Der Schriftsteller Günter Kunert ist tot. Er starb am Samstag im Alter von 90 Jahren in seiner Wahlheimat Kaisborstel bei Itzehoe. Das bestätigten die Witwe und ein enger Freund der Familie der Deutschen Presse-Agentur. Zuvor hatte die Neue Osnabrücker Zeitung darüber berichtet. Kunert war vor zehn Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er wollte zu Hause sterben und wurde bis zu seinem Tod palliativ versorgt.

Kunerts schriftstellerisches Werk ist ist vielfältig: Er schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, Erzählungen, Essays, Märchen, Hörspiele, Drehbücher, Kinderbücher und Romane. Sein langjähriger Verleger Michael Krüger bezeichnete Kunert als "einen der bedeutendsten Lyriker der Nachkriegszeit" und Dichter in der Tradition Heinrich Heines.

Im März hatte Kunert seinen 90. Geburtstag gefeiert und seinen letzten Roman Die zweite Frau veröffentlicht. Vor 45 Jahren versteckte er es in einer Kiste, weil er davon ausging, dass es zu kritisch sei, um in der DDR veröffentlicht zu werden. Beim Aufräumen fand er es wieder und entschied sich, das Buch zu veröffentlichen. Er widmete es seiner zweiten Frau Erika.

Im Leben von Kunert spiegelt sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts: Der gebürtige Berliner war Sohn einer jüdischen Mutter und durfte während der Nazidiktatur keine höhere Schule besuchen. In einem seiner Schulzeugnis steht unter der Rubrik Glaubensbekenntnis "Dissident". Er wurde als "Halbjude" beschimpft" und musste miterleben, wie enge Verwandte deportiert und von den Nazis ermordet werden.

Nach dem Krieg trat Kunert 1949 in die SED ein und wurde unter anderem von Bertolt Brecht gefördert. Kunert kritisierte das DDR-Regime und gehörte 1976 zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann. Ein Jahr später wurde ihm die SED-Mitgliedschaft entzogen, 1979 reiste er mit seiner ersten Frau Marianne und sieben Katzen nach Westdeutschland aus. Seine Stasi-Akten umfassen mehr als einen Meter Ordner.

In Schleswig-Holstein fand das Paar ein neues Zuhause: Sie zogen nach Kaisborstel bei Itzehoe, wo Kunert 40 Jahre lang als Autor und Lyriker arbeitete. Sein Blick auf die Welt war nüchtern und bisweilen desillusioniert. Der Raubbau an der Erde, der Klimawandel und die Überbevölkerung nahmen ihm die Hoffnung. Die Menschheit steuere auf einen Endpunkt hin, sagte Kunert in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag im Frühjahr. Er sei aber kein Pessimist, sondern Realist.

Mit zehn Jahren entdeckte Kunert Heinrich Heine

Bereits als Zehnjähriger erhielt Kunert eine Heine-Ausgabe von seiner Mutter. Sie brachte ihm immer wieder Bücher, überwiegend Werke, die in der NS-Zeit verboten war. "Ich hatte als Kind dank meiner Mutter eine andere Heimat gefunden, nämlich in der Literatur", sagte Kunert später.

Fünf Mal war Kunert in den USA, besuchte Australien und Neuseeland und durchquerte Marokko mit dem Auto. Als seine literarischen "Gründungsväter", die ihn beeinflusst hätten, nannte Kunert die beiden amerikanischen Lyriker Edgar Lee Masters (1868-1950) und Carl August Sandburg (1878-1967). Neben Heine und Tucholsky hätten ihn auch Franz Kafka und Marcel Proust beeindruckt.

Für Kunert war das Schreiben eine Art Therapie, ein Versuch, mit der Welt fertig zu werden. "Ich habe nie für Leser geschrieben", sagte er im hohen Alter. Die Existenz als Autor sei "kein besonders glückliches Leben, weil man für andere Menschen eigentlich verloren geht." Als Schriftsteller werde man "unleidlich für andere".

Viele Jahre vor seinem Tod kaufte Kunert ein Grab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Dort will er neben seiner ersten Frau Marianne beigesetzt werden. Kunert war nicht religiös und glaubte nicht an die Wiedergeburt: "Ich bin unter linken Leuten aufgewachsen und emanzipierten Juden, von denen keiner fromm war."