Gerade hat der Bundestag seinen 70. Geburtstag gefeiert – am 7. September 1949 trat er zum ersten Mal in Bonn zusammen. Vier Jahrzehnte  später, am 4. Oktober 1990, tagten zum ersten Mal Abgeordnete aus Westdeutschland gemeinsam mit 144 Parlamentariern aus dem Osten. Einer davon war der spätere  Präsident des gesamtdeutschen Bundestags, Wolfgang Thierse. Im Interview spricht er über die quälende Langsamkeit des Parlamentarismus, die AfD und erklärt, was Hartz IV mit der Wiedervereinigung zu tun hatte.

ZEIT ONLINE: Herr Thierse, Sie waren dabei, als vor 29 Jahren erstmals die Mitglieder des Bundestags gemeinsam mit Vertretern der DDR-Volkskammer tagten, zu denen Sie gehörten. Wie hat sich das angefühlt?

Wolfgang Thierse: Für mich ging ein Kindheitstraum in Erfüllung: Gleich am ersten Tag sollte ich meine erste Rede halten. Ich hatte schon als Junge mit großer Begeisterung Reden aus dem Deutschen Bundestag gehört. Wenn Fritz Erler, Thomas Dehler und Kurt Georg Kiesinger sprachen, rieselte es mir den Rücken runter, ich hatte Gänsehaut. Von Kindesbeinen an dachte ich, das müsste ich auch mal können – so was müsste ich auch mal dürfen.

ZEIT ONLINE: Sie waren davor Abgeordneter in der ersten frei gewählten Volkskammer. Was war da anders als im Bundestag?

Thierse: Das war unvergleichbar. Es war reizvoll, spannend, dramatisch und schwindelerregend. Wir waren alle Neulinge. Es war Learning by Doing, wir mussten innerhalb von Tagen und Wochen all das Handwerkszeug des Parlamentariers im laufenden Betrieb lernen. Aber es herrschte auch eine viel größere Unvoreingenommenheit: Die Konturen zwischen den Fraktionen waren viel weniger deutlich als in einem gestandenen Parlament – das mussten wir alles erst entwickeln. Man war dadurch neugieriger auf die anderen Redner.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das vermisst hinterher im Bundestag?

Thierse: Im Bundestag gibt es Routinen, und die sind wichtig in jedem Beruf. Man kann nicht immer alles neu machen, das hält kein Mensch aus. Manches war mir im neuen Bundestag fremd und ist mir fremd geblieben.

Nach seiner Wahl zum SPD-Vorsitzenden in der DDR im Juni 1990 nimmt Wolfgang Thierse neben Willy Brandt Platz. Daneben: SPD-Wahlplakate der SPD in Ost-Berlin © photothek, Heiko Feddersen/​imago images

ZEIT ONLINE: Was zum Beispiel?

Thierse: Die ersten Monate und Jahre habe ich unter einem Umstand regelrecht gelitten: Parlamentarische Demokratie ist ständige Wiederholung. Jeden Montagfrüh begann es mit einer Serie von Sitzungen. Überall sprach man über dieselben Themen, teilweise mit denselben Leuten. Und die sagten teilweise natürlich dasselbe. Ich dachte, ich halte das nicht aus, schon beim zweiten Hören starben mir die Worte im Mund weg. Ich hatte das Gefühl, ich habe das doch schon gesagt, aber offenbar noch nicht zu allen. Mit der Zeit habe ich dann gelernt, dass die Langsamkeit ein wesentlicher Teil von Demokratie ist. Sie ermöglicht es, dass möglichst viele an ihren Entscheidungsprozessen teilhaben können.

"Demokratie erlernen unter schwierigsten Umständen"

ZEIT ONLINE: Der Parlamentarismus mag langsam sein, gleichwohl mussten Sie und Ihre Landleute einen Crashkurs in Demokratie machen.

Thierse: Wir Ostdeutschen mussten Demokratie unter schwierigsten Umständen erlernen. Es war ein dramatischer und schmerzlicher, ökonomischer, sozialer, politischer und kultureller Umbruch. Das muss man begreifen, um zu verstehen, warum die Demokratie bis heute im Osten mit Enttäuschungen behaftet ist. Der Westen hatte die wunderbare Chance, in einer Phase des ökonomischen Wiederaufstiegs das Ja zur Demokratie zu erlernen. Die Parallelität von wirtschaftlichem Aufschwung und Demokratisierung hat es den Westdeutschen leichter gemacht.

Etwa eine Million DDR-Bürger nahmen am 4. November 1989 an der ersten vom Volk ausgehenden genehmigten Demonstration in der DDR teil – gegen Gewalt und für Reformen. Die Demo wurde live im Fernsehen der DDR übertragen. Rechts: Eine Trabi-Kolonne in West-Berlin am 10. November 1989, ein Tag nach der Maueröffnung © dpa

ZEIT ONLINE: Welche Enttäuschungen im Osten meinen Sie?

Thierse: Die Mehrheit der DDR-Bürger wollte den vollmundigen Versprechungen von Helmut Kohl glauben. Aber je größer der Glauben, desto größer hinterher die Enttäuschung. Und was auch kaum ein Ostdeutscher wahrhaben will: Der westdeutsche Sozialstaat wurde 1990 mit 16 Millionen Ostdeutschen belastet, die nicht eingezahlt hatten, das konnten sie ja auch nicht. Aber das hat den Sozialstaat fast gesprengt, und das gehört zur dramatischen Vorgeschichte der Hartz-IV-Reformen, für die wir so geprügelt werden, gerade in Ostdeutschland.