Rund 27 Prozent in Sachsen, etwa 24 Prozent in Brandenburg. Bevor nun angesichts dieses AfD-Ergebnisses bei den beiden Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg die hauptberuflichen Untergangspropheten das Dahinsiechen der Demokratie beschleunigt sehen und die Liberalen im Land überlegen, ob sie nun nach Kanada oder Neuseeland auswandern sollen, sei ihnen entgegengehalten: Das Ergebnis dieser Doppelwahl ist besser, als es auf den ersten Blick aussieht.

Hier kommen die fünf wichtigsten Erkenntnisse dieses Wahlsonntags:

1. Vor wenigen Wochen war bereits klar, wie es ausgehen würde: Die AfD wird stärkste Kraft, atomisiert die politischen Verhältnisse in beiden Ländern und stürzt die Republik in eine – erneute – Debatte darüber, was gegen den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der Rechtspopulisten hilft. So ist es nun nicht gekommen. Zwar erzielt die AfD in Sachsen das beste Ergebnis, das sie je bei Landtagswahlen erreichen konnte. Doch liegt sie, anders als vor zwei Jahren bei der Bundestagswahl, in diesem Bundesland nicht vor der CDU. Mit rund sechs Prozentpunkten bleibt die AfD in Sachsen deutlich hinter den Christdemokraten.

Dass die CDU nach bald 30 Jahren an der Macht in Sachsen die stärkste Kraft bleibt, ist allein Verdienst ihres Spitzenkandidaten, Ministerpräsident Michael Kretschmer. Unermüdlich hat er in den vergangenen Monaten nicht nur den Dialog mit jenen gesucht, die sich nicht von der Politik wahrgenommen, nicht eingebunden fühlen, sondern sich auch den Anfeindungen jener gestellt, die gar nicht mehr zuhören wollen. Das Erste hat ihm Sympathien eingebracht, das Zweite Respekt.

Fast ebenso durchschlagend, obwohl komplett unterschiedlich, war die Strategie der brandenburgischen SPD. Ministerpräsident Dietmar Woidke grenzte sich im Wahlkampf immer wieder klar von Inhalt und Auftreten jener Partei ab, die auf Ressentiment und den Aufbruch in eine Welt von gestern setzt, die es so nie gab. Damit hat er einen zeitweiligen Fünf-Punkte-Rückstand gegenüber der AfD wettgemacht und sich in einem Last-minute-Swing Platz eins gesichert. Was offenbar zulasten der Linken und auch der Grünen ging, die im Wahlkampf schon vom Regierungssessel träumten. Doch am Ende entschied sich so mancher Wähler offensichtlich doch für die SPD, die als Einzige in der Lage war, die AfD von Platz eins fernzuhalten. Zur Belohnung wird Woidke wohl ebenso weiterregieren dürfen wie der Kollege Kretschmer in Sachsen. Trotz der starken AfD-Ergebnisse wird sichtbar, was gegen sie hilft: Präsenz bei denen, die sich nicht präsentiert fühlen – und klare Kante gegen vermeintliche Heilsversprechen.

2. Der deutliche Anstieg der Wahlbeteiligung zeigt: Der Osten ist politisiert wie seit der Wendezeit nicht mehr. Nicht nur das Viertel der Bevölkerung, das – sei es aus Protest oder aus Überzeugung – zur AfD tendiert, drängt in die Öffentlichkeit. Die drei Viertel, die für vermeintliche Alternativen unempfänglich scheinen, regen sich nun auch verstärkt so, dass man es wahrnimmt. Das zeigt sich zum einen darin, dass sich die Grünen, für die der Osten lange Zeit Terra incognita war, fast verdoppelt haben, wenngleich sie hinter den Vorwahlumfragen zurückbleiben. Und zum anderen darin, dass die 30-jährigen Dauerherrscher SPD (Brandenburg) und CDU (Sachsen) aus ihrer Bräsigkeit erwacht sind. Die Lethargie, mit der die schweigende Mehrheit den Aufstieg der AfD lange Zeit betrachtete, ist verflogen. Für die Demokratie im Land ist das ein ermutigendes Zeichen.

3. Im Osten wird sichtbar, was schon bald neue deutsche Normalität sein dürfte: Sowohl in Sachsen als auch in Brandenburg braucht man nun ein Dreierbündnis. In der Postvolksparteienzeit werden sich künftig häufiger mehrere politische Kräfte im Bereich zwischen 15 und 30 Prozent tummeln, sodass es für die gewohnten Zweierbündnisse an der Regierung in vielen Fällen nicht mehr reichen wird. Drei Parteien werden sich zusammenfinden müssen, damit ein Land regiert werden kann. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der der Kompromiss immer stärker als Verrat verhetzt wird, wird die Kompromissfähigkeit in der Politik immer wichtiger. Das ist eine Gefahr – aber auch eine Chance. Die politische Debatte wird in den kommenden Jahren sehr von einer Vielfalt der Macht- und Regierungsoptionen geprägt sein. Das bietet für alle Parteien die Möglichkeit, klarzumachen, was der Kompromiss eigentlich ist: das Wesen der Demokratie.

4. Es soll ja in der großen Koalition in Berlin durchaus Minister und eine Kanzlerin geben, die noch ein Weilchen weiterregieren wollen. Keiner wird am Sonntagabend um 18 Uhr so laut aufgeatmet haben wie sie. Denn sie wissen, wie ihre jeweiligen Parteien reagieren: Die CDU wird allein nach Sachsen schauen, die SPD nur nach Brandenburg. Und weil das Erste weiter von der CDU, das Zweite weiter von der SPD regiert werden wird, stabilisiert das auch die Groko im Bund. Hätten die einen das eine Land und die anderen das andere verloren, wären die Fliehkräfte kaum zu bändigen gewesen. Das Bündnis, bei dem fast alle Betrachter nur auf den großen Knall warten, könnte nun ganz leise weitermachen. Vielleicht sogar über den SPD-Parteitag im Dezember hinaus.

5. Die AfD ist gekommen, um zu bleiben, sagt sie selbst. Das heißt aber nicht, dass sie stark bleiben muss.

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