"Deutschland, Deutschland über alles …" Als Tontechniker in einem Saal im bayerischen Greding das Deutschlandlied einspielen, zögern einige der 15 Spitzenfunktionäre auf der Bühne, die meisten aber stimmen ein. Auch das Saalpublikum singt kraftvoll mit. So zeigt ein Video vom Sommer 2019 den Abschluss eines Regionaltreffens des AfD-Flügels. Auf der Bühne steht auch Björn Höcke, umgeben von Plakaten mit dem eigenen Konterfei. Die erste Strophe mit dem nationalistischen Wortlaut lächelt Höcke noch weg, ab der zweiten singt der Thüringer Fraktions- und Landeschef textsicher mit.

Höcke hat den Flügel gegründet: ein parteinahes Netzwerk, in dem nationalistisch-völkisch eingestellte AfD-Mitglieder beraten, wie sie sich ihre Partei vorstellen: als Fundamentalopposition zu allen anderen Parteien, bis sie irgendwann als alleinige Regierungsmacht das Land erobern und ethnisch homogenisieren kann. Höcke ist das Gesicht des Flügels, auf ihn geht das Flügel-Manifest zurück, die Erfurter Resolution von 2015, deren Unterzeichner fest zum rechtsnationalen AfD-Lager zählen. Der Flügel ist vor allem im Osten Deutschlands stark: Sein Nationalismus prägte die Wahlprogramme in Brandenburg und in Sachsen. Am kommenden Sonntag wird Höckes Partei nicht trotz, sondern wegen solcher Phrasen in den Thüringer Landtag gewählt werden. Der Flügel wird innerparteilich neue Machtansprüche erheben. Heute ist er eine Art parteiinterne Opposition, die den Eindruck vermittelt: An uns kommt keiner vorbei.

In seinem Machtbereich hat Höcke parteiinterne Gegner bis heute weitgehend marginalisiert: Vier Abgeordnete verließen die AfD-Landtagsfraktion seit der Wahl 2014 oder wurden ausgeschlossen. Parallel baute der 47-jährige Geschichtslehrer aus Hessen bundesweit seinen Anhängerkreis aus – durch Wahlkampfreden in anderen Bundesländern, auf Flügel-Regionaltreffen, durch die parteiintern stark kritisierten Auftritte bei der Parteijugend, bei Pegida.

Als Spitzenkandidat zur Thüringer Landtagswahl wird Höcke am Sonntagabend eines der für Ostdeutschland typischen AfD-Ergebnisse verbuchen können: Mehr als 20 Prozent werden wohl AfD wählen. Die Partei dürfte zweit- oder drittstärkste Kraft nach Linke und CDU werden. Zahlreiche der 44 mit Erststimme gewählten Direktkandidaten des Thüringer Landtags wird die AfD stellen. Die Landtagsfraktion würde etwa doppelt so groß. Und all das, ohne dass es außergewöhnlicher Wahlkampfanstrengungen bedurft hätte. Der Flügel kann danach in der AfD selbstbewusster denn je Posten und Einfluss reklamieren.

Getrieben waren die Flügel-Gründer im März 2015 vom Widerstand gegen den als selbstherrlich empfundenen Ex-Parteichef Bernd Lucke. Sie waren fasziniert von der erstarkenden Pegida-Bewegung, die gegen Flüchtlinge hetzte. Lucke wurde Monate später abgewählt – der Flügel aber fand parteiintern stets neue Gegner: erst Luckes Amtsnachfolgerin Frauke Petry, die 2017 weggemobbt wurde, inzwischen sogar Bundeschef Jörg Meuthen – weil beide Nationalismus parteiintern erst gefördert hatten, dann aber öffentlich vor seinen Auswüchsen warnten.

Weil die Spitzenfunktionäre kaum am Flügel vorbeikommen, suchte jüngst sogar Fraktionsvorsitzende Alice Weidel, die einst Höckes Parteiausschluss unterstützte, die Nähe des Höcke-Lagers: Sie hielt ein Referat vor Freunden der Flügel-Denkwerkstatt Institut für Staatspolitik im sachsen-anhaltinischen Schnellroda. Am Landtagswahlabend in Brandenburg Anfang September, wo ebenfalls der Flügel stark ist, feierte auch der innerparteiliche Höcke-Gegner Georg Pazderski vom Landesverband Berlin mit. Parteichef Meuthen nutzte seine Besuche der Flügel-Sommerfeste am Kyffhäuserdenkmal jahrelang, um sich den Hunderten dort versammelten Höcke-Anhängern anschlussfähig zu zeigen. Auch der brandenburgische AfD-Chef Andreas Kalbitz zeigt sich stets dort, ebenso Bundes- und Landtagsabgeordnete. Hinzu kommen die vielen Regionalobleute des Flügels.

Paul Traxl in Bayern ist so einer. Der Mediziner leitet den Kreisverband Aichach-Friedberg und pflegt einen Mailverteiler, über den er zu Flügel-Treffen einlädt. Zugehörig sei, wer die Erfurter Resolution unterzeichnet hat, "oder darum bittet, informiert zu werden, oder wer zu den Veranstaltungen kommt", sagt Traxl. Denn Mitgliederlisten kennt der Flügel nicht. Um dazuzugehören, müsse man "die innere Bereitschaft nach außen bekunden, dass man den Flügel inhaltlich unterstützen will", sagt Jens Maier, Höcke-Verehrer aus Sachsen, der im September auf Schloss Burgk bei Freital ein erstes Flügel-Treffen im Freistaat organisierte. In Nordrhein-Westfalen vertreten die jüngst abgewählten Landesvorstände Thomas Röckemann und Christian Blex den Flügel, auch in Baden-Württemberg und Niedersachsen gibt es Regionalvertreter.