Es ist die Woche der klimapolitischen Entscheidungen: Am Freitag will sich das Klimakabinett auf ein Gesetzespaket einigen. Unmittelbar danach fliegt die Bundeskanzlerin zum UN-Klimagipfel in New York, um die deutschen Pläne dort vorzustellen. Dirk Messner, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung – Globale Umweltveränderungen, Direktor des Institute for Environment and Human Security an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn und ab Januar 2020 Präsident des Umweltbundesamts, hat sein Leben lang zu Umwelt- und Entwicklungsfragen geforscht. Im Interview spricht er darüber, was sich jetzt ändern muss.

ZEIT ONLINE: Herr Messner, am Freitag will die Bundesregierung ihre Klimaschutzpläne vorlegen, und seit Wochen überbieten sich maßgebliche Akteure mit immer neuen Vorschlägen. Im Gespräch sind, nur ein paar Beispiele, eine reduzierte Mehrwertsteuer auf Bahnfahrten, eine Abwrackprämie für Ölheizungen und ein Preis auf CO2-Emissionen. Was halten Sie davon?

Dirk Messner: Endlich beschäftigt sich das gesamte Kabinett mit Klimafragen! Das ist wichtig. Ich finde sehr gut, dass das Interesse an Klimathemen inzwischen nicht nur in der Gesellschaft sehr stark ist, wie die Demonstrationen von Fridays For Future und die aktuellen Umfragewerte zeigen, sondern auch in der Politik. Ob die Maßnahmen aber ausreichen, um tatsächlich ernsthaft Klimaschutz zu betreiben, muss man sehen, denn dafür müssen wir zentrale Infrastrukturen und wirtschaftliche Sektoren grundlegend umbauen.

Der Übergang zu einer treibhausgasneutralen Wirtschaft ist kein harmonisches Unterfangen – es wäre naiv, das zu glauben.

ZEIT ONLINE: Im Moment scheint aus den vielen kleinen Detailvorschlägen noch kein großer Umbauplan zu entstehen. In zentralen Punkten sind sich Union und SPD immer noch nicht einig, etwa bei der CO2-Bepreisung.

Messner: Der Übergang zu einer treibhausgasneutralen Wirtschaft ist kein harmonisches Unterfangen – es wäre naiv, das zu glauben. Natürlich steckt darin viel Stoff für Konflikte. Wenn wir 2050 bei null Emissionen landen wollen, ist das extrem anspruchsvoll: Wir müssen alle zehn Jahre die CO2-Emissionen halbieren. Es ist verständlich, dass die einzelnen Sektoren – Energie, Landwirtschaft, Mobilität – es gerne sehen würden, wenn die jeweils anderen zuerst mehr tun, damit sie selbst mehr Zeit bekommen. Der rumpelige politische Prozess ist dafür ein Ausdruck. Aber das Wichtige scheint mir: Jetzt sitzen alle am Tisch und müssen liefern.

ZEIT ONILINE: Welche Vorschläge finden Sie besonders gut?

Messner: Wir führen endlich eine umfassende Diskussion über Mobilität. Sie ähnelt der Debatte über Energie, die wir vor zehn Jahren hatten. Damals hat die Energiewende mit dem Ziel einer Null-Emissions-Energiewirtschaft begonnen – das galt anfangs noch als Verrücktheit. Aber dann kam der Wandel trotzdem in Gang.

China setzt auf Elektrofahrzeuge, der Druck auf die deutsche Automobilwirtschaft ist hoch.

Und genauso reden wir jetzt über eine Null-Emissions-Mobilität. China setzt auf Elektrofahrzeuge, deshalb ist der Druck auf die deutsche Automobilwirtschaft hoch. Bis zum Dieselskandal haben die Unternehmen sich darauf verlassen, dass sie ihr altes Geschäftsmodell weiter betreiben können, aber das geht jetzt nicht mehr. Klimaschutz wird in der Gesellschaft plötzlich wichtig genommen – da kann der Sektor, der für 20 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, nicht mehr weitermachen wie bisher.

ZEIT ONLINE: Sehen die Unternehmen selbst das auch so?

Messner: Die allermeisten haben verstanden, dass ihr Geschäft in Zukunft nur mit Klimaschutz funktioniert. Selbst die schwierigsten Branchen bewegen sich: Stahl, Aluminium, Zement. Jetzt entstehen neue Geschäftsmodelle, und klimafreundliche Investitionen werden vorbereitet. So soll es sein.  Aber die Unternehmen versuchen auch Zeit für den Umbau zu kaufen. Die Politik muss aufpassen, dass das nicht zulasten der Klimaziele geht.

ZEIT ONLINE: Was muss am Freitag unbedingt im Klimagesetz stehen?