Das Innenministerium hat Vorwürfe zurückgewiesen, Gamer nach dem Terroranschlag von Halle unter Generalverdacht zu stellen. "Es geht um die Bekämpfung von schwersten Straftaten und darum, dass wir diese potenziellen Täter – Extremisten oder sonstige Tätertypen – in allen Bereichen finden können, in denen sie sich bewegen", sagte ein Sprecher des Ministeriums am Montag in Berlin.

Erfahrungen zeigten, dass sich bestimmte Täter vorwiegend im Netz aufhielten, um sich zu vernetzen und zu kommunizieren, sagte der Sprecher. Dies geschehe auch in Spieleplattformen. "Damit ist in keiner Form beabsichtigt, die gesamte Spielebranche oder Gamerszene in Misskredit zu bringen", betonte er. Nur weil man ein Spiel spiele, sei man nicht gleichzeitig ein potenzieller Straftäter. Das sei auch die Position von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU).

Aussagen von Seehofer waren am Wochenende auf Kritik gestoßen. Die ARD-Sendung Bericht aus Berlin hatte sie per Twitter verbreitet. Der Minister sagte darin unter anderem: "Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene." Seehofer wurde unter anderem vorgeworfen, damit vom Problem des Rechtsextremismus abzulenken und Gamer unter Generalverdacht zu stellen. Der Attentäter von Halle war in der Gamerszene unterwegs. Vor dem Terroranschlag hatte er einen Ablaufplan veröffentlicht, der wie eine verschriftlichte Version eines Computerspiels wirkt.

Kritik von Bär, Scheuer, Söder

"Das Problem heißt Rechtsextremismus, nicht Gamer oder sonst was", sagte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil dazu am Montag in Berlin. "Diese Debatte halten wir für absolut falsch." Klingbeil warf den Behördenspitzen, konkret dem Innenminister und dem Verfassungsschutz, auch vor, nicht zu erkennen, dass es eine reale Bedrohung von rechts gebe. "Es gibt ein Problem mit Rechtsterrorismus in Deutschland – und das muss angegangen werden", forderte er. Die AfD und andere hätten das gesellschaftliche Klima verändert und den Täter von Halle dadurch auch "munitioniert".

Selbst aus den Reihen der eigenen Partei und der Bundesregierung erntete der Innenminister Kritik. CSU-Vize Dorothee Bär, die auch Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt ist, und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer wiesen Seehofers Äußerungen am Montag in einer CSU-Vorstandssitzung zurück. Auch CSU-Chef Markus Söder warnte in München, ohne Seehofer zu nennen, bei der Aufarbeitung des Anschlags von Halle vor Pauschalurteilen gegen die Gamerszene. Seehofer selbst war in der Sitzung nicht anwesend.

Gaming "auch ein wichtiger Wirtschaftszweig"

"Jede negative Entwicklung muss gesehen werden. Andererseits ist aber auch klar, dass es keine Pauschalurteile geben kann", sagte Söder. "Denn die Gamer, und das sind viele, viele junge Leute, die machen da großartige Sachen." Das sei auch ein wichtiger Wirtschaftszweig. "Generell sind wir froh, dass es die Games-Szene überhaupt gibt." Es sei nur wichtig, "hinzuschauen, wo Probleme sind, wie überall".

Bär sagte in der Sitzung nach Teilnehmerangaben, in Bayern und Deutschland werde viel für die Games-Förderung gemacht. Ohne Seehofer beim Namen zu nennen, sagte Bär, das lasse man sich nicht mit "einem Satz" kaputtmachen. Das wäre so, als wenn man "mit dem Arsch" einreiße, was man jahrelang aufgebaut habe, fügte sie hinzu. Scheuer wies darauf hin, dass etwa in Navigationsgeräten Entwicklungen aus der Games-Branche steckten. Nur weil man im Internet böse Sachen bestellen könne, wolle keiner gleich das Internet verbieten.

Auf sozialen Medien wurden im Verlauf des Wochenendes aber auch Stimmen laut, die einen kritischen Blick auf die Szene einforderten. "Alle, die so tun, als gäbe es im Gaming-Bereich kein vermehrtes Problem mit Rassismus, Rechtsradikalismus und vor allem Frauenfeindlichkeit, sollen mal fröhlich in Gaming-Subreddits oder bei Steam rumschauen", schrieb die Autorin Sophie Passmann. Subreddits sind Untergruppen auf der Plattform Reddit, auf der registrierte Benutzer Inhalte einstellen können.

Experten weisen seit Monaten darauf hin, dass insbesondere auf der Gaming-Plattform Steam viele zweifelhafte Inhalte zu finden sind. Dort posten Anwender Beiträge, die sich selbst nach bekannten Rechtsterroristen benennen oder Hakenkreuze als Symbole verwenden. Bei Steam werden nicht nur Computerspiele verkauft, sondern der Community ein umfangreicher Bereich zum Meinungsaustausch bereitgestellt. Als Verkaufsplattform fällt Steam nicht unter das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das eine schnelle Löschung von Hassinhalten vorschreibt.