Cem Özdemir hat hoch gepokert, doch genutzt hat es ihm nichts. Als der 53-jährige Ex-Parteichef der Grünen am späten Nachmittag im Bundestag vor die Kameras tritt, ist er nicht der Sieger, sondern der Verlierer des Tages. "Es gab eine Wahl, jetzt ist es entschieden", sagt er. Und gratuliert dann Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, den bisherigen und auch künftigen Fraktionsvorsitzenden zu ihrer Wiederwahl und damit zu jenem Amt, das er selbst gerne gehabt hätte. 

Özdemir habe in der Fraktion kurz zuvor eine "Gänsehautrede" gehalten, findet zumindest einer seiner Unterstützer. Am Ende unterlag er seinem unmittelbaren Konkurrenten Hofreiter jedoch recht deutlich. Der Bayer mit dem halblangen Blondhaar, der im Gegensatz zu Özdemir nicht gerade als begnadeter Redner gilt, erhielt 12 Stimmen beziehungsweise 18 Prozentpunkte mehr als sein Herausforderer. Noch deutlicher siegte Göring-Eckardt über Kirsten Kappert-Gonther, die drogenpolitische Sprecherin der Fraktion, die ausdrücklich im Duett mit Özdemir angetreten war. Göring-Eckardt erhielt 22 Stimmen mehr und erreichte damit ein fast genauso gutes Ergebnis wie bei ihrer letzten Wahl 2018, als es keine Gegenkandidatin gegeben hatte.

"Neuen Schwung" und "mehr Sichtbarkeit" – das war das Versprechen, mit dem Özdemir und Kappert-Gonther vor zwei Wochen überraschend ihre Kandidaturen für den Fraktionsvorsitz begründet hatten. Doch die Mehrheit der Fraktion hatte danach offenbar kein Bedürfnis. Angesichts der guten Umfragewerte der Grünen, mehrerer sehr guter Wahlergebnisse in den vergangenen zwei Jahren und der Beliebtheit der Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck setzten viele Abgeordnete lieber auf Stabilität. An den fröhlichen Gesichtern der beiden Parteivorsitzenden nach der Wahl ließ sich unschwer ablesen, dass auch sie mit diesem Ausgang zufrieden sind.

Kein Brinkhaus-Effekt

Göring-Eckardt und Hofreiter hatten in den vergangenen Jahren zwar selber eher weniger in der Öffentlichkeit geglänzt, doch sie organisierten die Zusammenarbeit mit der Parteispitze reibungslos. Einer Mehrheit der Abgeordneten ist das in Zeiten, in denen es für die Partei ohnehin gut läuft, offenbar genug. Anders als beim überraschenden Erfolg von Ralph Brinkhaus, der vor einem Jahr den langjährigen Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder (beide CDU) aus dem Amt getrieben hatte, fehlte bei den Grünen das Gefühl, dass sich dringend etwas ändern müsse. Die Unzufriedenheit mit der Fraktionsführung, die die Unterstützer von Özdemir und Kappert-Gonther immer wieder beschworen, war offenbar nicht groß genug, um einen Wechsel als notwendig erscheinen zu lassen.

Dass Özdemir und Kappert-Gonther verloren haben, lag aber nicht nur an der politischen Gesamtlage. Es hat schon auch mit den Personen zu tun. Özdemir hat sich in seiner fast zehnjährigen Phase als Parteivorsitzender den Ruf erworben, eher ein ehrgeiziger Solo- als ein Teamplayer zu sein. Insbesondere auf dem linken Flügel weckte er aber auch wegen seiner Positionen (Zusammenarbeit mit Autokonzernen, keine Vermögenssteuer, Waffenlieferungen an die Kurden im Irak) auch inhaltlich viel Skepsis. Dass er zugleich ein guter Redner ist, der sich im Bundestag engagiert mit der AfD auseinandersetzt und aufgrund seiner türkischen Herkunft quasi als Beweis dafür gelten kann, dass man es bei den Grünen auch mit Migrationshintergrund zu etwas bringen kann, fiel da weniger ins Gewicht.

Kappert-Gonther wiederum wurde vorgeworfen, dass sie der Fraktion erst seit zwei Jahren angehört, also über weit weniger parlamentarische Erfahrung verfügt als viele andere in der Fraktion. Ein Eindruck, den sie auch während ihrer zweiwöchigen Kandidatenzeit nicht ausräumen konnte. Von den drei Vorstellungsreden in der Fraktion sei ihre die schwächste gewesen, hieß es anschließend. Vor allem aber fehlte ihr die Unterstützung des eigenen, linken Parteiflügels. Der präferierte nach wie vor den Ökologen Hofreiter. Kappert-Gonther konnte also nur auf die Stimmen jener Realos setzen, die eigentlich Özdemir unterstützen wollten, doch das reichte eben bei Weitem nicht. Und nachdem Göring-Eckardt im ersten Wahlgang gewählt worden war, war auch die Wahl von Hofreiter fast nur noch eine Formsache. Denn wenn mit Göring-Eckardt und Özdemir zwei Realos an der Spitze gestanden hätten, hätte das wohl zu schweren Verwerfungen in der Fraktion geführt.  

Keine einfache Aufgabe

Ganz sicher konnte sich dennoch keiner der Beteiligten sein. Und so wirkten Göring-Eckardt und Hofreiter nach der Wahl sichtlich erleichtert, wohl auch weil das Ergebnis weniger knapp ausgefallen war als befürchtet. Ihre Autorität wurde so nicht beschädigt. Dennoch stehen sie nun vor der Aufgabe, auch jene 40 Prozent, die lieber einen Fraktionschef Özdemir gehabt hätten, einzubinden. Und wenn die Zeiten für die Grünen demnächst wieder ungemütlicher werden sollten, worauf ein leichtes Nachlassen in den Umfragen hinzudeuten scheint, könnte der Unmut über die beiden Fraktionschefs zudem schnell wieder zunehmen.

Kappert-Gonther schien die Niederlage gelassen hinzunehmen. Allzu große Chancen wird sich die 52 Jahre alte Ärztin wohl ohnehin nicht ausgerechnet haben. Und immerhin hat sie auf diese Weise ihre Bekanntheit schlagartig um ein Vielfaches erhöht. Sie werde sich nun wieder mit ganzer Kraft auf ihre eigentliche Aufgabe, nämlich die Gesundheitspolitik, konzentrieren, sagte sie.