Fast ein Jahr lang war sie da, die Furcht vor diesen hoch aufgeladenen Wahlen. Fast ein Jahr lang haben Politiker im Osten und im Westen gemahnt, gefleht, nicht die AfD zur stärksten Kraft zu machen. Schon deswegen wussten die AfD-Wähler, was ein Wahlsieg ihrer Partei bedeuten würde. Sie wussten, dass sie dieses Land erschüttern konnten. Und sie wollten das offenbar. Gut ist: Die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler in Sachsen und Brandenburg wollte das explizit nicht. Am Ende waren es so viele, die der AfD absagten, dass ihr sogar die relative Mehrheit verwehrt blieb.

Aber die Wahlsiege haben etwas Vorläufiges, sie sind für die demokratischen Parteien nur ein Sieg auf Bewährung. Denn natürlich, der Osten bleibt besonders anfällig. Es gibt dort ein sturmfestes Wählerpotenzial von 20 bis 25 Prozent, das keinen Anstoß daran nimmt, dass die AfD immer rechtsradikaler wird. Und das ist fast schon eine kritische Masse. Denn diese 20 bis 25 Prozent sind umgeben von weiteren Wählern, die sich vielleicht nur dieses Mal dagegen entschieden haben, mit ihrer Wahlentscheidung die Demokratie zu schädigen. Soll es nicht in fünf Jahren oder schon früher so weit sein, sollten die demokratischen Politikerinnen und Politiker die Botschaften dieses Wahlkampfs ernst nehmen.

Zuhören allein hilft nicht

Zunächst: Der Vertrauenstest beginnt erst jetzt. Jede Wahlkämpferin und jeder Reporter, der den Osten in den vergangenen Wochen besuchte, konnte sehen, dass es bei der Wahl nicht nur um Funkmasten und Linienbusse ging. Es gibt im Osten ein tiefes Wutpotenzial, das weit aus der Vergangenheit in die Gegenwart ragt. Monatelang und teils auch sehr rührig haben die Politiker – auch die aus dem Westen – versucht, ostdeutsche Gefühle zu verstehen und einzuordnen. Das kam bei vielen Ostdeutschen gut an, stand aber gleichzeitig immer unter dem Verdacht, nichts als Wahltaktik zu sein. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, und nichts anderes ist erfahrungsgemäß zu erwarten, könnten das Wähler sehr übel nehmen.

Irgendwann muss die Politik über das reine Zuhören auch mal hinausgehen. Das große Wort dieses ostdeutschen Wahlkampfjahres lautet: "Lebensleistungen anerkennen". Man konnte den Eindruck gewinnen, es müssten immerzu nur Lebensleistungen anerkannt werden, besonders die Lebensleistungen der älteren Ostdeutschen. Als müssten sie gelobt und gepampert werden, damit sie nicht AfD wählen. Es stimmt, es gab gigantische ökonomische und soziale Verwüstungen in der Zeit nach der Wende, und das Desinteresse vieler Westdeutscher daran ist eine Schande. Das wird auf lange Zeit in Erinnerung bleiben. Aber vielleicht geht es gar nicht darum, Ostdeutsche zu trösten, sondern darum, Fehler der meist westdeutschen Politiker einzuräumen und zu korrigieren. Davon gab es viele, von der Treuhand über den Umgang mit dem ostdeutschen Rechtsextremismus bis zur Strukturpolitik.

Struppige Wahlergebnisse

Die Demokratie im Osten hat jetzt zumindest erst mal Zeit gewonnen. Die Frage ist nur, wie viel. In zwei Monaten steht ja in Thüringen der Demagoge Björn Höcke zur Wahl. Und auch in Brandenburg und Sachsen ist es angesichts der struppigen Wahlergebnisse noch nicht sicher, zu welchen Regierungskonstellationen es jetzt kommen wird.

In Sachsen besteht die reale Möglichkeit, dass die AfD mittelfristig durch die Hintertür Zugang zur Macht bekommt. Ministerpräsident Kretschmer hat zwar jedes Bündnis mit der AfD ausgeschlossen. Aber er hat auch schon akzeptiert, dass AfD und CDU auf Ebene der Kommunen und der Kreise zusammenarbeiten. Schon jetzt bekennen sich Mandatsträger der CDU offen dazu. Und diese, die konservativste CDU Deutschlands, soll nun ein Bündnis mit SPD und den ihnen äußerst unangenehmen Grünen schmieden. Es bedarf überhaupt nicht viel an Fantasie, sich auszumalen, dass diese Koalition scheitert, bevor sie überhaupt entstanden ist.

In diesem Fall wird es sehr ernst. Denn da die CDU die Zusammenarbeit mit Linke und AfD ausgeschlossen hat, könnte sie dann nur noch eine Minderheitsregierung führen. Und woher sollen deren Stimmen kommen? Von den Grünen und der SPD und den Linken? Warum? Gut möglich, dass dann bald erstmals eine Regierung zumindest fallweise von der AfD abhängig wäre. Was wiederum bald in dieser eher frustrierten Partei die Frage aufwerfen dürfte, warum man dann nicht gleich direkt zusammenarbeitet.

Immerhin, in Brandenburg haben die Wählerinnen und Wähler eine größere Mauer zwischen die AfD und die Macht gebaut. Auch der dortige CDU-Kandidat, Ingo Senftleben, der sich im Wahlkampf besonders liberal gab, schloss jede Kooperation mit der AfD aus. Allerdings muss man abwarten, ob sich Senftleben angesichts seines schwachen Ergebnisses überhaupt halten kann oder ob die CDU sich ein Beispiel an den konservativeren Landesverbänden des Ostens nimmt.