Wenige Tage vor den sächsischen und brandenburgischen Landtagswahlen fand im Gymnasium meines Sohnes die Wahl zum Schülersprecher statt. Mein Sohn ist neu auf dieser Schule und so kannte er von all den Bewerbern nur das ältere Mädchen, das am ersten Tag in der Aula eine, wie ich fand, beeindruckende Rede für die Neulinge gehalten hatte. Mein Sohn hing förmlich an ihren Lippen, so charmant sprach sie davon, wie schwer es ihr in ihren ersten Monaten gefallen war, sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Sie mag ihm aus dem Herzen gesprochen haben.

Jana Hensel ist Schriftstellerin und Autorin bei ZEIT ONLINE

An dem Gymnasium gibt es aber auch einen Kiosk, den mein Sohn wiederum so aufregend findet wie im Moment wenig anderes. Unmengen von seinem Taschengeld hat er bereits für Eistee, Käsebrötchen, Pizza und Cookies ausgegeben. Ich versuche, das mit Humor zu nehmen. Noch gelingt es mir. Das Mädchen vom ersten Schultag trat nun also zu dieser Wahl mit dem Programm an, sich für ein gesünderes, biologisches Essen im Kiosk einzusetzen. Mein Sohn hat mir gleich aufgebracht davon berichtet. Und was tat er? Er, der mich gern in Diskussionen über den Klimawandel verwickelt, der es mag, wenn wir mitunter wochenlang auf Fleisch verzichten, hat natürlich nicht für das Mädchen gestimmt, das ihm am sympathischsten war. Die Sache mit dem Essen hat ihn am Ende abgeschreckt.

Eine gewisse Fassungslosigkeit

Ich musste wieder daran denken, als ich am Sonntag vor drei Wochen in Potsdam auf der Wahlparty der Brandenburger Bündnisgrünen stand. Gerade waren die ersten Prognosen auf zwei großen Fernsehbildschirmen zu sehen. Die Partei konnte sich zwar enorm verbessern, ihre noch in der Mitte eines beinahe rauschhaften Wahlkampfes so greifbaren Ziele jedoch hat sie deutlich verfehlt: In Sachsen wollte man zweistellig werden und in Brandenburg mit Ursula Nonnemacher sogar ins Rennen um das Amt der künftigen Ministerpräsidentin gehen. Im Saal herrschte eine gewisse Fassungslosigkeit.

Das alte grüne Trauma, Sieger in den Umfragen zu sein, es schien sich an diesem Abend zu wiederholen. Und auch wenn Annalena Baerbock die Gäste in Potsdam mit der Erinnerung zu trösten versuchte, dass man vor fünf Jahren noch um den Wiedereinzug gebangt hatte, und auch, wenn Robert Habeck in Berlin die Journalisten umzustimmen versuchte, indem er sagte, dass das ein fantastisches Ergebnis sein würde, war nicht zu leugnen, dass die Wahrheit an diesem Abend irgendwo anders lag. Und dass die beiden Parteivorsitzenden zwischen ihrer Vergangenheit als Milieupartei und der aufscheinenden Zukunft als neuer Volkspartei orientierungslos hin- und herzutaumeln schienen.

Einige Tage nach der Wahl sagte Robert Habeck zu mir am Telefon, dass der Satz mit dem fantastischen Ergebnis ein Fehler gewesen sei, über den er sich im Nachhinein geärgert habe. So etwas kann der Co-Parteivorsitzende: Fehler zugeben, Schwächen offenlegen. Ich würde sogar sagen, das ist so etwas wie der Kern seiner Politik: Mensch sein, Fehler machen, aus ihnen lernen. Diese Maxime hat ihn im Osten weiter gebracht, als viele dachten. Ans Ziel jedoch ist er nicht gelangt. Was aber heißt es, in der Politik Mensch zu sein? Und wie versucht Robert Habeck, in der Politik Mensch zu bleiben?

Seit Beginn des Jahres habe ich ihn begleitet. Die meisten Termine fanden in Ostdeutschland statt, denn eigentlich sollten die Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen das wichtigste politische Ereignis des Jahres werden. Und ich wollte mir ansehen, ob es dem 50-Jährigen, der sein Leben fast ausschließlich in Schleswig-Holstein verbracht hat, gelingt, Ostdeutsch sprechen zu lernen. Zumal er wie wohl noch kein westdeutscher Politiker vor ihm zugegeben hatte, sich für den Osten bisher nicht sonderlich interessiert zu haben. Noch so eine eingestandene Schwäche, wieder eine offene Flanke. 

Verstörend, aber sympathisch

Aber auch wieder ein typischer Habeck-Moment. Verstörend und sympathisch zugleich. Ließe sich so nicht ein neues deutsch-deutsches, ehrliches Kapitel aufschlagen? Leider verspielte Habeck diesen Moment kurz darauf, noch bevor er sich richtig hatte entfalten können. Im Januar kündigte er sinngemäß an, die Demokratie endlich nach Thüringen bringen zu wollen. Einem Bundesland, in dem seine Partei in der Regierung sitzt. Parallel liefen seine Mitarbeiter durch Berlin und flüsterten: Robert habe sich in den Osten verliebt. Na, wenn das mal kein typisches Politikerversprechen ist!

In Wahrheit haben die vergangenen Monate aber eine andere, ihre eigene Geschichte geschrieben. Ich wurde von dieser Geschichte eher zufällig Zeuge.

An einem Abend Ende März, an dem Robert Habeck in einem wie oft übervollen Saal ausgerechnet in Gorleben über den Verbleib von radioaktivem Sondermüll diskutiert, eine Frage, die ihm im Osten nie gestellt wird, die im Wendland aber die Gemüter erhitzt, melden die Agenturen, dass er an Angela Merkel vorbei zum beliebtesten Politiker der Deutschen aufgestiegen ist. In den sozialen Netzwerken wird das seit Stunden heftig diskutiert. Die Zeitungen werden es am nächsten Tag auf dem Titel vermelden. In Gorleben jedoch scheint davon noch niemand etwas mitbekommen zu haben. 

Nur ein Grinsen

Erst zum Schluss steht ein älterer Mann auf und verkündet stolz wie ein Bote in einem Shakespeare-Stück die Breaking News. Ausgerechnet hier, wo für die Grünen alles begann und die Plakate von damals noch immer im Bühnenraum hängen. "40 Jahre Widerstand" ist darauf zu lesen. Westdeutscher geht es nicht. Im Saal brandet Applaus auf, einige johlen, als handele es sich um einen nach vielen Jahren heimgekehrten Sohn. Während Habeck breitbeinig auf einem Hocker sitzt und lacht. Es ist kein lautes, kein dröhnendes Lachen aus dem Bauch, eher ein verschmitztes, verstohlenes Grinsen. So grinst kein Sieger, so grinst einer, der noch nicht weiß, was diese Nachricht bedeutet.