Selbst im Moment des Sieges kann die CDU das Fehlermachen nicht ganz abstellen: Am Morgen nachdem Michael Kretschmer überraschend gute 32,1 Prozent der Stimmen in Sachsen holte, trat die Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer im Morgenmagazin der ARD auf. Auf die Frage, ob ihre Partei bei der Abgrenzung Richtung AfD bleiben und ein Viertel der Wählerinnen und Wähler außen vor lassen könne, sagte Kramp-Karrenbauer: "Ja, wir können." Das habe die Partei in den Gremien bereits festgelegt.

Im schnellatmigen Internet wurde daraus etwas verkürzt: AKK verzichtet freiwillig auf ein Viertel der Wähler. Was wiederum der Wahlsieger so nicht stehen lassen wollte: "Wir verzichten auf überhaupt keine Wählerstimme", musste Kretschmer am Montagmorgen in Berlin eilig richtigstellen. "Ich gebe niemanden auf."

Die CDU hat die Wahl in Sachsen gewonnen – die gleichzeitige Niederlage in Brandenburg fällt nicht so ins Gewicht, weil man dort ohnehin nie stärkste Kraft war. Zudem strebt die CDU eine Junior-Rolle in einer Koalition mit SPD und Grünen an. Nach zehn Jahren Opposition immerhin ein kleiner Trost.

Die Werteunion stänkert weiter

Gelungen ist der Sieg in Sachsen auch, weil Kretschmer sich im Wahlkampf deutlich von der AfD abgegrenzt hat. Den Aufstieg der Grünen konnte er so abfedern, von Nichtwählern, Sozialdemokraten ja selbst der Linkspartei hat er Stimmen ziehen können. Alles Wählerinnen und Wähler, die wohl verhindern wollten, dass die AfD doch stärkste Kraft wird. Auch die Parteichefin weiß, dass viele Stimmen nicht der Stärke des eigenen Programms geschuldet sind. Sie spricht von einem "schwierigen Ergebnis".

Landtagswahlen - Wie weit ist die AfD von der Macht entfernt? Die AfD hat in Brandenburg und Sachsen Rekordergebnisse erzielt. Warum man trotzdem auch optimistisch auf die Wahlen im Osten blicken kann © Foto: Herbert Müller für ZEIT ONLINE

Auch wenn ihre Linie – klare Kante zur AfD – bestätigt wurde: Die Partei, die sich im Prinzip seit Jahren im mehr oder weniger offenen Richtungsstreit befindet, ist mit diesem Ergebnis zwar besänftigt – aber nicht befriedet. Nicht mal 90 Minuten nach den ersten Hochrechnungen verschickte die Werteunion, ein kleiner Verein ultrakonservativer Christdemokraten, am Sonntagabend ihre erste Pressemitteilung: "Aus Sicht der Werteunion hat sich das Engagement von Hans-Georg Maaßen im Wahlkampf bezahlt gemacht." Das Vertrauen der Wählerinnen in eine bürgerlich-konservative CDU-Politik dürfe nun auf keinen Fall "durch eine Koalition unter Beteiligung der linksradikalen Grünen" gefährdet werden.

Ausgestanden ist der Streit also nicht: Im Wahlkampf hatte der ehemalige Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz auf Einladung von CDUlern im Osten den konservativen Zampano gespielt. Er hatte sich in einem Radiointerview zweideutig zu einer Koalition mit der AfD geäußert, die Grünen verteufelt und allerlei Spitzen auf die Parteiführung abgelassen. Bis es der Bundesvorsitzenden reichte. Tapsig und gleichzeitig ungestüm rüffelte Kramp-Karrenbauer Maaßen, brachte einen Parteiausschluss ins Gespräch. Wenig später erklärten auch die wahlkämpfenden Landeschefs von Sachsen und Brandenburg, Kretschmer und Ingo Senftleben, Maaßen für nicht mehr willkommen. Auch sie hatten wohl gemerkt, dass die Hoffnung, Maaßen könne in nennenswertem Umfang Stimmen von der AfD abziehen, wohl nur eine Illusion bleiben würden.

Widerstreitende Interessen beim Klimaschutz in der CDU

Bei der Sitzung der CDU-Spitzen in Berlin am Montagvormittag ging es dann zwar dem Vernehmen nach auch noch mal um die Frage, auf welche Wählerinnen und Wähler man verzichten könne. Oder eben nicht. Angesprochen auf Maaßen wurden führende Christdemokraten aber schmallippig: "Zum Thema Werteunion habe ich keinen Gesprächsbedarf", sagte Kretschmer. "Damit bin ich durch." Und sein Brandenburger Parteifreund Senftleben ergänzte: "Wir haben ja nicht erkannt, dass in den Orten, wo Herr Maaßen aufgetreten ist, die Ergebnisse besser wären." Tatsächlich trat Maaßen bei vier CDU-Kandidaten in Sachsen auf. Zwei davon schafften es nicht in den Landtag.

Und nach den Wahlen in zwei neuen Bundesländern – Thüringen folgt dann Ende Oktober – steht schon das nächste Thema an, das an den verschiedenen Enden der CDU zerren wird: Am Dienstag treffen sich zahlreiche führende Parteimitglieder im Konrad-Adenauer-Haus mit vielen Expertinnen und Experten, um über den Klimaschutz zu beraten. Ein solches Werkstattgespräch hatte es zuletzt Anfang des Jahres gegeben. Damals stand die Flüchtlingspolitik auf der Agenda.

Das Format hatte Kramp-Karrenbauer erdacht und schon während ihrer Kandidatur zum Parteivorsitz ins Gespräch gebracht: Es sollte die inhaltlich ausgezehrte Regierungspartei wiederbeleben. Und bei kontroversen Themen allen Seiten das Gefühl geben, gehört zu werden. Intern war damit wohl auch die Hoffnung verbunden, einen Schlussstrich unter das für die CDU so traumatische Jahr 2015 – und die folgende selbstzerstörerische Debatte – zu ziehen. Gelungen ist das nur ansatzweise – wie die Werteunion mit jedem neuen Auftritt beweist. Auch in Thüringen plant Maaßen Auftritte.

Nun also Klimaschutz: Wo der Mittelständler aus Baden-Württemberg seine Interessen in der CDU genauso berücksichtigt wissen will wie Industriearbeiter in Ostdeutschland, Landwirte und Autobauer so wie urbane Christdemokraten, die in westdeutschen Städten von den Grünen abgehängt werden. Es gehe beim Klimaschutz um den Dreiklang "Ökonomie, Ökologie und die soziale Frage", sagt Kretschmer. Nicht leicht, da die Balance zu finden. Kramp-Karrenbauer sagt, sie möchte vor allem auf Basis christdemokratischer Grundwerte eigene Antworten anbieten. Soll heißen: den Eindruck vermeiden, man laufe nur den Grünen hinterher. Zur Ruhe kommen wird die CDU so bald nicht.