Parteien die Courage. 

ZEIT ONLINE: Als Sie 2013 den Veggie-Day zurückgenommen haben, sagte ihr Parteikollege Anton Hofreiter zur Begründung: Eine Bevormundung des Einzelnen auf Basis seines Lebensstils sei nie das Ziel gewesen. Was man esse und was nicht, sei Teil individueller Freiheit und Selbstbestimmung. Muss man den Freiheitsbegriff angesichts der Dramatik des Klimawandels überdenken?

Künast: Es ist nicht sinnvoll, als Politik die Verantwortung allein beim Individuum abzuladen, also vor allem den Einzelnen in die Pflicht zu nehmen. Es geht doch darum, die grundlegenden Strukturen zu ändern und dadurch ein nachhaltiges Leben zu ermöglichen. 

ZEIT ONLINE: Fleischkonsum? Fliegen? Plastiktüten? Das sind doch ganz individuelle Entscheidungen!

Künast: Richtig, aber es muss doch unser Ziel sein, ein nachhaltiges, ökologisch kluges Leben überhaupt möglich zu machen. Die Menschen haben ethische Überzeugungen, stehen aber einem Angebot an intransparenten Produkten und Dienstleistungen und einer riesigen Werbetrommel über das angeblich gute Leben gegenüber. Da braucht es mehr als kleine Einzelmaßnahmen.

Korrekturhinweis:  In einer früheren Version wurde aufgrund eines Transkriptionsfehlers verkürzt ein Zusammenhang zwischen dem Atomunfall in Fukushima, den Dürresommern und dem Klimawandel hergestellt. Gemeint war: "Der Atomunfall in Fukushima oder die Dürresommer haben gezeigt, dass man die Notwendigkeit einer Energiewende und den Klimawandel nicht mehr leugnen kann."