Es war ein selbstbewusster Start: Als sich Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken Anfang September als Kandidaten für den SPD-Vorsitz präsentierten, schienen die Parteilinken endlich ihr Dreamteam gefunden zu haben. Eines, das über den Verzicht von Hoffnungsträger Kevin Kühnert hinwegtrösten konnte. Ihr Slogan: "Standhaft. Sozial. Demokratisch." Das klang wie eine Kampfansage an die Etablierten in der SPD, allen voran Vizekanzler Olaf Scholz, der sich nach einigem Zögern ebenfalls beworben hatte.

Norbert Walter-Borjans gilt in der Partei als eine Art Robin Hood, seit er als nordrhein-westfälischer Finanzminister elf Steuer-CDs mit Daten von Steuerflüchtlingen aufkaufte und diese zu Rückzahlungen in Höhe von sieben Milliarden Euro zwang. Als neuer SPD-Chef wolle er die Reichen künftig "nicht mehr aus der Verantwortung lassen" und die "Verteilungsfrage" konsequenter stellen, sagte Walter-Borjans bei seiner Vorstellung in einem schmucklosen Berliner Konferenzraum.

Gemeinsam mit Saskia Esken, einer Bundestagsabgeordneten aus dem Schwarzwald, will er nun die Wahl unter den 420.000 SPD-Mitgliedern gewinnen. Esken ist Digitalpolitikerin und sieht sich als "Stimme der Jugend" – getragen durch Unterstützung aus den sozialen Netzwerken, wo sie sich mit ihrem Kampf gegen die umstrittenen Uploadfilter einen Namen gemacht hat. Beide, auch das war schnell klar, sehen die große Koalition am Ende.

Doch eine Woche später ist die Stimmung im Team Esken/Walter-Borjans gedämpfter. Die ersten acht Regionalkonferenzen, bei denen sich die insgesamt 15 Bewerber bei der Parteibasis vorstellen, liefen nicht so gut, wie erwartet. 

Es fehlt ein Alleinstellungsmerkmal

Beispiel Thüringen, Mittwochabend dieser Woche. Der Landesverband, einer der kleinsten der SPD, hat ins Steigerwaldstadion in Erfurt geladen. Thüringen ist im Wahlkampf, die SPD will bei der Wahl am 27. Oktober die erste rot-rot-grüne Koalition unter Führung der Linkspartei verteidigen. Thüringen ist auch No-Groko-Land: Als einer der ersten Landesverbände sprach sich die dortige SPD gegen die Fortsetzung der großen Koalition aus. Ein Heimspiel für die beiden Kandidaten, oder?

In einer dunklen Veranstaltungshalle haben die 15 Kandidaten um den SPD-Vorsitz auf blendend weißen Drehstühlen Platz genommen. Saskia Esken wird von einem Genossen gefragt, was denn die SPD für den Osten tun wolle. Die Kandidatin könnte nun einfach über höhere Löhne sprechen, die Grundrente, über Gerechtigkeit. Aber sie wirkt wenig vorbereitet. Walter-Borjans und sie hätten auch Verwandtschaft im Osten, antwortet sie stattdessen: Man müsse einander mehr zuhören. Der Applaus ist erwartbar mau. Walter-Borjans, gefragt nach der Überalterung der Gesellschaft, sagt: Deutschland brauche auch deswegen Zuwanderung. Im Publikum bleibt es still. Bei seinem Abschlussstatement verliert er sich in Schachtelsätzen über Krankenpfleger, die auch "Leistungsträger" seien, die schwarze Null, hohe Mieten. Es fehlt etwas, das ihn von den allgemeinen SPD-Satzbausteinen abheben könnte. Ein mitreißender Auftritt sieht anders aus.

So war es auch bei anderen Regionalkonferenzen: Der Applaus ist mittelmäßig, gejubelt wird fast nie. Als klare Favoriten gehen Walter-Borjans und Esken nicht aus den Veranstaltungen. Kein Vergleich beispielsweise mit der Euphorie, die Martin Schulz früher einmal auf solchen Basistreffen entgegenschlug.

Das linke Lager ist zersplittert

Mit Walter-Borjans steht ein älterer Mann mit dunklem Anzug auf der Bühne, einer mit einer ruhigen, sonoren Stimme. Aber kein Einheizer und keiner, der gern zuspitzt. In 60 Sekunden Redezeit, die die Kandidaten im Schnitt haben, ist das ein Problem. Seine Ausführungen verlieren sich oft in Relativsätzen. Saskia Esken hingegen wirkt immer ziemlich kämpferisch, aber ihre Antworten sind manchmal etwas schräg. Verlässlichen Applaus und Lacher gibt es nur, wenn sie ihren Partner mit folgenden Worten vorstellt: "Der Norbert sammelt Steuer-CDs." Doch kann man sich bei der Frage, wie die Zukunft der taumelnden SPD gesichert werden kann, auf diesem Erfolg der Vergangenheit ausruhen?

Mit 13 weiteren Kandidaten ist die Konkurrenz auf der Bühne groß. Und für den Parteivorsitz bewerben sich aktuell mehrere SPD-Linke. So fordert der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach mit seiner Co-Kandidatin Nina Scheer immer wieder ganz offen das sofortige Aus der großen Koalition – während Walter-Borjans und Esken brav sagen, dass sie die Entscheidung dem Parteitag überlassen wollen. Das Bewerberduo Gesine Schwan und Ralf Stegner wird bejubelt für den selbstironischen Auftritt. Hilde Mattheis und Dierk Hirschel, zwei in der Partei eher marginalisierte SPD-Linke, punkten mit empörten Beiträgen über die soziale Ungleichheit im Land.

Zeigt sich das linke Lager weiter so zersplittert, dann könnten sich die Wählerstimmen bei der Mitgliederwahl aufteilen und die Kandidaten gegenseitig schwächen. Ob Walter-Borjans und Esken es angesichts ihrer bisher gedämpften Performance dann in die Stichwahl schaffen, halten auch Unterstützer daher aktuell nicht für ausgemacht.