ZEIT ONLINE hat alle Reden des Deutschen Bundestags durchsuchbar gemacht. In ihnen zeigt sich, welche Themen die Debatten dominiert haben und wie stark sich die Sprache im Bundestag verändert hat.

Die Bundeskanzlerin, das ist bekannt, liebt deutsche Hausmannskost. Wenn Angela Merkel kocht, dann bevorzugt schlicht und deftig, was sich beispielsweise in der Zubereitung ihrer legendären Kartoffelsuppe zeigt. Für die wird kein Pürierstab benötigt, sondern lediglich ein Kartoffelstampfer, "so bleiben in der Konsistenz noch immer kleine Stückchen übrig", hat die Kanzlerin einmal der Bunten verraten.

Was Merkel in ihrem Kirschkuchen verbackt, ist nicht überliefert – allerdings zeigt die Analyse der Bundeswörter, was sie in ihre Bundestagsreden verbackt: Kirschkuchen.

Es geht an diesem 10. September 2003 im Deutschen Bundestag, da ist Merkel noch Fraktionschefin der Union, um das Angebot des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), mit der CDU und CSU unter anderem beim Vorziehen der Steuerreform zusammenzuarbeiten – worauf Merkel entgegnet: "Wir werden nicht im Anschluss an eine Idee, die nicht die unsrige war, Ihre Arbeit machen."

Bei der SPD wird gelacht, aber Merkel spricht weiter: "Das ist so, als wenn Sie sich hinstellen und sagen – ich habe das schon öfter festgestellt –: Wir brauchen Kirschkuchen, kennen Sie ein Backrezept dafür? – Wenn Sie Kirschkuchen brauchen, backen Sie ihn sich selbst! Wir essen dann gerne mit, Herr Bundeskanzler."

Die Rede Merkels war eine eher unterdurchschnittliche, was auch am etwas unglücklichen Einstieg lag, als Merkel in die Richtung von Schröder sagte, sie wolle nicht erleben, "dass Sie in drei oder vier Jahren hier stehen". Erst dem Kontrahenten die Wiederwahl vorhersagen und dann auch noch die Sache mit dem Kirschkuchen. Die Süddeutsche Zeitung schreibt von einem "Bad Hair Day", einem Tag, "an dem nichts gelingt, nicht einmal die Frisur".

Genüsslich stürzen sich auch die Regierungsparteien auf Merkels etwas ungelenke Back-Metapher. Besonders deutlich wird am Folgetag Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne): "Meine Damen und Herren, ich habe der Debatte von gestern entnommen, dass sich Frau Merkel zu der Frage des Backens von Kirschkuchen geäußert hat. Wenn ich das Verhalten der Union im Bundesrat sehe, dann kann ich Ihnen nur sagen: Sie sind selbst zu blöde, nach Ihrem eigenen Rezept Kirschkuchen zu backen." Trittin geht die Oppositionsführerin so hart an, dass er von Bundestagsvizepräsident Hermann Otto Solms (FDP) ermahnt wird.

Und noch einen Tag später lässt sich der Grünenabgeordnete Alexander Bonde zu der Aussage hinreißen: "Nach Florida-Rolf kommt Kirschkuchen-Angela: keine Rezepte, aber mitessen wollen."

Nun hat die Geschichte gezeigt, dass Merkel nicht nur mitessen – sondern die politische Menüfolge selbst bestimmen sollte. Die Frau, die in diesen Septembertagen von den rot-grünen Herren so belacht wird, muss noch etwas mehr als zwei Jahre warten, bis sie am 22. November 2005 zur Bundeskanzlerin gewählt wird. Von Kirschkuchen hat seitdem im Deutschen Bundestag niemand mehr gesprochen.