Sebastian Fischer von der CDU ist unterwegs, um die Reste seines politischen Lebens einzusammeln. Er ist ein Verlierer, aber nicht der Typ, jetzt auch noch wie einer dazustehen. Selbstmitleid mag er gar nicht. "Das Leben geht weiter", sagt er. "Was soll ich denn jetzt rumjammern? Das war eine demokratische Entscheidung. Schlechte Laune verbreiten doch genug andere im Land." Noch einmal kurvt er mit seinem Fischer-Mobil durch Meißen 2, seinen sächsischen Wahlkreis. Viele Felder, winzige Dörfer, zwischendurch lugt hinter Hügeln eine Kleinstadt hervor. Ländlicher Raum. Fischer sagt lieber: "Heimat".

Eigentlich schien Sebastian Fischer der perfekte CDU-Direktkandidat für diese Ecke. Seit 2009 hatte er sein Mandat hier zweimal gewonnen. Ein stämmiger Typ, handfest und zünftig, der auch bei dieser Tour von Hinz und Kunz gegrüßt wird. Der 37-Jährige ist hier aufgewachsen und bekannt als erzkonservativer CDUler. Ein Unionsrabauke, über den selbst in der eigenen Partei manche seufzten, wenn seine Sprüche mal wieder zu sehr dröhnten, er zu weit rechts irrlichterte und der AfD dabei verdächtig nahekam. Manche waren auch froh, ihn zu haben. Weil er zu dieser Gegend offenbar passt, die noch nie im Verdacht stand, besonders links zu wählen.

Fischer schimpft gern mal auf "linke Ideologen, die etwas gegen gesunden Patriotismus haben". Auch über Städter lästert er gern, auf die Provinz dagegen würde er nie etwas kommen lassen, auf all die Dörfer, die hier zum Beispiel Skäßchen, Stroga oder Skaup heißen.

Ein Duell am äußersten rechten Rand

Nun muss er sie alle abklappern, um seine Plakate von den Straßenrändern einzusammeln, eine seiner finalen Aktionen als Politiker. Sein Platz auf der CDU-Liste war zu weit hinten. Seinen Wahlkreis hat die AfD übernommen, ausgerechnet, denn eigentlich trennte Sebastian Fischer nicht viel von seinem AfD-Kontrahenten. Monatelang führte er in Meißen 2 ein politisches Duell am äußersten rechten Rand. Es ging um die Frage: Wie weit muss man gehen, um in dieser Ecke zu gewinnen? Gibt es für einen Sieg gegen die AfD überhaupt Strategien? Falls ja, dann hat Fischer sie nicht gefunden.

Die Region ist ländlich, aber keine triste Pampa. Es gibt die üblichen Probleme, immer weniger Ärzte, zu wenige Läden und Busverbindungen. Aber Dresden ist nur 30 Kilometer entfernt, es gibt die nahe Autobahn, allerhand soliden Mittelstand, wenig Arbeitslose. "Man kann nicht sagen, dass wir hier abgehängt sind, vieles hat sich in den letzten Jahren super entwickelt", sagt Sebastian Fischer.

Er lebt auf einem Hof unweit von seinen Eltern. Am Wahlsonntag saß er zu Hause und war zunächst erleichtert, als er die sächsischen CDU-Ergebnisse sah: 32,1 Prozent – seine Partei war nach allem Zittern doch wieder an erster Stelle. Bei der Landtagswahl 2014 waren es noch 59 CDU-Direktmandate gewesen, also fast alle, nun blieben immerhin 41 übrig. 15 gewann die AfD als zweitstärkste Partei. "Das ist kein riesiger Sieg für die CDU", sagt Fischer. "Aber wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Und wenigstens sind die Brüller von der AfD nicht stärkste Kraft geworden."

Acht Prozentpunkte hinter dem AfD-Konkurrenten

Fischer selbst wurde in dieser Nacht zum Verlierer. Er hatte vorher schon geahnt, dass es knapp werden könnte. Tatsächlich rief abends ein Ortsvorsteher nach dem anderen bei ihm an und warnte: Es gebe bei den Auszählungen in den Dörfern viele AfD-Stimmen. Bald darauf war es amtlich. Der Wahlkreis Meißen 2 war komplett hellblau. Keine einzige Gemeinde hatte für Fischer gestimmt, überall hatte sein Kontrahent Mario Beger von der AfD gewonnen. Die anderen Parteien spielten kaum eine Rolle. Am Ende stand es 40,1 Prozent für Beger, Fischer lag acht Prozentpunkte hinter ihm.

Wie konnte das passieren? Sebastian Fischer weiß am Tag danach, während er seine Plakate von Zäunen abknipst und in den Wagen wirft, selbst noch keine richtige Antwort. "Ich habe viel geackert. Zumindest habe ich das geglaubt."

Er wusste immer, dass sich sein Kampf im Wahlkreis gegen die AfD richtet. Eigentlich dachte Fischer, er habe eine gute Strategie dafür gefunden. Punkt eins auf seiner Agenda: extrem präsent sein, sich monatelang durch die Dörfer wühlen, sich ein Beispiel am CDU-Spitzenkandidaten Michael Kretschmer nehmen, den Fischer ein bisschen vergöttert. "Kretschmer ist ein absoluter Kraftquell. So viel, wie der arbeitet, das schafft eigentlich kein normaler Mensch. Der hat übersinnliche Kräfte. Aber ich war zumindest nah dran."