In einem offenen Brief an den Bundestag appellieren mehr als hundert Staatsrechtler aus Deutschland, das Bundeswahlgesetz zu reformieren und damit die Zahl der Abgeordneten wieder deutlich zu reduzieren. Die gewaltige Größe des Bundestags mit 709 Mitgliedern beeinträchtige seine Funktion und bewirke unnötige Zusatzkosten, schreiben sie. Durch die vielen Überhang- und Ausgleichsmandate sitzen demnach momentan 111 Abgeordnete mehr im Parlament, als das Bundeswahlgesetz normalerweise vorsieht. Werde das Wahlrecht nicht rechtzeitig angepasst, könnten es nach der nächsten Wahl insgesamt sogar über 800 Abgeordnete werden.

Außerdem sei das Wahlrecht so kompliziert geworden, dass es paradoxerweise das Gegenteil von seinem eigentlichen Zweck bewirke: weniger Demokratie. Kaum ein Wähler verstehe, was seine beiden Stimmen letztlich bewirkten.

Die Juristen fordern den Bundestag auf, das Bundeswahlgesetz unverzüglich zu reformieren, sodass nach der nächsten Wahl erneut nur die ursprünglich vorgesehenen 598 Abgeordneten im Parlament sitzen. Es gebe bereits Reformvorschläge, die ohne eine aufwendige Änderung der Wahlkreise auskämen und deshalb zeitnah realisiert werden könnten.

Das verlange Einschränkungen bei Abgeordneten aller Parteien, heißt es in dem gemeinsamen Schreiben. Im Interesse der Handlungs- und Reformfähigkeit des Bundestags müssten diese aber in Kauf genommen werden. "In Sorge um das Ansehen der Demokratie appellieren wir deshalb an den Deutschen Bundestag, die Reform des Bundeswahlgesetzes alsbald in Angriff zu nehmen."

Auf keinen Fall dürfe der Eindruck entstehen, "viele Abgeordnete würden die dringend nötigen Änderungen verzögern, weil das eigene Hemd ihnen wichtiger sei als der Gemeinwohlrock – das würde das Vertrauen der Menschen in unsere Demokratie schwer erschüttern".