Sebastian Fischer vor seinem Wahlkampfmobil © Doreen Reinhard für ZEIT ONLINE

Einem Direktkandidaten wie ihm musste man nicht erst erklären, dass die sächsische CDU nach Jahrzehnten, in denen Siege und Macht beinahe von selbst kamen, jetzt endlich mal aufwachen und kämpfen müsse. Fischer hatte das begriffen. Er platzierte seine Botschaften auf Facebook und Twitter. Und er war ständig bei den Vereinsleuten und Handwerkern, bei den Jägern und Bauern.

Er lud zu Stammtischen in Dorfkneipen ein und verteilte dort nicht einfach Kugelschreiber und Broschüren, sondern ließ sich etwas Besonderes einfallen. Fischer verschenkte auch Holzlöffel und sein Rezept für sächsische Kartoffelsuppe, "etwas von hier, ist ja klar", denn er ist gelernter Koch. Im Endspurt ist er noch mal durch alle Dörfer gefahren und hat seine Wahlplakate mit Edding handbeschrieben, mit persönlichen Botschaften für jedes einzelne Dorf. Eines hat er mit dem Spruch des örtlichen Karnevalsvereins gegrüßt, einem anderen einen neuen Radweg versprochen, auf dem nächsten stand: "Für Heimat und Vaterland".

Das ist sehr nah dran an manchem Plakatspruch der AfD. Überhaupt trennen den CDUler und die AfD nicht viele Positionen. Das war der entscheidende zweite Punkt von Fischers Agenda. Er gab den Wählerinnen und Wählern kaum Gründe, auf die AfD umzuschwenken. Auch Fischer ist für strenge Asylpolitik und Abschaffung der Russland-Sanktionen, gegen Gemeinschaftsschulen und gegen Frauenquoten. Im Wahlkampf lud er Hans-Georg Maaßen ein, den ehemaligen Verfassungsschutzchef, beliebt bei einigen CDUlern, aber eben auch bei AfD-Anhängern. "Ich sehe auch manches anders als Maaßen, aber die Leute sollten debattieren." Geholfen hat es nicht.

"Bei mir herrscht Anstand"

Sebastian Fischer verteidigt seinen Kurs. "Wenn mir jemand sagt, du bist rechts, dann habe ich damit überhaupt kein Problem." Aber es gebe auch Unterschiede zwischen ihm und der AfD. "Ich bewege mich im demokratischen Spektrum. Und bei mir herrscht Anstand. Es wird nicht gelogen. Es wird niemand beleidigt, der anders aussieht oder spricht. Es gibt keine rassistischen Ausfälle." Genau das wirft er dem AfDler Mario Beger vor. Der sei "ein unpolitischer Politiker. Er ist populistisch und obrigkeitshörig. Bei ihm geht es um miese Stimmung und simple Botschaften."

Besonders geärgert hat Fischer sich über ein Video, das Beger kurz vor der Wahl auf seinem Facebook-Profil hochgeladen hat. Darin sagt der AfD-Mann düstere Sätze vor dramatischen Bildern. "Die Freiheit wird uns hier scheibchenweise weggenommen … In jedem Land dieser Welt kann die Bevölkerung stolz auf ihre Nationalität sein. Nur wir Deutschen dürfen das nicht … Das steht uns bevor, eine Geldentwertung, eine Enteignungswelle, die Grünen, die wollen eine komplett neue Energiepolitik … Was das für Arbeitsplätze kostet …" Fischer tobt innerlich noch immer. "Der Clip hat sich verteilt wie sonst was. Und die Leute glauben solche Botschaften."

Der Wahlsieger Mario Beger

Wer für den AfD-Sieg gesorgt hat, erfährt man in Großenhain, einer hübschen Kleinstadt. Im Zentrum ist das Wahlkreisbüro von Mario Beger. Er hat Stress, Sitzungen stehen an, Beger gibt Interviews im Akkord, außerdem stehen ständig Bürger und Bürgerinnen vor ihm, um zu gratulieren.

Eine Frau in den Sechzigern erklärt begeistert: "Also Ihr Video, das hat mir gefallen. Da sprechen Sie mal aus, was alle hier denken." Schnell geht es um Migranten. Eher abstrakt, denn in der Stadt sieht man nicht viele. Beger: "Politisch Verfolgten muss man helfen, ich war ja früher selbst mal einer. Aber wenn die jetzt die halbe Welt einladen, die Afrikaner wegen des Klimas und so, das geht doch nicht." Die Frau nickt: "Die haben ja auch Kulturen, die kommen hier gar nicht klar, diese Buschleute, sag ich mal. Was wollen die denn hier?"

Ein Mann um die dreißig erzählt von Sorgen bei der Jobsuche. Erst war er Friseur, dann Metallbauer, immer Niedriglöhner. Für halbwegs ordentliche Gehälter müsse er weit pendeln, auch deshalb sei er AfD-Wähler. "Das ist bei mir Überzeugung. Mir geht's nicht schlecht, aber mir ging's schon mal besser." Was ihn auch nerve: "dass man immer als rechtsradikal abgestempelt wird." Mario Beger schüttelt mit dem Kopf: "Ich habe in der Partei noch nie rechtsradikale Leute getroffen."

Ein älterer Mann mit Hund stürmt herein und ruft, dass "vor einigen Tagen mal wieder Kanaken hinter Mädels her" gewesen sein. Beger bremst ein bisschen: "Na, na …". Der Mann entgegnet: "Aber Kanake heißt doch übersetzt Mensch, weeßte das nicht?"

Die nächste Frau klagt: "Ich hätte mir von der Wende was anderes erhofft. Wir werden doch hier wie eine zweite Garnitur behandelt. Meine Mutter ist im Pflegeheim. Sie wird dort ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Das sind alles solche Sachen. Da platzt mir der Kragen." CDU wählen kommt für sie nicht infrage.