Seit Jahren fühlen sich jüdische Gemeinden in Deutschland nicht sicher, sagte die Grünenpolitikerin Marina Weisband nach dem Anschlag von Halle. Als Mitglied der jüdischen Gemeinde weiß sie, wie es ist, wenn man bei jeder Versammlung um den Schutz der Polizei bitten muss. Nicht immer mit Erfolg. Weisband war früher in der Piratenpartei aktiv und berät jetzt die Grünen beim Thema Digitalisierung – auch hier gibt es Verbindungen zur Tat von Halle.

Eine Tür. Es war eine Tür, die zwischen dem Attentäter und 70 Menschen stand. Nicht die Polizei. Nicht die Gesellschaft. Nur eine Tür.  

Für manche mag er "undenkbar" gewesen sein (Steinmeier) oder ein "Alarmsignal" (Kramp-Karrenbauer). Aber für diejenigen unter uns, die immer um Polizeischutz gebeten haben oder um diesen Polizeischutz bitten mussten, war dieser Anschlag keine Überraschung. Er war ein völlig erwartbares Ereignis vor dem Hintergrund des zunehmend geschürten Hasses gegen Menschen. Juden haben seit Jahren gesagt, dass sie sich in Deutschland nicht sicher fühlen

Die Gemeinde in Halle wünschte sich Schutz und hat keinen bekommen. Dies war fatal. Doch mit Polizisten vor der Tür ist es nicht getan. Unter Polizeischutz beten und leben zu müssen, ist kein Zustand. Wann immer ich mich meiner Gemeinde in Münster – gerade an Feiertagen – genähert habe und Polizeiautos davor sah, war immer diese Frage in meinem Hinterkopf: Möchte ich da rein? Möchte ich da mit meiner kleinen Tochter rein?

Als wir 2008 versuchten, eine Art jüdischen Jugendtreff aufzubauen, mussten wir extra Beamte dafür beantragen. Wenn keine zur Verfügung standen, durften wir nicht in den Gemeinderäumen tagen. Wir durften Veranstaltungen und Stammtische nicht öffentlich mit Uhrzeit und Ort bewerben. Effektiv fehlten uns die Mittel, uns zu finden. Ein offenes jüdisches Leben in Deutschland zu leben. Eine Gemeinde zu sein, wie jede andere auch. Das war bereits viele Jahre vor 2015.   

Mit der Solidarität beginnt die Chance auf Frieden

Die Gesellschaft hat es sich lange bequem gemacht, behauptend, Antisemitismus sei ein muslimisches Problem. Es sei mit den Flüchtlingen importiert worden. Ich habe nie größeren Quatsch gehört. Es gibt muslimischen Antisemitismus. Aber der deutsche lebt und gedeiht ebenfalls heiter. Und wenn wir uns den Nahostkonflikt nach Deutschland importieren, gewinnt niemand. Wir spielen nur eine Minderheit gegen die andere aus. Es ist auch völlig unnötig. Denn nach Anschlägen wie diesen zeigen Juden und Muslime jeweils auch große Solidarität zueinander. Hier ist eine Chance auf Frieden. Von rechtem Terror sind beide bedroht. Selbst wenn einige jüdische AfD-Anhänger es anders sehen – wo im Westen gegen Muslime gehetzt wird, geht es irgendwann auch gegen Juden. Denn die Gemeinsamkeit ist Menschenverachtung. Wer bereit ist, einer Gruppe Menschen Gleichberechtigung abzusprechen, ist auch bereit, es gegenüber jeder anderen zu tun.

Terror entsteht nicht einfach so. Da sind keine geisteskranken Menschen, die eines Morgens aufwachen und beschließen, andere Menschen umzubringen. Es gibt da eine Leiter. Ihre unterste Stufe sind innere Überzeugungen. Rassistische oder sexistische Überzeugungen, die wir alle in uns tragen. Auch ich. Wenn ich am Flughafen zweimal auf den Araber schaue. Nur weil er ein Araber ist. Die zweite Stufe ist die Verbalisierung dieser Überzeugungen. Zuerst in Witzen. In Memes. In lustigen Videos. Hier passiert ganz viel über das Internet. Dann im Ernst. Beispielsweise in Interviews mit rechten Parteien oder in Hasstiraden auf YouTube. Dann folgt verbale Gewalt. Beleidigungen. Beschimpfungen. Dann körperliche Gewalt. Dann Terror. Wichtig ist, dass Terror ohne diese Vorstufen nicht funktioniert. Würden wir als Gesellschaft mehr unsere inneren Überzeugungen hinterfragen oder würden wir stärker auf die Witze auf der Internetplattform 8chan achten oder würden wir rigoroser gegen verbale Gewalt vorgehen – käme es gar nicht zum Terror.