Wenn AfD-Chef Jörg Meuthen über die Zukunft seiner Partei spricht, zieht er gern einmal den Vergleich zwischen Deutschland und Italien. In Italien gehe die gewünschte Veränderung vom Norden aus, sagt Meuthen, von dort, wo sich die populistische Lega gründete, die bis vor Kurzem in Italien mitregierte und mit der Meuthen im Europarlament in einer Fraktion sitzt. In Deutschland indes beginne die erwünschte Entwicklung im Osten. Von Sachsen und Brandenburg ausgehend, hofft Meuthen, werde die AfD einst auch zwischen Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein erstarken. Dort erreicht die AfD bisher vielerorts kaum mehr als zehn Prozent.

An Selbstbewusstsein mangelt es der AfD im Osten jedenfalls nicht. Eigens einen Elbdampfer hatte die Partei in Dresden angemietet, die Gräfin Cosel, um das Ergebnis der Landtagswahl zu feiern: Es war nicht der erhoffte Sieg über CDU und SPD, aber auch der zweite Platz reichte der AfD zum Feiern. Wer an Bord wollte, musste aber an etwa Hundert überwiegend jungen Demonstranten vorbei. "Nie wieder Deutschland", skandierten sie von einer Terrasse oberhalb der Anlegestelle. "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen", brüllten die AfD-Wahlhelfer und Vertreter der Parteijugend vom Deck des Dampfers zurück.

Am Steg, wo zwei Männer unbeirrt zur Gitarre Heimatlieder sangen und Liedblätter feilboten, stand auch Jörg Meuthen. Warum die AfD die einzige Partei ist, gegen die bei Wahlen demonstriert wird? "Wir sind eben die einzige, die eine echte Alternative anbietet", sagt Meuthen. Von der Terrasse schallt es: "AfD, Rassistenpack, wir haben euch zum Kotzen satt."

Auch wenn die Partei das von Meuthen im Wahlkampf gesetzte Ziel verfehlt hat, die AfD werde "stärkste Kraft in zwei Bundesländern". Sie wird in die Landtage von Dresden und Potsdam mit einem Vielfachen der bisherigen Abgeordneten einziehen. In Sachsen hat der Landesverband von Spitzenkandidat Jörg Urban bisherige Resultate übertroffen. In Brandenburg war die AfD mit Andreas Kalbitz etwas erfolgreicher, als die jüngsten Umfragen nahegelegt hatten – sie liegt aber deutlich hinter der SPD. Die jüngst bekannt gewordenen Neonazi-Verbindungen Kalbitz' aus früherer Zeit könnten ihn Stimmen gekostet haben. In Sachsen gewannen 15 Kandidaten ihre Wahlkreise per Direktwahl, in Brandenburg 13.

Landtagswahlen - AfD mit starken Ergebnissen in Sachsen Die AfD habe bei den Landtagswahlen in Sachsen ein historisches Ergebnis erreicht, sagte AfD-Spitzenkandidat Jörg Urban. Sie wurde zweitstärkste Kraft hinter der CDU. © Foto: Carsten Koall/Getty Images

Der Zuwachs in Sachsen und Brandenburg fällt wohl auch deshalb so üppig aus, weil die AfD an Erfahrung gewonnen hat. Zu den Wahlen 2014 war die Partei gerade mal ein Jahr alt. Damals gab es auch keine Flüchtlingskrise, Europa diskutierte über den Euro und die Rettung Griechenlands vor dem Staatsbankrott. Die junge Partei der Eurogegner erreichte einstellige Werte und zog mit 14 (Sachsen) und 11 (Brandenburg) Abgeordneten in die Landtage ein. Seit der Abwahl ihres ersten Parteichefs Bernd Lucke 2015 aber sind Migration, Islam und die kulturelle Identität Deutschlands die Kernthemen der AfD. Zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern 2016 waren es schon mehr als 20 Prozent – die Wahlergebnisse im Osten stiegen, je stärker die Wortführer der AfD die Angst vor sozialem Abstieg, Migration und gesellschaftlichem Wandel schürten.

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Nun muss sich zeigen, wie die AfD mit ihren Wahlerfolgen umgeht. Vor allem in Dresden tritt die AfD nun selbstbewusster denn je auf. Die neue Fraktionsgröße gibt der AfD besondere Rechte: Sie kann etwa Untersuchungsausschüsse beantragen oder mehr parlamentarische Posten als bisher beanspruchen. In Brandenburg kündigt Kalbitz "harte Oppositionsarbeit" an.

Dass die AfD die Ergebnisse der östlichen Landesverbände bald auch im Westen erreichen kann, wie von Meuthen erhofft, ist  fraglich. Denn die Parteibindung im Westen ist weit höher als zwischen Schwerin und Dresden, wo die Volksparteien weit weniger Stammwähler haben.   

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Ihre Gewinne nutzen der AfD aber wenig bei der Frage, wer künftig regiert. Mit der Partei zu koalieren lehnen alle anderen ab. In Brandenburg hätte Rot-Rot-Grün eine knappe Mehrheit. In Dresden steht Ministerpräsident Michael Kretschmer von der CDU vor der Aufgabe, mit SPD und Grünen eine Kenia-Koalition nach dem Vorbild von Sachsen-Anhalt zu bilden.

Kretschmers Ausgangsbasis in Sachsen ist gut: Der Ministerpräsident sitzt jetzt auch selbst im Landtag, direkt gewählt in seinem Heimatwahlkreis Görlitz, den ihm die AfD streitig machen wollte. Es ist daher unwahrscheinlich, dass sich Kretschmer auf eine fragile Minderheitsregierung einlässt, die sich im Parlament abhängig vom Thema jeweils die für Gesetzesvorhaben notwendige Mehrheit sucht. Für die historisch ans Regieren gewöhnte konservative Sachsen-CDU wäre der Gesichtsverlust zu hoch.  

So bleibt der AfD nichts anderes übrig, als nach den Rekordergebnissen dieses Wahltages ihre Erzählung von der "einzig wahren Oppositionspartei" fortzusetzen. Sie vereint ein Viertel der Wählerstimmen auf sich und leitet daraus ab, "das Volk" zu vertreten.

Die neue Stärke dürfte die Ansprüche der ostdeutschen Landesverbände innerhalb der Partei beflügeln. Wenn die AfD Ende November ihren Vorstand neu wählt, werden die Ostdeutschen Forderungen stellen. "Aus den Ostlandesverbänden muss ein weiterer Vertreter in den Vorstand", forderte denn auch der Görlitzer Malermeister und Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla auf der Dresdner Wahlparty. Bisher sitzt dort nur ein gebürtiger Ostler, der stellvertretende Schatzmeister Frank Pasemann. Meuthens Co-Chef Alexander Gauland, einst Fraktionschef in Brandenburg, ist ein Ex-Christdemokrat aus Hessen. Der brandenburgische Landeschef und Bundesvorstandsbeisitzer Kalbitz kommt aus München. Die Berliner AfD-Politikerin Beatrix von Storch aus Schleswig-Holstein. 

Ein ostdeutscher Vertreter im Bundesvorstand würde in der Parteiführung den Einfluss des nationalistischen Flügels stärken. Denn die Landesverbände von Urban und Kalbitz sind sämtlich Unterstützer des Flügels um den Thüringer Landeschef Björn Höcke.