Deutschlands Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß ist mit etwa zwei Prozent gering. Die Klimaschutzpolitik der Bundesregierung fußt daher auch darauf, dass Deutschland Vorbild ist für emissionsstarke Länder wie China, Indien, die USA oder Brasilien. AfD-Chef Alexander Gauland hat den Kampf gegen diese Politik jetzt zu einem der wichtigsten AfD-Themen erklärt. Der Mainzer Politologe Jürgen W. Falter hält das trotz eines hohen Bewusstseins für Klimaschutz in der Bevölkerung für eine aussichtsreiche Strategie. 

ZEIT ONLINE: Herr Falter, die AfD will den Kampf gegen den Klimaschutz zum neuen großen Thema machen. Kann die Partei dadurch neue Anhänger gewinnen?

Jürgen W. Falter: Ja, das ist eine potenziell erfolgreiche Strategie. Denn die Bundesregierung begeht einen schweren Kommunikationsfehler: Ihre Klimaschutzvorhaben gehen ja in die richtige Richtung. Aber sie unterschlägt, dass weder ihre relativ milden noch weitaus schärfere Maßnahmen die Welt retten werden. Sie macht nicht ausreichend klar, dass Deutschland nur Vorbild sein kann in Sachen Klimaschutz. Die Regierung müsste die Chancen des Klimaschutzpaketes besser herausarbeiten. Wenn die Wähler realisieren, dass die deutsche Klimaschutzpolitik sich weltweit kaum auswirkt, wenn nicht auch die weltweit großen Luftverschmutzer mitmachen, dann kann die AfD hiervon sogar sehr stark profitieren.

ZEIT ONLINE: Auch die Grünen sagen, dass Klimaschutz auf nationaler Ebene nichts bringt. Warum profitiert trotzdem die AfD?

Falter: Zum einen, weil es genügend Leute gibt, die sich dann noch stärker abgehängt fühlen werden, als sie es jetzt schon tun. Landbewohner, die fürchten, dass man ihnen die Ölheizung nehmen will, obwohl es in der Fläche nicht genügend Gasanschlüsse gibt und von denen man höhere Investitionen erwartet, die nur zum Teil durch Zuschüsse des Bundes und der Länder ausgeglichen werden. Ferner Pendler, die teilweise über weite Strecken zu ihrer Arbeitsstelle fahren und sich das entsprechende Elektroauto nicht leisten können, aber mit ihrem alten Diesel möglicherweise gar nicht mehr bis zu ihrem Betrieb fahren dürfen. Und Menschen, die die Weltuntergangsszenarien mancher Ökofundamentalisten nicht glauben, die sagen: Erst haben sie vom Waldsterben geredet, und was haben wir? Immer noch Wald in Hülle und Fülle.

ZEIT ONLINE: Der Erfolg der AfD basiert auch auf dem Schüren von Ängsten: vor sozialem Abstieg oder davor, dass sich die Gesellschaft durch Migration ändert. Welche Angst wird mit dem Kampf gegen Klimaschutz bedient?

Falter: Hier geht es nicht um Angst. Treibende Kraft ist die Unzufriedenheit darüber, dass die Bürger schon wieder eine Vorleistung für Europa und die Welt erbringen sollen. Das kritisiert die AfD ja seit Jahren mit Erfolg.

ZEIT ONLINE: Selbst 60 Prozent der AfD-Anhänger halten den Klimawandel für menschengemacht und nicht für eine rein natürliche Erscheinung, wie die AfD das im Grundsatz sieht...

Falter: Für die Anhänger ist das kein Problem, weil das eigentliche Argument der AfD ein anderes ist: Sie kritisiert, dass am deutschen Umweltwesen die ganze Welt genesen soll. Sie sagt: Selbst wenn Deutschland mit seinem Anteil von zwei Prozent an den Treibhausgasen und 0,05 Prozent am gesamten Weltklima morgen klimaneutral wäre, würde das den Anstieg der Weltmeere und das Abschmelzen der Gletscher nicht bremsen. Da müssten die EU mitmachen, Indien, China, die USA und Brasilien. Darauf wird die AfD herumreiten.

ZEIT ONLINE: Die Stärke der Grünen hat doch aber gezeigt, dass es ein starkes Bewusstsein für den Klimaschutz in der Bevölkerung gibt.

Falter: Das ist das Lager der Menschen, die aus sozusagen protestantischem Pflichtbewusstsein bei sich selbst anfangen, wenn sie die Welt ändern wollen. Dass sich etwas ändern muss, merken wir ja alle – etwa im Sommer direkt auf der Haut. Wenn sich das Narrativ der AfD durchsetzen würde, dass der Anteil Deutschlands am CO2-Ausstoß zu gering ist, um etwas ändern zu können, wird das Umweltbewusstsein sinken. Das würde auch die Grünen Stimmen kosten.

ZEIT ONLINE: Alle Autokonzerne setzen mittlerweile auf E-Mobilität, die Entwicklung weg vom Verbrenner scheint unumkehrbar. Ist das AfD-Wählern unbekannt?

Falter: Nein, aber die AfD zielt auf die Leute, die das ablehnen. Wer in der Stadt wohnt und zur Mittelschicht gehört, hat weniger ein Problem damit, sich als nächstes ein Elektroauto zu kaufen oder zu leasen. Aber wer aus dem Westerwald oder aus der Westpfalz in die weit entfernte Stadt pendeln muss, sieht das anders. Den Winzer aus Rheinhessen oder den Gemüsebauern aus dem Oderbruch bringen Sie nicht so einfach zum E-Auto, vor allem, wenn er dafür 40.000 Euro und mehr zahlen soll.