Cem Özdemir ist also zurück. Ziemlich genau zwei Jahre lang hatte der einstige Frontmann der Grünen sich relativ im Hintergrund gehalten. Özdemir war ein fleißiger Vorsitzender des Verkehrsausschusses und ließ nur gelegentlich mal durchblicken, dass er auch zu anderen Themen noch was zu sagen hat.

Nun aber drängt der eloquente Schwabe zurück in die erste Reihe der Politik. Er wolle bei der anstehenden Neuwahl für den Fraktionsvorsitz kandidieren, teilte er am Samstag überraschend mit. Dass Özdemir sich zu diesem Schritt entschlossen hat, dürfte wohl nicht nur daran liegen, dass er die kleinste Fraktion im Bundestag zum starken Gegenpol für eine schwachen Regierung machen will, wie er in seiner Bewerbung schreibt. Und dass er das sich selbst und seiner Co-Kandidatin Kirsten Kappert-Gonther offenbar eher zutraut als den amtierenden Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter.

Es hat wohl auch damit zu tun, dass die Grünen sich auf eine mögliche Regierungsbeteiligung vorbereiten. Sollte der Bruch der großen Koalition schon in diesem Herbst erfolgen, heißt es, sich in Position zu bringen für künftige Ministerämter. Nicht ausgeschlossen ist allerdings auch, dass Özdemir dabei noch ein weiteres Amt im Blick hat: die Nachfolge von Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Auch für die kandidiert es sich besser als Grünen-Fraktionschef als als einfacher Fachpolitiker für Verkehr.

Grüne streiten sich nicht mehr

Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn es bei einer Wahl eine Auswahl gibt. In Sachen innerparteilicher Demokratie tut Özdemir den Grünen mit seiner Bewerbung eher etwas Gutes. Dennoch ist seine Kandidatur für die Partei nicht ohne Risiko. Denn ein Teil des Grünen-Hypes, der nun seit fast zwei Jahren anhält, ging auch auf die Tatsache zurück, dass die Grünen sich in der Öffentlichkeit fast gar nicht mehr stritten. Die beiden Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck waren das umjubelte Dreamteam an der Spitze, die beiden bisherigen Fraktionsvorsitzenden reihten sich klaglos dahinter ein.

Sollte Özdemir gewählt werden, dürfte es damit vorbei sein. Zwar betont Özdemir, dass er nicht Spitzenkandidat werden wolle und als Realo hat er mit den beiden Realos Baerbock und Habeck inhaltlich auch keine unüberwindlichen Differenzen beizulegen. Dennoch könnte schon die Tatsache, dass er ganz offen mehr Profil für die Fraktion – und damit für sich – reklamiert, zu Spannungen zwischen beiden Seiten führen.

Ringen um Posten

Hinzukommt: Die Grünen haben sich zuletzt gerne als eine Partei inszeniert, der es anders als anderen vor allem um Sach- und weniger um Machtfragen geht. Dieses Image wird durch die Kampfkandidatur infrage gestellt. An ihr zeigt sich, dass die Grünen eben nach wie vor eine normale Partei sind, in der natürlich auch um Einfluss und Posten gerungen wird. Manchen Wähler und manche Wählerin könnte das ernüchtern. Innerparteilicher Streit ist für Umfragen meist nicht besonders förderlich.

Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum es für die Grünen in den kommenden Monaten ungemütlicher werden könnte: Am 20. September will die Bundesregierung ihren Klimaplan für die kommenden Jahre vorlegen. Kommt dabei mehr heraus als heiße Luft, werden die Grünen es künftig schwerer haben, als einzige echte Klimaretter der Nation aufzutreten. Sie werden vielmehr versuchen müssen, die große Koalition durch noch härtere und damit vermutlich auch unpopulärere Maßnahmen zu toppen. In vielen Fragen, in denen sie zuletzt eine gewisse Unschärfe walten ließen, um nicht wieder das Etikett der Verbotspartei aufgeklebt zu bekommen, werden sie dann konkret werden müssen. Auch das könnte sie Sympathiepunkte kosten.

In den vergangenen Monaten haben sich die Grünen in den Umfragen bundespolitisch als zweitstärkste Kraft etabliert. In den kommenden Wochen wird man erste Hinweis darauf erhalten, wie belastbar dieser Erfolg ist.