Als die SPD am Sonntagabend in Brandenburg ihren Wahlsieg feierte, war es für Klara Geywitz ein sehr bitterer Abend. Bei der Landtagswahl verlor die 43-jährige langjährige Abgeordnete ihr Direktmandat in Potsdam an eine Grüne und flog aus dem Parlament. Langweilig wird ihr erst mal nicht: Geywitz kandidiert im Duo mit Vizekanzler Olaf Scholz für den SPD-Vorsitz, ab Mittwoch stellt sie sich in 23 Regionalkonferenzen den Fragen der Parteibasis. Wie sie die SPD verändern will, was sie aus ihrer Niederlage gegen die Grünen lernt und was sie unter Feminismus versteht, erzählt Geywitz, Mutter einer 11-jährigen Tochter und zweier 8-jähriger Zwillingssöhne, im Interview.

ZEIT ONLINE: Frau Geywitz, die SPD sucht eine Frau und einen Mann für den Parteivorsitz, und die Rolle der Frauen wird kontrovers diskutiert. Führende SPD-Frauen wie Manuela Schwesig, Franziska Giffey und Katarina Barley wollten nicht, andere wie Sie waren einer größeren Öffentlichkeit bisher nicht so bekannt. Das sehen manche als ein Problem. Sie auch?

Geywitz: Ich finde das mit "Kennt ja keiner" irgendwie putzig. So hieß es auch, als Katarina Barley Generalsekretärin wurde und Franziska Giffey Familienministerin. Daraus kann man lernen, dass Frauen nur dann in der SPD bekannt werden, wenn man ihnen eine Funktion gibt. Und das ist in diesem Bewerbungsprozess nun der Fall. Jetzt werden wir 23 Regionalkonferenzen im Kampf um den SPD-Vorsitz erleben und danach werden wir teilnehmenden Frauen viel bekannter sein als vorher.

ZEIT ONLINE: Sie haben schon klargemacht, dass Sie nicht das "dekorative Salatblatt" an Scholz’ Seite sein wollen. Dann fragen wir doch mal umgekehrt: Warum ist Olaf Scholz der richtige Kandidat an Ihrer Seite?

Geywitz: Wir brauchen an der Spitze der Sozialdemokratie jemanden, der sich sehr gut auskennt, weil wir in Deutschland und Europa vor sehr großen Herausforderungen stehen. Er bringt das mit, ich die Erfahrung von der Basis, von vor Ort. Und als Frau war mir wichtig, dass Olaf Scholz jemand ist, mit dem man partnerschaftlich an eine solche Mammutaufgabe herangehen kann. Da gibt es ja solche und solche Männer. 

ZEIT ONLINE: Interessant, dass Sie das sagen. In der SPD heißt es, Scholz halte niemanden für so schlau wie sich selbst.

Geywitz: Olaf Scholz ist schon sehr belesen, aber das ist doch eine gute Eigenschaft. Wir kennen uns aus Potsdam, wo wir beide wohnen. Bei uns stimmt die Chemie, sonst hätte ich das sicher nicht gemacht.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Geywitz: Ich glaube, das könnte man behaupten. Ich habe in Brandenburg das erste Gesetz auf den Weg gebracht, nach dem künftig Frauen und Männer zu gleichen Teilen im Landtag vertreten sein müssen. Feminismus umfasst für mich viele Themen: Er will Diskriminierungen abbauen, da sind wir schon weit vorangekommen in den vergangenen Jahren. Bis 1976 mussten Ehefrauen im Westen ihren Mann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten, bei uns im Osten ist das schon länger abgeschafft. Aber auch hier gibt es Hindernisse. Als junge Frau habe ich immer nicht verstanden, was ältere Frauen über Benachteiligung erzählen. Aber als ich dann drei Kinder bekommen habe, merkte ich, dass es nicht immer sichtbare, aber merkbare Hürden für Frauen gibt, die zum Beispiel dazu führen, dass Frauen weniger oft in die Berufspolitik gehen oder dass sie in anderen Jobs in der Teilzeitfalle hängen. Als ich Generalsekretärin war, habe ich zum Beispiel dafür gesorgt, dass Koalitionsausschüsse tagsüber stattfinden, damit ich abends meine Kinder sehen kann.

ZEIT ONLINE: Ist der Feminismus in Ostdeutschland pragmatischer?

Geywitz: Vielleicht. Ein interessanter Unterschied ist: in Ostdeutschland gibt es nicht diese Sensibilität für Sprache, hier kann es Ihnen passieren, dass Frauen sich heute noch vorstellen mit dem Hinweis: Ich bin Lehrer, ich bin Ingenieur – und gar nichts dabei finden. Aber von westdeutschen Frauen haben wir gelernt, dass eine bewusste Sprache wichtig ist, um auch etwas in Köpfen zu verändern.

ZEIT ONLINE: Welche weibliche Politikerin hat Sie besonders geprägt?

Geywitz: Ich glaube, für alle Politikerinnen ist Angela Merkel eine spannende Persönlichkeit. Man kann viel von ihr lernen: wie sie lange zu Unrecht unterschätzt wurde, wie sie ihre männlichen Gegner beiseiteschob, wie sie mit den ständigen Kommentaren über ihr Aussehen umging. Aber ein Vorbild ist sie nicht für mich. Ich bin emotionaler und ich glaube fest daran, dass man Menschen Politik erklären muss, damit sie akzeptiert wird. Heide Simonis fand ich als Ministerpräsidentin immer sehr toll.

ZEIT ONLINE: Am Mittwoch ist die erste Bewerberrunde um den SPD-Vorsitz in Saarbrücken. Insgesamt 17 Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich auf einer Bühne vor, da müssen Sie pointiert sein, um herauszustechen. Mit welchen drei Worten würden Sie Ihren Charakter beschreiben?

Geywitz: Ich bin konkret, lösungsorientiert und sehr verlässlich.