In welchem Gemütszustand die SPD gerade ist, das lässt sich oft gut am Willy-Brandt-Haus ablesen. Im Atrium der Berliner SPD-Zentrale sind schon einige Parteivorsitzende in Erklärungsnot geraten. Im Vorstandssaal im fünften Stock endeten zuletzt in kurzer Abfolge Karrieren, das letzte Mal im Juni, als Andrea Nahles ihren Job hinwarf. Geblieben ist davon das Bild, als sie den draußen wartenden Journalisten ein "Machen Sie es gut" zurief und dabei seltsam erleichtert wirkte. Länger her ist es, dass in diesem Haus in Berlin-Kreuzberg auch Wahlsiege bejubelt wurden. Als die Unionspolitiker anfingen, hier ein- und auszugehen, während der Koalitionsverhandlungen 2018, war das aus Sicht vieler Genossen der Anfang vom drohenden Ende.

Klar also, dass die 14 verbliebenen Bewerber für den SPD-Vorsitz am Dienstagabend an diesem historischen Ort alles geben. Die Regionalkonferenzen, bei denen sie sich der Partei vorstellen, gehen in die Halbzeit. Und der zwölfte von 23 Auftritten im ganzen Land ist auch wegen des Mannes besonders, der hier als Statue wacht: Neben der Bühne im Atrium überragt in Bronze der SPD-Übervater Willy Brandt alles andere.

Dass er in 67 Lebensjahren noch nie einen Krieg erlebt habe, habe er "diesem Mann zu verdanken", ruft die Hoffnung der Parteilinken und Groko-Gegner Norbert Walter-Borjans gleich zu Beginn. Und wird im Folgenden auch für seine Forderung bejubelt, die SPD dürfe sich nicht mehr dem Markt unterwerfen. Doch auch sein Gegenpol Olaf Scholz, Kandidat des Establishments sozusagen, wird von seiner Partei und den anwesenden Berliner Regierungsmitarbeitern freundlich empfangen. Er preist die Bedeutung des Sozialstaats und verspricht, künftig, "was wir sagen, später auch zu tun". Für Frische sorgt die stets gut gelaunte Kandidatin Christina Kampmann, eine 39-jährige Landtagsabgeordnete im Europapulli, die zum Kampf gegen rechts, allen voran gegen den Thüringer Nationalisten Björn Höcke aufruft: "Sie werden niemals eine wichtige Persönlichkeit in unserem Land werden." Da ist Stimmung im Willy-Brandt-Haus.

Für die Chancen bedeutet der Applaus in der Halle wenig

Doch wer wird hier künftig auf dem Chefsessel Platz nehmen dürfen? Der Applaus ist, wie schon bei anderen Regionalkonferenzen, uneindeutig. Der ehemalige nordrhein-westfälische Finanzminister Walter-Borjans wird in seiner Partei schon deshalb bejubelt, weil er vor sieben Jahren Steuer-CDs aus der Schweiz aufkaufte und so Steuersünder zu Rückzahlungen zwang. Künftig will er auch auf Bundesebene der "Robin Hood" sein und aus der großen Koalition aussteigen. Das fordern mit Karl Lauterbach und Nina Scheer sowie Hilde Mattheis und Dierk Hirschel aber auch noch zwei weitere Paare, die sich in der Abstimmung gegenseitig wichtige Stimmen rauben könnten. 

Walter-Borjans und seine Mitkandidatin Saskia Esken werden prominent unterstützt von Juso Kevin Kühnert und dem mächtigen Landesverband NRW sowie einigen anwesenden Fans, die ihnen gern laut zuklatschen – aber sie kämpfen auch an diesem Abend mit ihrer mittelmäßigen Bühnentauglichkeit. Eigentlich sei er ja ihr Favorit, sagt eine Genossin im Willy-Brandt-Haus über Walter-Borjans, aber der Auftritt sei doch eher mau.

Das Überraschungspaar der Bewerberrunde, Christina Kampmann und ihr Partner Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt, sie drehen dagegen richtig auf. Vor allem Kampmann wird verlässlich beklatscht, wenn sich die 39-Jährige auf der Bühne mit pointierten Anekdoten und der Forderung nach den "Vereinigten Staaten von Europa" und einer staatlichen "Bahncard 50 für Pendler" durch den Abend rockt. Offen bleibt aber weiterhin, ob Kampmann/Roth mehr als die 7.500 Besucherinnen und Besucher erreichen, die bisher bei den Regionalkonferenzen waren. Im Land sind sie bisher eher wenig bekannt, und über den SPD-Vorsitz können 426.000 Mitglieder abstimmen – nur die Hälfte von ihnen soll bisher eine der Regionalkonferenzen im Livestream verfolgt haben. Die SPD-Basis tickt zudem konservativer, als man zuweilen denkt, das hat schon der Mitgliederentscheid über die unbeliebte große Koalition gezeigt. 60 Prozent der Genossen stimmten im Frühjahr 2018 dafür, trotz monatelanger Diskussionen und mächtiger Gegensprecher.

Favoriten im parteiinternen Kampf um den SPD-Vorsitz bleiben daher auch Vizekanzler Scholz, der zwar an diesem Abend mit vielen Worten wenig sagt, aber auf das Prinzip "Stabilität und Coolness" setzt; und die Variante "Wandel Light": der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius und dessen Partnerin Petra Köpping, die als "Frau aus dem Osten" die Herzen vieler Mitglieder anspricht. Und auch der gemäßigte Linke Ralf Stegner wird bejubelt; aufmerksam lauscht der Saal, wenn an seiner Seite die ehemalige Kandidatin für Bundespräsidentinnenamt, Gesine Schwan, von "geistiger Erneuerung" spricht. Viele Genossen sind überrascht über die gute Performance, die der sonst stets schlecht gelaunte Stegner hinlegt.

Doch noch durchhalten in der großen Koalition?

Während sich die SPD hier anfangs daran berauscht, dass sie wieder Hallen füllen kann, flaut die Stimmung in den kommenden zweieinhalb zunehmend länglichen Stunden allerdings ab. Auch das ist typisch SPD: Nach anfänglicher Euphorie folgen die Mühen der Ebene. Und die kann verdammt trist sein: Ein Kandidaten-Schönheitswettbewerb mit gleichem Rederecht für alle lässt eben auch die Aufmerksamkeit des tapfersten Jusos sinken. Abgesehen von der Frage, ob die SPD in der großen Koalition bleiben sollte, tun sich zwischen den Kandidaten nicht wirklich große Unterschiede auf. Sozi ist Sozi: Es wird gesprochen über Wohnungsbau in Berlin, der Sozialstaat wird gepriesen, der Kampf gegen rechts beschworen. 

Der Klimaschutz bleibt für das Willy-Brandt-Haus ein ambivalentes Thema und das wenige Tage vor den wichtigen Beschlüssen der großen Koalition im Klimakabinett: Kandidatin Klara Geywitz wird wohlwollend beklatscht, als sie dazu aufruft, Ängste der Industriearbeiter vor Arbeitsplatzverlust und die Ängste der jüngeren Generation vor dem Klimawandel nicht gegeneinander auszuspielen. Ihr Partner Olaf Scholz hingegen verliert kein Wort dazu. Wer, wie Kandidatin Nina Scheer, einen konsequenten ökologischen Umbau der Gesellschaft fordert, hat nicht die Mehrheit der Applaudierenden auf der Seite. 

Am Ende leeren sich die Reihen schnell, die Zeiten für die Partei bleiben mager: 3.500 Menschen sind der SPD seit Juli neu beigetreten, um am Mitgliederentscheid über die neuen Parteivorsitzenden teilzunehmen. Das ist ein Bruchteil der 25.000, die noch 2017 neu dazu kamen, als es über die neue große Koalition zu entscheiden galt.

Den Blick auf die Thüringen-Wahl Ende Oktober, vor der die SPD sich langsam auf die Fünfprozenthürde zubewegt, vermeiden sie in der Partei aktuell noch. Angesichts der desaströsen Umfragelage mehren sich aber die Stimmen unter den Kandidaten, die fordern, vielleicht doch noch bis zur regulären Bundestagswahl 2021 durchzuhalten. Wer künftig im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses über die Zukunft der großen Koalition entscheidet, das wird wohl erst nach der Auszählung der Stichwahl am 30. November feststehen.

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