Um den Wahlerfolg der sächsischen CDU zu analysieren, reicht für die meisten Teilnehmer der Wahlparty der Partei im Dresdner Landtag ein Name: Michael Kretschmer. Fast alle in der CDU ahnen es wohl: Gewonnen hat hier nicht die Partei von Kurt Biedenkopf, der die Hochrechnungen im schwülheißen Restaurant des Parlaments mitverfolgt, umringt von einer Schar Jungunionisten. Gewonnen hat auch nicht die CDU, die seit 1990 durchgängig den Freistaat Sachsen regiert hat, und das teils gar mit absoluter Mehrheit, wie man es sonst nur von der Schwesterpartei aus Bayern kennt. Nein, dieses Fundament ist längst erodiert. Die 32 Prozent, die die CDU laut den jüngsten Hochrechnungen erzielen konnte und mit denen sie deutlich über dem CDU-Bundestrend liegt, sind allein ein Sieg des jungen Ministerpräsidenten.

Was das Ergebnis so gefährlich für die CDU macht.

Wie ein Besessener war Kretschmer durch das Land gereist, gerade erst 19 Monate ist er im Amt und war seither im Dauerwahlkampf. Ausgerechnet Kretschmer, der Wahlverlierer von 2017, der seinen Wahlkreis an einen AfD-Mann verloren hatte und aus dem Bundestag flog. Eher durch Zufall war er der Nachfolger seines Vorgängers, des blassen Stanislaw Tillich, geworden.

Kretschmer, so erzählt man sich schmunzelnd bei der sächsischen CDU, habe jedem Sachsen, der nicht schnell genug wegrannte, eine Bratwurst gegrillt und ihn in ein Gespräch verwickelt. Sein Stil: rausgehen, den Wütenden sicher nicht recht geben, aber wenigstens zuhören – auch wenn das oft genug wehtut. Dieser Stil hat vielen imponiert. Nach Chemnitz war er gefahren, kurz nachdem dort die AfD Seite an Seite mit einem rechten Mob marschiert war. Wenig später versuchte er sich in seiner Regierungserklärung im Landtag an etwas, das ihm viele Sympathien eingebracht hat: seine Landsleute in Schutz zu nehmen vor Pauschalurteilen. Und ihnen gleichzeitig ins Gewissen zu reden, das Geschehene nicht zu verharmlosen – frei nach dem Motto: So geht's nicht.

Michael Kretschmer - "Das freundliche Sachsen hat gewonnen" Die CDU bleibt stärkste Partei in Sachsen. Ministerpräsident Michael Kretschmer sprach von einem guten Tag für den Freistaat. © Foto: Maja Hitij/Getty Images

Ein Sieg auf Kosten der Partner

Während die AfD im Wahlkampf darauf setzte, Trotz und Frust zu verstärken, versuchte Kretschmer, mit einer fröhlichen Variante des Sachsenstolzes zu punkten. Und es zahlte sich aus: Gerade im Schlussspurt, das zeigen die Nachwahlbefragungen, hat die Zufriedenheit mit Kretschmer und seiner Arbeit deutlich hinzugewonnen, und das über alle Lagergrenzen hinweg. "Das freundliche Sachsen hat gewonnen", sagte Kretschmer denn auch erleichtert, als er kurz nach den ersten Prognosen vor seine Anhänger trat. "Das ist wirklich ein guter Tag für das Land." Und auch für ihn persönlich: Dieses Mal gewinnt Kretschmer im Zweikampf mit der AfD sein Direktmandat in Görlitz.

Sein Sieg in Sachsen war keinesfalls sicher. Bei der EU-Wahl im Frühsommer und bei der Bundestagswahl 2017 hatte die AfD noch die meisten Stimmen im Freistaat geholt. Magere 23 Prozent hatten im Mai der CDU ihre Stimme gegeben. Wer weiß, vielleicht ist der Sachse bei allem Frust auch einfach vorsichtiger mit seiner Stimme, wenn es wirklich um etwas geht, nämlich darum, eine Regierung zu bestellen.

Der Vergleich mit der EU-Wahl zeigt aber auch die erste große Tücke des Wahlerfolgs der CDU in Sachsen: Auf die AfD entfielen damals 25,3 Prozent. Ein erschreckend starkes Ergebnis, das die Rechtspopulisten bei der Landtagswahl sogar noch mal toppen konnten: 27,8 Prozent bekamen sie diesmal laut den jüngsten Hochrechnungen. "Wir haben unser Ziel verpasst, die AfD deutlich zu schwächen", räumte der emeritierte Professor und Politikberater der CDU, Werner Patzelt, auf der Wahlparty ein.

Und trotzdem dürfte der Ministerpräsident mit seiner strikten Abgrenzung nach rechts außen im Schlussspurt noch viele Stimmen hinzugewonnen haben: Weil er zumindest in den letzten Monaten vor der Wahl alle Zweifel daran ausräumen konnte, dass er nicht vielleicht doch für irgendeine Form der Zusammenarbeit mit der AfD zu haben sei, haben viele liberale Wählerinnen und Wähler aus der Mitte CDU gewählt. In dem Wissen, dass eine starke CDU letztlich der beste Garant für Stabilität ist gegen eine präpotente AfD. Ein Mitglied des Landesvorstands macht sich gegenüber ZEIT ONLINE denn auch keine Illusionen: "Sicherlich haben viele diesmal CDU gewählt, um eine AfD an der Regierung oder als stärkste Kraft zu verhindern."

Schwere Verhandlungen stehen bevor

Der CDU-Sieg in Sachsen ist einer, der auch auf Kosten der möglichen zukünftigen Koalitionspartner, von SPD und Grünen, geht, und auf Kosten der FDP, die es wohl nicht in den Landtag geschafft hat. Immerhin habe das progressive Lager eine Mehrheit, tröstet sich der CDU-Mann. Die große Frage ist nur: Wird sich diese Mehrheit im Landtag auch zusammenbinden lassen zu einer stabilen Regierung?

Für eine Koalition aus CDU und SPD wie bisher reicht es nicht mehr. Eine Option wäre, die Grünen dazuzuholen, zu einem Kenia-Bündnis. Parteifreund Reiner Haseloff, der nebenan in Sachsen-Anhalt mit so einem Bündnis regiert, appellierte in der ARD denn auch gleich an die "staatspolitische Verantwortung" der Parteien.

Doch mit den Grünen verbindet den eher konservativen Landesverband der Sachsen-CDU wenig. Sei es Sicherheits-, Bildungs- oder Klimapolitik: Die Schnittmengen sind klein. Der rechte Rand der Partei bockte schon vor der Wahl. Und selbst Kretschmer hat immer wieder klargemacht, wie sehr ihn eine solche Koalition schmerzen würde. "Solange Kretschmer das nur gut erklärt, wird ihm die Partei schon folgen", glaubt eine Teilnehmerin der Wahlparty dennoch. Sie sieht das Ergebnis entspannt – wohl auch, weil sie bis zuletzt gefürchtet hatte, dass sogar vier Parteien für eine Regierungsbildung nötig werden würden.

Dabei gäbe es eine Alternative, und die ist gerade wegen der relativen Stärke der CDU gleichsam verlockend und bedrohlich: eine CDU-geführte Minderheitsregierung. Die Christdemokraten könnten dann mit wechselnden Mehrheiten im Landtag abstimmen. Ein CDU-Stratege aus Sachsen, der der Idee mehr abgewinnen kann als einer Koalition mit den Grünen, meint ohnehin: Ein Bundesland ließe sich zur Not auch großteils durch exekutives Handeln regieren. Parlamentarische Mehrheiten brauche es nur selten und sie seien mithin überschätzt.

Die Zeit drängt

Das dürfte man vor allem an der Bundesspitze ganz anders sehen. Was, wenn es doch mal zügig eine Mehrheit bräuchte – und plötzlich käme man in die Verlegenheit, auf die Stimmen der AfD angewiesen zu sein? Die Rechtspopulisten würden das den Konservativen in der CDU natürlich so schmackhaft wie möglich machen. Und auch thematische Überschneidungen gibt es mancherorts, etwa bei der Inneren Sicherheit oder auch bei Umweltthemen.

Es wäre der Moment, an dem trotz des guten Egebnisses für die CDU die mühsam von der Berliner Parteispitze aufgebaute Phalanx nach rechts außen anfinge zu bröckeln. Zuletzt hatte das Konrad-Adenauer-Haus, wann immer auf das Thema angesprochen, die schärfste aller Waffen aufblitzen lassen: den Parteiausschluss. Völlig klar ist aber auch, dass die Berliner Parteispitze nicht den ganzen sächsischen Landesvorstand rauswerfen könnte, wenn der mit der AfD stimmen würde. Es bliebe also bei einer leeren Drohung – was wiederum ein Desaster für alle künftigen CDU-Wahlkämpfer wäre, die am Wahlkampfstand erklären müssen, warum ihre Partei nicht Wort hält.

Die Zeit drängt, und sie spielt für eine Minderheitsregierung: Sollte vier Monate nach der konstituierenden Sitzung des Landtags kein Ministerpräsident gewählt sein, müsste die Landtagswahl wiederholt werden. So steht es in der Landesverfassung. Findet Kretschmer bis dahin kein Bündnis, könnte er sich gezwungen sehen, um dieses Szenario abzuwenden, allein mit den Stimmen der CDU zum Landesvater zu werden – im zweiten Wahlgang würde schon die einfache Mehrheit der Stimmen reichen.

Für CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer bedeutet das Wahlergebnis zumindest eine kurze Verschnaufpause. Wäre die CDU hier nur Zweiter geworden, hätte man ihr die Niederlage mit angelastet. Zuletzt hatte sie sich mindestens ungeschickt in den Wahlkampf eingemischt und mit einem Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen kokettiert. Nun hat sie Zeit, sich zu sammeln. Wenigstens das.

Landtagswahl Sachsen 2019

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