Gregor Gysi kennt die Situation der Linken im Osten wie kaum ein anderer in seiner Partei. Als 20-Jähriger trat der Ost-Berliner 1967 in die SED ein. Nach der Wende wurde er Vorsitzender der Nachfolgepartei PDS. Gemeinsam mit Oskar Lafontaine betrieb er 2007 den Zusammenschluss der PDS mit der westdeutschen WASG zur Linkspartei. Er war mehrere Jahre Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, dem er auch jetzt noch angehört.

ZEIT ONLINE: Die Linke hat in Sachsen und Brandenburg so stark verloren wie keine andere Partei. Hat die Linke ihren Nimbus als Ostpartei verloren?

Gregor Gysi: Nein, das glaube ich nicht. Eine Umfrage am Wahltag hat bestätigt, dass die meiste Kompetenz in ostdeutschen Fragen immer noch uns zugebilligt wird. Allerdings haben wir das in den vergangenen Jahren vielleicht nicht deutlich genug gemacht. Wir haben uns so gefreut, dass wir auch im Westen stärker geworden sind, zum Beispiel in Bremen nun erstmals in einer westdeutschen Landesregierung vertreten sind, dass wir die Ostprobleme zu wenig betont haben. Das war nicht gut.

ZEIT ONLINE: Die AfD hat in Brandenburg und Sachsen stärker gewonnen als alle anderen Parteien und ist im Osten generell viel stärker als im Westen. Ist sie die neue Ostpartei?

Gysi: Ich würde sie nicht als neue Ostpartei bezeichnen, sondern als uralte Partei. Dennoch: Früher hat man, wenn man alle Etablierten treffen wollte, die PDS oder die Linke gewählt, weil man wusste, dass sich alle Etablierten darüber schwarzärgern. Jetzt sind wir in der Landesregierung in Berlin, in der Regierung in Brandenburg und stellen den Ministerpräsidenten in Thüringen. Ob wir es wollen oder nicht: wir gelten nicht mehr als Protestpartei. Wenn wir drei, vier Prozent gewonnen hätten, hätte sich das Aufstöhnen darüber selbst bei der Union in Grenzen gehalten. Wenn man aber AfD wählt, dann weiß man, dass alle Etablierten sich ärgern. Diejenigen, die die Etablierten treffen wollen, weil sie so unzufrieden sind mit der Lage, wählen deshalb AfD. Die Linke kann aber nicht einfach zurück in die alte Rolle, sondern muss eine neue Identität finden.

ZEIT ONLINE: Worüber sind die Menschen denn so unzufrieden, die nun AfD wählen?

Gysi: Es gibt da eine Menge interessanter Widersprüche. 70 bis 80 Prozent der Menschen im Osten sagen, dass es ihnen persönlich gut geht, aber auf die Frage, wie es allen im Osten geht, sagen 70 Prozent: schlecht. Die eigene Lage wird nicht in Übereinstimmung gebracht mit der Gesamtlage. Das hat Gründe. Viele fühlten sich bei der Herstellung der Einheit als Deutsche zweiter Klasse, nicht nur weil der Osten deindustrialisiert wurde, sondern auch weil nichts von den Leistungen, die es im Osten auch gab, vom Westen übernommen wurde. Der Westen war nicht bereit, ein einziges Symbol zu ändern, weder die Bezeichnung des Landes noch die Hymne oder die Fahne oder auch nur die Bezeichnung einer Bundesbehörde. Diese geringe Wertschätzung, unter der viele im Osten litten und leiden, überträgt sich sogar auf die nächste Generation. Die, die AfD wählen, fühlen sich nicht als Teil unserer Gesellschaft, sondern irgendwie draußen. Sie überlegen, wie sie die Gesellschaft treffen können.

ZEIT ONLINE: Aber wieso erreichen Sie als Linke diese Menschen nicht mehr oder jedenfalls weit weniger als früher?

Gysi: Wie gesagt, wir haben in letzter Zeit die Ostinteressen zu wenig betont. Wir müssen auch für ökologische Nachhaltigkeit sein, aber anders als die Grünen. Die wollen immer antiökologisches Verhalten teuer machen, damit es selten wird. Gleichzeitig wird es damit aber auch zum Privileg. Das darf nie der Weg der Linken sein. Wir leiden aber auch darunter, dass die Linken gemeinsam mit SPD und Grünen in einen Topf der gesellschaftlichen Linken gesteckt werden. SPD und Grüne haben Deutschland in den ersten Krieg seit 1945 geführt und durch die Agenda 2010 hier den größten Niedriglohnsektor innerhalb der EU und millionenfache prekäre Beschäftigung organisiert. Wir haben immer dagegen protestiert, aber weil wir Teil des linken Lagers in Deutschland sind, werden wir dafür mitverantwortlich gemacht.

ZEIT ONLINE: Ihre stärksten Ergebnisse hatte die Linke im Osten zu den Zeiten, als die Arbeitslosigkeit besonders hoch war. Mittlerweile liegt sie auch hier bei fünf bis sieben Prozent. Ist der wirtschaftliche Erfolg auch einer der Gründe für die Schwäche der Linken, weil ihre klassischen Themen nicht mehr ziehen?

Gysi: Viele sind ja nun in Rente, aus dem Osten wird so ein bisschen die Republik der Rentnerinnen und Rentner gemacht. Da geht es dann um andere Fragen. Aber es gibt noch genug Probleme: Der ländliche Raum ist zum Beispiel völlig vernachlässigt worden, in Sachsen schlimmer als in Brandenburg. Da haben sich die Konservativen immer gesagt, die Leute hier wählen uns ja sowieso, wir müssen uns um die Städte kümmern. Irrtum, jetzt wählen viele auf dem Land die AfD. Das ganze Verhältnis zur öffentlichen Daseinsfürsorge, sei es beim öffentlichen Nahverkehr, bei der Gesundheit, bei Bildung oder beim Wohnen, stimmt nicht. Das schadet dann der Demokratie, weil viele Menschen zu Protestwählern werden.

ZEIT ONLINE: Ein Teil Ihrer Partei kritisiert die Haltung der Parteispitze in der Migrationsfrage, das heißt die Festlegung auf offene Grenzen. Hat das zum Bedeutungsverlust der Linken im Osten beigetragen?

Gysi: Was uns geschadet hat, ist der Streit darum. Man darf der AfD nie entgegenkommen, auch nicht so ein bisschen. Damit legitimiere ich ja deren Positionen. Die Aufgabe der Linken ist es, die Ursachen für Flucht und Migration zu benennen und die wirksamsten Maßnahmen dagegen. Darauf hätten wir uns konzentrieren müssen, was viele, aber nicht alle getan haben. Auch der Streit über den Euro und darüber, wie viel EU wir wollen, war nicht gut. Die Grünen streiten genauso viel wie wir, aber nichts davon lese ich in den Zeitungen. Bei uns steht ein Streit schon in der Zeitung, wenn er noch gar nicht stattgefunden hat. Da müssen wir unser Klima verändern.