Der frühere Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Cem Özdemir will Fraktionschef der Grünen im Bundestag werden. Bei der Neuwahl des Fraktionsvorstands am 24. September tritt Özdemir gemeinsam mit der Bremer Abgeordneten Kirsten Kappert-Gonther an. Das Bewerbungsschreiben liegt ZEIT ONLINE vor. Zunächst hatte die Deutsche Presse-Agentur darüber berichtet.

Özdemir und Kappert-Gonther wollen Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter ablösen, die erneut für die Doppelspitze kandidieren. "Wir sind überzeugt davon, dass ein fairer Wettbewerb der Fraktion guttut – nach außen wie nach innen", schreiben Özdemir und Kappert-Gonther in ihrer Bewerbung. Bis zur Bundestagswahl gehe es darum, auch als kleinste Fraktion im Parlament "mit neuem Schwung der Gegenpol einer schwachen Regierung zu sein": "Die Hoffnungen für einen politischen Aufbruch liegen zu Recht maßgeblich bei uns Grünen." Für den nächsten Wahlkampf im Bund würden sie aber keine Spitzenkandidatur anstreben, erklären die beiden Bewerber.

"Wir sind die kleinste Oppositionsfraktion, aber tragen große Verantwortung", schreiben Özdemir und Kappert-Gonther. "Diese Verantwortung wollen wir mit Euch gemeinsam annehmen und bewerben uns als Team bei Euch als Fraktionsvorsitzende." Die Fraktion sei am "schlagkräftigsten", wenn jeder und jede "eine aktive Rolle übernimmt und die eigenen Stärken auch ausspielen kann". Zusammenarbeit solle nicht "Zuarbeit aus fein parzellierten Kleingärten" sein, sondern "ein gemeinsames Einstehen für miteinander entwickelte Projekte".

Göring-Eckardt und Hofreiter führen die Fraktion seit 2013

Die Fraktionschefs der Grünen werden einzeln gewählt. Ein Duo muss aus einem Mann und einer Frau bestehen. In der Regel sind beide Parteiflügel – Linke und sogenannte Realpolitiker – an der Spitze der Fraktion vertreten. Kappert-Gonther gehört wie Hofreiter zu den Parteilinken, Özdemir und Göring-Eckardt zu den "Realos".

Das Duo Göring-Eckardt/Hofreiter führt die Fraktion bereits seit Oktober 2013. Bei der vorigen Fraktionswahl im Januar 2018 hatten die beiden ohne Gegenkandidaten jeweils nur rund zwei Drittel der Stimmen der 67 Grünenabgeordneten bekommen. Özdemir war damals als Kandidat nicht angetreten.

Özdemir war bei der Bundestagswahl noch Parteichef und neben Göring-Eckardt Spitzenkandidat der Grünen. Nach dem Scheitern der Gespräche für eine Jamaika-Koalition mit Union und FDP wurde er Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag. Für den Parteivorsitz hatte er nicht erneut kandidiert. 

Thematisch breit aufgestelltes Duo

Özdemir ist 52 Jahre alt und seit 1981 bei den Grünen. Der Sohn türkischer Gastarbeiter erzählt gern von seinem Aufwachsen zwischen zwei Kulturen im baden-württembergischen Bad Urach, seiner teils holprigen Schullaufbahn und von seiner Ausbildung als Erzieher, auf die ein Sozialpädagogikstudium folgte. Integration ist neben der Wirtschaftspolitik eines der wichtigsten Themen des Realpolitikers, auch mit Kritik an der türkischen Regierung macht er immer wieder Schlagzeilen. Özdemir zog 1994 erstmals in den Bundestag. Von 2004 bis 2009 war er Abgeordneter im EU-Parlament. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Kappert-Gonther ist erst seit gut zwei Jahren als Mitglied bundespolitisch aktiv und zog nach der letzten Wahl im Herbst 2017 in den Bundestag ein. Zuvor war die 52-jährige Abgeordnete in der Bremischen Bürgerschaft. In der Bundestagsfraktion ist die gebürtige Marburgerin und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Sprecherin für Drogenpolitik und Gesundheitsförderung.

In den Achtzigerjahren engagierte sich Koppert-Gonther gegen Atomkraft und Rüstung. "Zu den schönsten Erinnerungen dieser Zeit zählen die großen Friedensdemos im Bonner Hofgarten, als wir dachten, dass es gar keine andere Position als unsere geben könnte. Die gab es dann leider doch, die Raketen wurden stationiert", schreibt sie auf ihrer Website. Die überzeugte Fahrradfahrerin ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.