Im Bewerbungsverfahren um die neuen SPD-Vorsitzenden sind nun acht Kandidatenpaare und ein Einzelkandidat offiziell zugelassen. Wie die kommissarische Parteichefin Manuela Schwesig am Montag in Berlin bestätigte, haben sie die nötige Unterstützung eines Landesverbands, eines Bezirks oder von fünf Unterbezirken erhalten und alle nötigen weiteren Bewerbungsunterlagen fristgerecht bis Sonntag um 18 Uhr im Willy-Brandt-Haus eingereicht. Der bayerische Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Brunner tritt als Einzelbewerber an.

Andere Solo-Kandidaten, darunter der Berliner Unternehmer Robert Maier und der Politiker Hans Wallow, schafften es nicht, in der Partei genügend Unterstützung zu finden. Auch Satiriker Jan Böhmermann scheiterte. Er hatte am vergangenen Donnerstag, pünktlich zum Ende der Sommerpause seiner Show, angekündigt, SPD-Vorsitzender werden zu wollen, war zu diesem Zeitpunkt aber nicht einmal Parteimitglied. Am Wochenende gab er an, im Ortsverband Köthen in Sachsen-Anhalt aufgenommen worden zu sein, die SPD besteht aber auf einen Beitritt an seinem Wohnort Köln. Es habe "ganz knapp doch nicht gereicht", sagte Böhmermann schließlich am Montag in einer Videobotschaft. Er sei aber zuversichtlich, dass die SPD bereits in wenigen Monaten nochmals einen neuen Vorsitzenden suchen werde, sagte der Komiker mit Blick auf die hohe Personalfluktuation in der SPD: "Dann sind mein Team und ich noch besser vorbereitet und haben einen noch längeren Vorlauf. Dann wird es klappen."

Bewerber um den SPD-Vorsitz

  • Olaf Scholz: 61 Jahre alt, Jurist, Bundesfinanzminister, Vizekanzler

    Olaf Scholz
    • Ambivalent zur Groko
    • Moderater Linkskurs
    • Tritt an im Team mit: Klara Geywitz

    Olaf Scholz wollte zuerst nicht. Der SPD-Vorsitz lasse sich nur schwer mit seinem arbeitsreichen Job als Finanzminister und der Aufgabe des Vizekanzlers verbinden, sagte er zunächst. Doch nachdem kein prominenter Sozialdemokrat und Regierungsvertreter sich bereit erklärte, meldete er doch Interesse am SPD-Vorsitz an. Als Vizekanzler kann er sich, anders als andere Bewerber, vorstellen, an der großen Koalition bis 2021 festzuhalten. Scholz steht für einen wirtschaftsfreundlichen Mittekurs der SPD, er ist ein pragmatischer Politiker und mit einigem Selbstbewusstsein ausgestattet, weswegen ihm in der Partei nicht alle Herzen zufliegen. Scholz bezeichnet sich allerdings als "echter, truly Sozialdemokrat" und kann auch links blinken: Er fordert einen deutlich höheren Mindestlohn und eine Rentengarantie bis 2040. Dennoch will er mit seiner Bewerbung allzu radikale Erneuerungen seiner Partei verhindern. Für seine überhastete Kandidatur hatte er zunächst keine Partnerin, nun tritt er an im Team mit der Potsdamer Landtagsabgeordneten Klara Geywitz. Auch Scholz und seine Frau leben in Potsdam.

  • Klara Geywitz: 43 Jahre alt, Politologin, Landtagsabgeordnete Potsdam, Mitglied im SPD-Parteivorstand

    Klara Geywitz
    • Ambivalent zur Groko
    • Moderater Linkskurs
    • Umweltpolitik
    • Tritt an im Team mit: Olaf Scholz

    Klara Geywitz ist in Potsdam geboren und war seit 2004 Abgeordnete im Landtag in Brandenburg. Bei der Landtagswahl verlor sie nun aber ihr Direktmandat. Die 43-Jährige gilt als strategisch versiert und durchsetzungsstark. Von 2013 bis 2017 war sie Generalsekretärin der Brandenburger SPD, trat aber im Streit mit Ministerpräsident Dietmar Woidke zurück. Anfang 2018 nahm sie an den Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU über eine neue Bundesregierung teil. Sie bezeichnet sich als jemand, der direkt ausspreche, was sei. Sie fordert einen höheren Mindestlohn und eine Kindergrundsicherung, sowie mehr sozialdemokratische Ideen für den Klimaschutz. Sie will die große Koalition weiterführen ("Probleme kann man am besten in der Regierung lösen") und steht für einen Mittekurs der SPD. Mit ihrem Partner Olaf Scholz teile sie den trockenen Humor, sagte Geywitz. Sie werde aber sicher nicht nur das "dekorative Salatblatt" an seiner Seite sein, sondern wolle auch ostdeutsche Interessen in das Bewerbungsverfahren um den SPD-Vorsitz einbringen.

  • Gesine Schwan: 76 Jahre alt, Politologin, ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin

    Gesine Schwan
    • Ambivalent zur Groko
    • Linkere SPD
    • Umweltpolitik
    • Tritt an im Team mit: Ralf Stegner

    Gesine Schwan ist weit über die Parteigrenzen hinaus bekannt. Seit fast 50 Jahren ist sie Mitglied der Partei, zweimal bewarb sie sich erfolglos für das Amt der Bundespräsidentin. Schwan kommt aus einer Familie, die sich im NS-Widerstand engagiert hatte. Jetzt will sie die Krise ihrer Partei analysieren, neu über deren Grundwerte nachdenken und eine "geistige Erneuerung" der Partei: Eine Trendwende könne nur erreicht werden, wenn die SPD visionärer denke. Schwan kämpft für Regierungsmehrheit in einem Linksbündnis und will dafür auch nach programmatischen Kompromissen mit der Linken suchen. In der großen Koalition fordert sie mehr Eigenständigkeit der SPD – Anfang 2018 unterzeichnete sie den Aufruf für Koalitionsverhandlungen mit der Union. Für die Hartz-IV-Reformen ihrer Partei will sie sich nicht entschuldigen: "Wir übernehmen Verantwortung und wollen das korrigieren, will mich aber nicht für etwas entschuldigen, was ich nicht gemacht habe", sagte sie bei der ersten Regionalkonferenz der SPD in Saarbrücken. Gemeinsam mit ihrem Kompagnon Ralf Stegner stehe sie für eine Kombination aus "Theorie und Praxis" – wobei Stegner offenbar für die Praxis steht.

  • Ralf Stegner: 59 Jahre alt, stellvertretender SPD-Parteichef, ehemaliger Finanz- und Innenminister in Schleswig-Holstein

    Ralf Stegner
    • Ambivalent zur Groko
    • Linkere SPD
    • Tritt an im Team mit: Gesine Schwan

    37 Jahre Politikerfahrung bringt Ralf Stegner in seine Kandidatur mit ein: Er war Vorsitzender der SPD in Schleswig-Holstein und Innen- und Finanzminister in Kiel. Seit 2014 ist er einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Partei. Stegner fordert von der Partei mehr Selbstbewusstsein, eine klare Haltung gegen rechts und dass sie den Sozialstaat auch in Zeiten der Digitalisierung schützt. Die Zukunft der großen Koalition dürfe weder davon abhängen, um jeden Preis mitregieren zu wollen, noch von der Sehnsucht nach der Opposition. Stegner ist in den sozialen Medien und im Fernsehen dauerpräsent und angriffslustig, er twittert gegen die AfD, gegen die CDU und hat sich sogar zu einem Vergleich von CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer mit Kim Jong Un hinreißen lassen. Gleichzeitig wird ihm nachgesagt, immer äußerst schlecht gelaunt dreinzublicken. Von einigen Mitgliedern der SPD wurde Stegners Kandidatur als "Kassengift für die Wahlchancen" beschrieben. Zu unbeliebt beim Volk und zu egoistisch sei er, alles andere als ein Sympathieträger. Auf der ersten Regionalkonferenz in Saarbrücken aber wurde das Duo Stegner/Schwan für seinen selbstironischen und kämpferischen Auftritt gefeiert.

  • Boris Pistorius: 59 Jahre alt, Jurist, Innenminister in Niedersachsen, Vorstandsmitglied SPD

    Boris Pistorius
    • Ambivalent zur Groko
    • Moderater Linkskurs
    • Tritt an im Team mit: Petra Köpping

    Der Niedersachse Pistorius ist seit mehr als 40 Jahren SPD-Mitglied und gilt als Experte für Innen- und Sicherheitspolitik. In der SPD ist der niedersächsische Innenminister beliebt und wird für sein Selbstbewusstsein, seine politische Leidenschaft und seine Scharfzüngigkeit geschätzt. Pistorius will eine neue Steuerpolitik für das Land: Den Spitzensteuersatz anheben, aber erst ab einem höheren Einkommen greifen lassen, weil bisher auch Familien der Mittelschicht dadurch belastet würden. Pistorius will außerdem das Sicherheitsgefühl der Deutschen erhöhen, in der Flüchtlingspolitik setzt er sich für Humanität und Härte ein, Abschiebungen nach Afghanistan will er nicht ausweiten, an den deutschen Grenzen will Pistorius aber die Bundespolizei stärken. Er sieht die große Koalition kritisch, gibt allerdings zu bedenken, dass die SPD vielleicht noch die anderthalb Jahre bis zu den regulären Bundestagswahlen durchhalten solle – auch um für die Partei wichtige Themen wie die Grundrente zu beschließen. Er kann im Bewerbungsverfahren darauf verweisen, dass er Regierungserfahrung hat, aber trotzdem nicht für das Berliner Establishment steht, wie zum Beispiel sein Mitbewerber Olaf Scholz.

  • Petra Köpping: 61 Jahre alt, Ministerin für Gleichstellung und Integration in Sachsen

    Petra Köpping
    • Ambivalent zur Groko
    • Moderater Linkskurs
    • Tritt an im Team mit: Boris Pistorius

    In der SPD steht niemand so sehr für Integration und Ostdeutschland wie Petra Köpping. Die Ministerin für Gleichstellung und Integration hat sich damit eine starke Stellung in der Partei erkämpft. Im Januar 2019 veröffentlichte sie eine Streitschrift mit dem Titel "Integriert doch erst mal uns!", forderte einen verstärkten innerdeutschen Dialog zwischen Ost und West und wirbt für eine bundesweite Kommission, die das "Unrecht der frühen Nachwendezeit" aufarbeitet. So sei es nicht gerecht, dass die Löhne der Ostdeutschen im Schnitt so viel niedriger seien als die in Westdeutschland. Köpping steht für eine Abkehr der SPD von der Agenda-Politik und Hartz IV. Sie will mit ihrer Bewerbung "Brücken bauen" zwischen den verschiedenen Parteiflügeln und die SPD wieder selbstbewusster machen. Die AfD, die in ihrer Heimat Sachsen stark ist, will Köpping inhaltlich stellen. Sie wehrt sich gegen eine kommunale Zusammenarbeit, es gehe darum, immer wieder klarzumachen, welches Menschenbild die AfD-Politiker verfolgen.

  • Karl Lauterbach: 56 Jahre alt, Arzt, Gesundheitsexperte der SPD

    Karl Lauterbach
    • Groko-Gegner
    • Linkere SPD
    • Umweltpolitik
    • Tritt an im Team mit: Nina Scheer

    Karl Lauterbach, der Mann mit der Fliege, ist seit fast 14 Jahren Bundestagsabgeordneter und das moralische Gewissen der SPD: Er engagiert sich für eine Abschaffung der Zweiklassenmedizin und mehr soziale Gerechtigkeit. Als Gesundheits- und Pflegeexperte ist er vielen Deutschen bekannt, aber ein führendes Parteiamt hatte er nie inne. Das soll sich nun ändern. Lauterbach, der mit Andrea Nahles befreundet ist, hofft bei seiner Bewerbung gemeinsam mit der Umweltpolitikerin Nina Scheer auf viele Stimmen der einfachen SPD-Mitglieder. Die SPD müsse künftig Soziales und Umweltfragen mehr miteinander verknüpfen, deutlich linker werden, finden beide. Und sie bewerben sich – gegen den Willen der kommissarischen Parteiführung – mit einer klaren Ansage: "Schnell raus aus der großen Koalition." Lauterbach plädiert zudem für mehr Härte gegenüber Kriminellen. Die Bürger vor allem in ärmeren Stadtteilen wünschten sich mehr Sicherheit, so seine Analyse.

  • Nina Scheer: 47 Jahre alt, Juristin und Politologin, seit 2013 Bundestagsabgeordnete, Umweltpolitikerin

    Nina Scheer
    • Groko-Gegner
    • Linkere SPD
    • Umweltpolitik
    • Tritt an im Team mit: Karl Lauterbach

    Die Tochter des verstorbenen linken SPD-Idols Hermann Scheer aus Bremen ist bisher einer größeren Öffentlichkeit unbekannt. "Sozial-ökologisch klar", ist das Motto, das sich die Umweltpolitikerin Scheer und ihr Kompagnon, der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, für ihre gemeinsame Bewerbung überlegt haben. Scheer, die auch in der Grundwertekommission der SPD sitzt, bekam auf der ersten Regionalkonferenz in Saarbrücken viel Applaus, als sie rief, dass sie die Mahnungen, die SPD dürfe nicht "grüner als die Grünen werden", nicht mehr hören könne. Klimaschutz sei eine "Riesenchance", auch für die Wirtschaft. Die Parteilinke war schon nach der Bundestagswahl 2017 gegen die Neuauflage der großen Koalition und will jetzt schnell raus aus dem Bündnis. "Unsere Politik muss wieder schlicht nichts anderes als sozialdemokratisch sein und darf nicht immerfort für einen hohen Preis dem Pragmatismus bis zur Selbstverleugnung ausgeliefert werden", schreiben Scheer und Lauterbach in ihrem Bewerbungsbrief.

  • Christina Kampmann: 39 Jahre alt, Europawissenschaftlerin, Standesbeamtin, Ex-Familienministerin NRW und Landtagsabgeordnete

    Christina Kampmann
    • Ambivalent zur Groko
    • Moderater Linkskurs
    • Umweltpolitik
    • Bürgerbeteiligung
    • Tritt an im Team mit: Michael Roth

    Jugendlich und frisch – so präsentiert sich das Bewerberduo Michael Roth und Christina Kampmann. Mit 35 Jahren wurde Kampmann Ministerin für Familie, Frauen und Kultur im Kabinett von SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in NRW. Aus ihrer anderthalbjährigen Amtszeit sind zwar keine politischen Coups übermittelt, aber seitdem gilt sie auch in Berlin als Nachwuchsreserve. Seit die SPD in Düsseldorf in der Opposition ist, ist Kampmann einfache Landtagsabgeordnete mit Schwerpunkt Digitalisierung und Europa. Kampmann wuchs auf einem Biobauernhof auf, will Ökologie und Soziales versöhnen. Zur SPD kam Kampmann, weil es sie traurig gemacht habe, "wie viel Armut es vor meiner eigenen Haustür gibt". Als Parteivorsitzende will sie künftig Sitze im Parteivorstand an Kommunalpolitiker verlosen und monatliche "Zuhör"-Stunden im ganzen Land veranstalten. Statt Schulden abzubauen soll der Bund mehr investieren, fordert sie. Gemeinsam mit ihrem Mitstreiter Michael Roth will sie eine weltoffene Partei und eine humane Flüchtlingspolitik. Die SPD solle als eine linke Volkspartei erkennbar sein, mit Sozialismus kann aber Kampmann wenig anfangen. Über die große Koalition will Kampmann die Mitglieder entscheiden lassen.

  • Michael Roth: 48 Jahre alt, Staatsminister im Auswärtigen Amt, Diplompolitologe und seit 1998 Bundestagsabgeordneter aus Hessen

    Michael Roth
    • Ambivalent zur Groko
    • Moderater Linkskurs
    • Umweltpolitik
    • Bürgerbeteiligung
    • Tritt an im Team mit: Christina Kampmann

    "Aufstieg durch Bildung", das ist der sozialdemokratische Glaubenssatz des Sohnes eines Bergmanns. Roth, Jurist und seit dem 28. Lebensjahr direkt gewählter Bundestagsabgeordneter für die SPD, arbeitet derzeit als Staatssekretär im von Heiko Maas geführten Außenministerium, mit Zuständigkeit für die Europapolitik. Er wünscht sich eine moderne und international aufgestellte SPD, gemeinsam mit Kampmann plädierte er aber auch für eine Quote für Kommunalpolitiker in der SPD – um die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Er ist wie Kampmann eher Vertreter eines Mittekurses der SPD, wünscht sich keinen dezidierten Linksruck, aber mehr Investitionen in die deutsche Infrastruktur statt des Beharrens auf der Schuldenbremse. Den SPD-Vorsitz sieht Roth als Vollzeitjob: Bei einer Wahl will er das Amt als Staatsminister für Europa aufgeben. Das Duo Roth/Kampmann engagiert sich mit seiner Bewerbung auch für eine finanzielle Unterstützung von Kinderwunschbehandlungen für Homosexuelle und alleinstehende Frauen und mehr Lohngerechtigkeit für Frauen. Die SPD müsse in Sachen Gleichberechtigung vorangehen und solle künftig Parteiveranstaltungen immer paritätisch besetzen, fordern die beiden. Roth sprach sich außerdem dafür aus, die höhere Mehrwertsteuer für Hygieneprodukte für Frauen abzusenken.

  • Hilde Mattheis: 64 Jahre alt, Bundestagsabgeordnete, Vorstand Forum Demokratische Linke 21

    Hilde Mattheis
    • Groko-Gegner
    • Linkere SPD
    • Tritt an im Team mit: Dierk Hirschel

    Hilde Mattheis ist eine kämpferische Linke. Für ihre Partei fordert die langjährige Bundestagsabgeordnete "progressive Ideen, Mut und Herz", was der SPD in den letzten Jahren verloren gegangen sei. Seit 1986 ist die Abgeordnete aus Ulm Mitglied in der SPD und engagiert sich für die Gleichstellung der Frau in der Politik. Seit 2011 führt Mattheis zusammen mit ihrem Bewerbungspartner Dierk Hirschel das Forum Demokratische Linke 21 (DL21), eine Organisation des linken Flügels der SPD. Mattheis plädiert für eine rot-rot-grüne Bundesregierung und einen Ausstieg aus der großen Koalition noch vor Ende der Legislaturperiode. In der ersten und zweiten Führungsriege der SPD kämpft Mattheis schon länger um Anerkennung, auch weil man ihr dort übel genommen hat, dass sie die Einführung des SPD-Herzensprojektes Mindestlohn 2014 als unzureichend kritisierte und den Kompromiss mit der Union mit einem "verfaulten Apfel" verglich. Andrea Nahles verließ damals aus Protest die Organisation der Parteilinken.

  • Dierk Hirschel: 49 Jahre alt, Ökonom, Bereichsleiter der Ver.di-Bundesverwaltung, Vorstand Forum Demokratische Linke 21

    Dierk Hirschel
    • Ambivalent zur Groko
    • Linkere SPD
    • Tritt an im Team mit: Hilde Mattheis

    Hirschel will eine Erneuerung der SPD. Er glaubt, die Partei habe bereits unter Altkanzler Schröder ihre Identität verloren und könne deswegen heute nicht mehr der "natürliche Anwalt der Arbeitnehmer und sozial Benachteiligten" sein. Für den linken Ökonom liegt die wichtigste Aufgabe der SPD in der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung. Er will außerdem einen Neustart in der Wirtschaftspolitik der Partei. Gemeinsam mit Hilde Mattheis fordert er eine staatliche Garantie des Rentenniveaus von mindestens 50 Prozent (aktuell sind es 48 Prozent, Tendenz sinkend).

  • Saskia Esken: 58 Jahre alt, Informatikerin, Mitglied des Innenausschusses des Bundestages

    Saskia Esken
    • Groko-Gegner
    • Linkere SPD
    • Tritt an im Team mit: Norbert Walter-Borjans

    Dem Duo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans wird im Lager der Groko-Gegner bisher die größten Chancen eingeräumt. Sie ist Informatikerin und sieht sich nach eigenen Angaben in ihrer Kandidatur durch viel Zuspruch in den sozialen Netzwerken gestärkt. Tatsächlich rechnen es der Bundestagsabgeordneten aus Baden-Württemberg viele junge SPDler hoch an, dass sie sich gegen die umstrittenen Uploadfilter engagiert hat. Im Bundestag gehört die Baden-Württembergerin mit dem schwäbischen Akzent unter anderem dem Ausschuss Digitale Agenda an und befasst sich mit Digitalpolitik und Datenschutz. In der SPD, in der sie seit 29 Jahren Mitglied ist, gehört sie der Parlamentarischen Linken an. Der Staat müsse endlich wieder mehr investieren, statt nur auf die schwarze Null zu starren, findet sie. Mit ihrer Kandidatur sprach sich Saskia Esken auch deutlich gegen die große Koalition aus. “Der ewige Kompromiss nimmt uns allen die Luft zum Atmen”, schrieb sie. Esken erzählt, dass sie ihren Mitkandidaten Norbert Walter-Borjans angerufen und zur Kandidatur überredet habe. Sie will "nicht nur die Frau an der Seite von" sein.

  • Norbert Walter-Borjans: 66 Jahre alt, Diplom-Volkswirt, Ex-Finanzminister Nordrhein-Westfalen

    Norbert Walter-Borjans
    • Groko-Gegner
    • Moderater Linkskurs
    • Tritt an im Team mit: Saskia Esken

    Norbert Walter-Borjans, in der SPD liebevoll "Nowabo" genannt, wurde bekannt, als er als Finanzminister Nordrhein-Westfalens der Schweiz CDs mit den Namen von Steuerhinterziehern abkaufte. Er ist ein Linker, engagierte sich immer wieder gegen eine Politik der schwarzen Null und für Investitionen in die Infrastruktur. Als SPD-Vorsitzender will er die "großen Verteilungsfragen" neu stellen und "Reiche nicht mehr aus der Verantwortung lassen". Die Hartz-IV-Reformen bezeichnet er als Medizin gegen die schwierige Wirtschaftslage Anfang der Nullerjahre, die heute wegen ihrer nun bekannten Nebenwirkungen nicht einfach weiter verabreicht werden dürfe. Im Oktober 2018 riet Walter-Borjans seiner Partei von einem übereilten Austritt aus der großen Koalition ab. Dennoch bezeichnete er die große Koalition als ein Bündnis, in dem soziale Gerechtigkeit schwer umzusetzen sei. Der mächtige Landesverband der SPD in Nordrhein-Westfalen hat sich hinter die Kandidatur Borjans mit Saskia Esken gestellt, auch Juso-Chef Kevin Kühnert sprach sich für ihn aus, ebenfalls die bisherigen Mitkandidaten Simone Lange und Alexander Ahrens. Sie zogen ihre Bewerbung zurück und baten darum, künftig das Duo Walter-Borjans/Esken zu unterstützen, also das linke Lager zu einen. Deswegen werden den beiden recht hohe Chancen zugestanden, in die Stichwahl einzuziehen.

Die acht Kandidatenpaare und der Einzelkandidat Karl-Heinz Brunner werden sich ab kommendem Mittwoch (4. September) der Parteibasis in 23 Regionalkonferenzen vorstellen. Auftakt ist eine Veranstaltung in Saarbrücken. Dort haben die Kandidatenpaare und Brunner jeweils drei Minuten, um sich zu präsentieren, wie die Bewerber Christina Kampmann und Michael Roth vergangene Woche bei einer Pressekonferenz in Berlin sagten. Auf Fragen dürfte jeweils rund eine Minute lang geantwortet werden.

Nach den 23 Regionalkonferenzen können die rund 400.000 Mitglieder der SPD über ihre Favoriten entscheiden.

Der Parteivorstand hat bereits mehrfach angemahnt, dass die Abstimmung über den SPD-Vorsitz nicht zu einem inoffiziellen Votum über die Zukunft der großen Koalition werden soll. Allerdings ist das schwierig: denn einige Bewerber haben bereits angekündigt, das Bündnis mit der Union verlassen zu wollen, sollten sie SPD-Chefin oder -Chef werden. Daher schaut auch die Union gespannt auf den Ausgang des parteiinternen Wettbewerbs.

Der Bewerbungsprozess wird sich aller Voraussicht nach bis Ende November hinziehen. Die erste Frist läuft am 26. Oktober ab. Falls dort keines der Paare über 50 Prozent der Stimmen bekommt, wird es eine Stichwahl geben. Deren Ergebnis wird am 30. November verkündet. Ab dem 6. Dezember kommt die SPD in Berlin zum Parteitag zusammen und will dort auch die Halbzeitbilanz der großen Koalition und damit über deren Zukunft beraten.

Die Wahl der neuen Parteivorsitzenden war nötig geworden, weil Andrea Nahles ihr Amt im Juni wegen fehlenden Rückhalts in den eigenen Reihen aufgegeben hatte. Nun soll erstmals ein Duo aus einem Mann und einer Frau die Partei führen. Viele Prominente in der Partei hatten eine Bewerbung um den Führungsposten abgelehnt: Familienministerin Franziska Giffey, der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert, die Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, Manuela Schwesig und Stephan Weil. Die SPD ist in einer tiefen Krise und steht in bundesweiten Umfragen bei 13 bis 15 Prozent.