Der Abbruch eines Interviews durch den AfD-Politiker Björn Höcke sorgt auch in seiner Partei für Diskussionen. Aber nicht wegen der Drohung mit "massiven Konsequenzen" für den Interviewer, sondern wegen Höckes Egokurs.

Höcke und sein Pressesprecher hatten vergangene Woche in Erfurt ein Interview mit dem ZDF beendet, nachdem ihre Forderung, noch mal von vorn anzufangen, vom Reporter abgelehnt wurde. Am Ende der seit Sonntag online einsehbaren Videoaufzeichnung sagt Höcke vieldeutig: "Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Lande. Könnte doch sein."

In der AfD gibt es viele Politiker, die den Thüringer Nationalisten sehr kritisch sehen. Wenn die Partei im November eine neue Spitze wählt, will auch der ultrarechte Flügel um Höcke mehr Einfluss bekommen. Auch daher wurde seine Einlassung im ZDF in der Partei genau registriert. Befragte Funktionäre verweisen darauf, dass nicht Höcke, sondern Mitglieder oder Parteitagsdelegierte darüber entscheiden, ob jemand eine wichtige Person in der Partei wird oder nicht.

Offen reden über die Aufregung um Höckes Interview im ZDF will derzeit aber kein Spitzenpolitiker. AfD-Chef Jörg Meuthen lehnte eine Stellungnahme ab. Zu groß ist offenkundig die Angst, mit Kritik an Höcke bei dem von ihm geführten nationalistischen Parteiflügel in Ungnade zu fallen und so die eigene Stellung in der Partei zu gefährden. Höckes Gefolgschaft wird in der Partei zwar nur auf eine Größenordnung von 30-40 Prozent gerechnet, aber sie ist durchaus mächtig: Schon bei der Wahl eines neuen AfD-Vorstands 2017 schaffte es der Höcke-Flügel, die Kandidatur des innerparteilich als gemäßigt geltenden Georg Pazderski zu torpedieren.

Höcke ist auch Spitzenkandidat in Thüringen, wo Ende Oktober ein neuer Landtag gewählt wird. Sollte die AfD, die dort derzeit bei 25 Prozent steht, stark abschneiden, könnte das auch den Politiker und seine Anhänger animieren, bundesweit weiter Einfluss zu nehmen.

Höckes Egokurs ist in der Partei schon lange Thema. Seine Selbstzentriertheit wurde auch genannt, als 2017 ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn angestrengt wurde, nachdem er in Dresden eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert hatte. Erst im Sommer wandten sich mehr als 100 Spitzenfunktionäre in einem gemeinsamem Appell gegen die Ich-Inszenierung des Thüringers. 

Der schleswig-holsteinische Landtagsfraktionschef der AfD, Jörg Nobis, ist dennoch überzeugt: Höcke sei parteiintern weiter ohne Mehrheit. Mit seiner Andeutung im ZDF mache sich Höcke "größer, als er ist".

Was ist NS-Sprache?

Thema des ZDF-Interviews war Höckes Diktion und ihre mögliche Nähe zu NS-Begriffen, so zum Beispiel das Wort "Lebensraum". Diesen Begriff hatte Höcke in einer Rede im Jahr 2018 benutzt und mit einer kokettierenden Bemerkung ("Hab ich jetzt ‘Lebensraum’ gesagt?") zu verstehen gegeben, dass dies ein belastetes Wort ist: Zur NS-Zeit diente das Schlagwort vom "Lebensraum im Osten" als ideologische Legitimation für den Eroberungskrieg gegen Polen und die Sowjetunion.

Obwohl Höcke zunächst auf alle Fragen des ZDF-Interviewers antwortete, unter anderem mit dem Hinweis, er glaube nicht, dass es eine "allgemeingültige Definition dessen gibt, was NS-Diktion, was NS-Sprache ist", intervenierte schließlich sein Pressesprecher: Er sagte, dass die Fragen seinen Chef "stark emotionalisiert" hätten und man bitte noch einmal von vorn anfangen solle. Später warf Höcke dem Fragesteller vor, einen "politischen Auftrag" zu exekutieren und eine "Verhörsituation" geschaffen zu haben.

Dass die AfD medienkritisch ist, vor allem gegenüber den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, ist nicht neu. Mehrfach schon haben Spitzenpolitiker Gespräche abgebrochen, so zum Beispiel Spitzenkandidatin Alice Weidel, die im September 2017 eine TV-Diskussion zur Bundestagswahl verließ, was zu der Diskussion führte, ob der Eklat von ihr vielleicht sogar so gewollt war.

Die Tatsache, dass Höcke nun ebenfalls ein Interview abbrach, wurde in der Partei aber auch kritisiert. "Den Gefallen würde ich der Gegenseite niemals tun", sagte Hessens AfD-Landeschef Robert Lambrou: "Ich habe mich dafür entschieden, dass ich Interviews immer durchziehe." Zumal die AfD auch von der Aufmerksamkeit der Medien lebt. Auch Jörg Nobis sagte: "Als Politiker ist man auch auf die Medien angewiesen. Sonst kann man keine Botschaften transportieren."

Auch Vertreter anderer Parteien haben Medienkritik geäußert. Der CDU-Politiker und damalige Bundeskanzler Helmut Kohl etwa gab dem Spiegel jahrelang kein Interview und beschimpfte Reporter des Magazins öffentlich. Doch Teile der AfD gingen in der Vergangenheit deutlich weiter: der rheinland-pfälzische Landeschef Uwe Junge etwa, der drohte, man werde eines Tages die "Befürworter und Aktivisten der Willkommenskultur" – darunter also auch Journalisten – "zur Rechenschaft ziehen". Und die Hochtaunus-AfD schrieb auf Facebook, dass bei früheren Revolutionen "Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt" wurden.

Korrektur: In einer ersten Fassung des Artikels hatten wir geschrieben, dass die im letzten Absatz genannten Postings in der AfD nie thematisiert wurden. Richtig ist jedoch, dass zumindest das Posting der Hochtaunus-AfD von der hessischen AfD-Spitze scharf verurteilt wurde.