ZEIT ONLINE hat alle Reden des Deutschen Bundestags durchsuchbar gemacht. In ihnen zeigt sich, welche Themen die Debatten dominiert haben und wie stark sich die Sprache im Bundestag verändert hat.

Volker Kauder war so etwas wie die ideologische Brennkammer der Unionsfraktion, das rhetorische Wirken des Fraktionschefs ließ interne Kritiker regelmäßig verstummen. Hart grenzte er seine parlamentarische Mannschaft von den politischen Rändern ab: "Wer mit Extremisten zusammenarbeitet, der macht sie hoffähig", rief der Christdemokrat vom Pult ins Plenum des Bundestages.

Wie oft hat man Sätze wie diese gehört, seit die AfD in die Parlamente Deutschlands einzog – 2014 in Landtage in Sachsen und Brandenburg, dann auch in Westdeutschland, in die Gemeinderäte und in den Bundestag. Gerade jetzt, wo sich zeigt, dass in den Kommunen Schwarzblau nicht mehr automatisch Schamgefühl auslöst und die sachsen-anhalter CDU beginnt, an dem Tabu nach rechts zu rütteln.

Doch Moment – Kauder? Ist ja gar nicht mehr Fraktionschef.

Das Zitat von Kauder liegt versteckt in den Redeprotokollen des Bundestages der Neunzigerjahre. AfD-Chef Alexander Gauland war noch CDU-Mitglied und leitete die Staatskanzlei in Hessen. Die DDR hieß damals im Westen nicht mehr abfällig "die Zone", sondern "die neuen Bundesländer" (salopp: Neufünfland). Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern waren gerade angeschlossen ans Rechts- und Wirtschaftssystem der alten Bundesrepublik. Bananen gab es nun auch zwischen Greifswald und Suhl. Die Ossis zahlten stolz mit harter Währung. Deutschland einig D-Mark-Land.

Sachsen und Brandenburg sind Spitze

Wenn der nun gesamtdeutsch besetzte Bundestag aber über die fünf neuen Länder sprach, zeigten sich deutliche Unterschiede. Während der Flächengigant Brandenburg, das monarchisch-stolze Sachsen, das zentral und verkehrsgünstig gelegene Thüringen, das touristisch-beschauliche Mecklenburg-Vorpommern in aller Munde waren, bildete Sachsen-Anhalt das, was es schon immer war und auf absehbare Zeit auch bleiben sollte: das Schlusslicht.

Sachsen-Was? Im Bundestagsplenum wird das Bundesland 2.534-mal erwähnt – das ist abgeschlagen letzter Platz, wie die Datenbank der Bundestagswörter zeigt. Von Sachsen und Brandenburg ist fast doppelt so oft die Rede.

Wären die 30 Jahre seit der Wende ein Rennen, endspurtete Brandenburg nach einem exponentiellen Anstieg seiner Kurve als Sieger durchs Ziel mit 247 Erwähnungen pro 100.000 Wörter allein 2019 (das sind 316 Prozent plus binnen drei Jahren). Das Land, dessen Name kaum genannt wird im Bundestagsplenum, ist auch im laufenden Jahr mit kümmerlichen 26 Erwähnungen wieder mal, sorry, Schlusslicht. Der Voldemort unter den Bundesländern weiß, wie es ist, totgeschwiegen zu werden.

Und damit zurück zu Volker Kauder.

In der Grafik sticht Sachsen-Anhalt nur zweimal aus dem Grundrauschen mit einem Peak hervor: 1998 und 2002. Es war die Zeit, in der Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf bei Ikea persönlichen Rabatt erzwang, die FDP wollte 18 Prozent, Jürgen Trittin bekam die Ökosteuer, die damalige PDS stritt um die SED-Millionen.

In Sachsen-Anhalt regierte die SPD von Ministerpräsident Reinhard Höppner, toleriert von der PDS – das sind die hoffähig gemachten "Extremisten", auf die Fraktionschef Kauder in seiner Bundestagsrede einschlug. Die Landschaften wollten schon damals nicht so richtig blühen – der Waggonbau in Ammendorf bei Halle machte dicht, das gigantische DDR-Chemiekombinat Leuna, eine konkurrenzunfähige Dreckschleuder, blieb ein Sanierungsfall.

Hinten, unten, Schwächster, Letzter und links

Genau dieser schmerzliche Transformationsprozess lieferte den Bundestagsdebatten ihre Stichworte. Nur durch 4,3 Milliarden D-Mark aus zumeist westdeutschem Steueraufkommen überlebte Leuna die Privatisierung, wie es in dem Protokoll von 1998 heißt, in dem Kauder von Extremisten spricht. CDU-Funktionäre gehen noch weiter: Ministerpräsident Höppner habe die "Gemeinsamkeiten aller Demokraten aufgekündigt" und regiere so, wie wenn eine Nachfolgeorganisation der NSDAP in der alten Bundesrepublik nach 1945 mitregiert hätte.

Die Ökonomin Cornelia Pieper von den Liberalen kritisiert: In Sachsen-Anhalt seien binnen fünf Jahren 11,4 Prozent der Unternehmen vom Markt verschwunden. Das Bundesland hat damals deutschlandweit die meisten Arbeitslosen, viele aus den ehemaligen Chemiewerken. Und Friedrich Merz sagt, jetzt, wo auch noch die oppositionelle neonazistische Partei DVU im Landtag sitzt, steige die Jugendarbeitslosigkeit auf 16,5 Prozent – ein Spitzenwert. Viel Polemik für das Schlusslicht.