Dieses politisch-psychologische Grundmuster des deutschen Radikalismus zog besonders solche Menschen an, denen recht haben wichtiger war als reale Veränderung, denen moralische und intellektuelle Überlegenheit mehr bedeutete als demokratische Gleichheit. Nicht so sympathisch also. Vor allem eines übersah diese Linke jedoch in ihrem Kampf gegen "das System": Die Bundesrepublik Deutschland wurde im Laufe der Jahrzehnte immer liberaler und ziviler. Liberaler und ziviler nicht zuletzt als dieser Linksradikalismus. Deutschland lief ganz gut, und die Linke lief dagegen Sturm.

Das alles ist jetzt allerdings schon ziemlich lange her.

Selbstverständlich müssen sich auch die heute Radikalen fragen, wie sehr ihr Radikalismus sich aus dem Bedürfnis nach politischer Selbstermächtigung und moralischer Überlegenheit speist. Und doch haben sich mit Blick auf Greta Thunberg oder Carola Rackete, auf Fridays For Future und Extinction Rebellion einige Dinge grundlegend geändert.

Zunächst einmal spielen die Katastrophen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts keine so große Rolle mehr in der heutigen Debatte, sie neurotisieren die Gegenwart kaum noch. Hier wird nicht mehr nachgespielt, dies ist ein neues Spiel. Zum Zweiten sind die neuen Radikalen bei Weitem nicht so polemisch wie die Radikalen der Siebziger oder der Achtziger, oftmals sogar weniger als die Vertreterinnen und Vertreter einer gemäßigten, aber tief verunsicherten Mittepolitik. Die neuen Radikalen sprechen klar und deutlich, fordern die Menschen zur Solidarität und den Staat zum Handeln auf.

Radikal ist, die Politik beim Wort zu nehmen

Die entscheidende Veränderung beim Gestaltwechsel des Radikalismus liegt indes woanders: Es kann heute einfach nicht mehr so pauschal gesagt werden, dass dieses Land sich im Großen und Ganzen in die richtige Richtung bewegt. Hier läuft einiges gewaltig schief, nicht nur bei der Ökologie. 

Radikalität ergibt sich hier und heute aus der Sache. Was Thunberg oder Rackete jeweils fordern, ist denn auch nicht mehr als das, was die herrschende Politik ohnehin versprochen hat und als Prinzip vor sich herträgt, etwa die Einhaltung der Menschenrechte sowie des Pariser Klimaabkommens. Radikal ist, dass sie Politik beim Wort nehmen und nicht auf das Drumherumreden hören.

Im gleichen Zuge, wie die Radikalität sachlich wurde, verlor der sogenannte Realismus zu großen Teilen seinen Wirklichkeitsbezug. Zuerst sichtbar wurde das in der Außenpolitik. Die westliche "Realpolitik", die stets vorgab, sich nicht lange mit Flausen, Idealen und Prinzipien aufzuhalten, sondern nur mit der Realität, wie sie nun mal sei, führte in der Nachkriegszeit von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr in die Irre. Wer heute die einschlägigen Gesichtsbücher liest, der stellt verblüfft fest: Der Westen und seine Führungsmacht, die USA, wussten schlicht und einfach viel zu wenig über Vietnam, Afghanistan, den Iran, den Irak, über Libyen und Syrien, um dort sinnvoll intervenieren zu können. Nirgendwo wurden die selbst gesteckten Ziele erreicht, die Realpolitik endete jeweils im Nirwana. Im Grunde handelte es sich um eine Verwechslung: Tatsächlich definierte sich die angebliche Realpolitik nicht über die Nähe zur Wirklichkeit, sondern über die Entfernung zu Idealen, Skrupeln oder internationalem Recht. Jedoch: Ruchlosigkeit allein ist noch kein Realismus.

In der deutschen Innenpolitik verlief der Realitätsverlust des Realismus verschlungener, über lange Zeit war er mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Das hängt mit dem Doppelgesicht des Realitätsbezugs in der Politik zusammen. Denn die eine Realität, das ist die Wirklichkeit, das ist die materielle Welt, das sind die Akteure außerhalb des eigenen Landes: Fakten eben.