Das ist die Bilanz nach vier Wahlen unter der Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer: ein Sieg, drei Niederlagen. Die EU-Wahl im Mai lief schlecht. In Sachsen gewann die CDU nur dank ihres beliebten Ministerpräsidenten. In Brandenburg waren es am Schluss desaströse 15,6 Prozent, aber dort war die CDU ohnehin nie stark verankert. Ganz anders in Thüringen: Das war mal CDU-Stammland. Hier regierten Christdemokraten 24 Jahre lang teils sogar mit absoluter Mehrheit. Und jetzt: Platz drei mit knapp 22 Prozent, abgeschlagen hinter der Linken, ja sogar hinter den Rechtspopulisten von der AfD. Diese Niederlage geht an die Substanz der Partei.

Im Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Zentrale in Berlin, dürften jetzt die zahlreichen und schwer fassbaren Alarmzeichen der letzten Zeit zusammengefügt werden zu einem erschreckenden Gesamtbild der Partei – ein bisschen wie in einem Untergangsfilm von Roland Emmerich. Nach Thüringen ist die Krise nicht mehr zu verdrängen.

Groß war der Schock schon vor fünf Jahren gewesen, als die CDU erstmals die Regierungsmehrheit im Erfurter Landtag an den linken Bodo Ramelow verlor. Eine einmalige Sache sei das gewesen, ein Ausrutscher, versuchte man sich damals einzureden. Immerhin war die CDU ja 2014 noch recht deutlich stärkste Fraktion. Auch das ist nun dahin. Statt um die Staatskanzlei mitzukämpfen, ist die CDU in Thüringen auf Platz drei verbannt, sie muss um ihren Status als Volkspartei bangen. Die Verluste sind mit über elf Prozentpunkten dramatisch.

Am Tabu Linkspartei rüttelt in der CDU kaum einer

Zwischen Björn Höcke und Bodo Ramelow, zwischen rechts außen gegen links – in diesem polarisierten Wahlkampf fand CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring mit seiner Beteuerung, Thüringen solle doch aus der Mitte heraus regiert werden, wenig Gehör. Die CDU muss die Tatsache, dass zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte der rechte und der linke Rand gemeinsam über 50 Prozent der Stimmen kommen, auch auf sich selbst beziehen. Auch wenn solche Rechenspiele das völlig falsche Bild suggerieren, vom linken Ramelow ginge eine vergleichbare Gefahr für die Demokratie aus wie von dem völkischen Nationalisten Höcke: Offenbar war die CDU nicht genügend Alternative für die Mitte.

Wo diese Mitte beginnt und wo sie endet, wird die CDU wahrscheinlich auch wieder auf ihrem Parteitag in drei Wochen diskutieren: Rund 40.000 Stimmen verlor die CDU in Thüringen seit der letzten Wahl an die AfD, darin wird sich vor allem der rechte Rand der Partei bestätigt sehen. Dort ist man überzeugt, dass die CDU in den vergangenen Jahren gesellschaftlich viel zu liberal geworden sei.

Natürlich spielte für das Wahlergebnis auch Landespolitik eine zentrale Rolle. Und da wären Wahlsieger Ramelow und seine rot-rot-grüne Landesregierung für die CDU durchaus angreifbar gewesen. Mit einem Neuzuschnitt der Verwaltungs-, Landkreis- und Gemeindestrukturen, einem zentralen Projekt der Regierung, sind sie gescheitert, auch am Widerstand der CDU. Die linke Mehrheit im Landtag war hauchdünn und hing zuletzt an einer einzigen Stimme, der eines Abgeordneten, der von der AfD-Fraktion zur SPD gewechselt war.

Ostdeutschland ist politisch unübersichtlich geworden, da ist Thüringen keine Ausnahme, aber ein Extremfall. Ideologisch konsistente Regierungsbündnisse werden immer schwieriger. In Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen regieren Kenia-Koalitionen beziehungsweise arbeiten CDU, SPD und Grüne an entsprechenden Koalitionsverträgen. In Thüringen hätte nicht mal eine solche aus der Not geborene Kenia-Koalition eine Mehrheit. Man stehe vor einem "demokratiepolitischen Problem", sinnierte der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) im ZDF über den Thüringer Wahlausgang. Die politischen Ränder müssten wieder marginalisiert werden.

Ramelow ist kein vorbelasteter SED-Kader

Die einzig mögliche Koalition aus zwei Partnern – neben der völlig unmöglichen Verrenkung einer Linkspartei-AfD-Koalition – wäre in Thüringen eine zwischen der Linken und CDU. Mike Mohring hatte das immer ausgeschlossen. Damit lag er ganz auf der Linie seiner Parteiführung – eine Haltung, die der CDU sogar derart wichtig war, dass sie auf ihrem letzten Bundesparteitag vor einem Jahr in Hamburg eine Zusammenarbeit mit der Linken noch mal explizit ausgeschlossen hatte. Es gibt nur wenige in der CDU, die ernsthaft an diesem Tabu rütteln wollen. Zumal der Brandenburger Spitzenkandidat Ingo Senftleben nach derartigen verbalen Lockerungsübungen im Wahlkampf durchgefallen ist und schließlich seine Ämter räumen musste.

Aber das war alles vor einem Wahlabend wie diesem in Thüringen. Und Ramelow ist mit Sicherheit kein dogmatischer Ideologe und kein vorbelasteter SED-Kader. Mit dem nüchternen Blick auf politische Realitäten, dessen sich die CDU ja eigentlich rühmt, könnte man in ihm einen Sozialdemokraten neuer Fasson erkennen. 

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak brauchte nach den ersten Ergebnissen am Wahlabend nur 30 Minuten für eine Richtungsentscheidung: "Unser Wort gilt nach den Wahlen: Es wird keine Koalition mit der Linkspartei oder der AfD geben." Bei den wenigen CDU-Anhängern, die zum Wahlabend ins Adenauer-Haus gekommen sind, gibt es dafür zwar Applaus. Aber laut Nachwahlbefragung der ARD sehen das selbst die eigenen Wählerinnen und Wähler in Thüringen nicht mehr so eng: Fast zwei Drittel finden, die CDU sollte jetzt, nach der Wahl, noch mal über ihr kategorisches Nein Richtung Linkspartei nachdenken.

Zudem verlor die CDU nicht nur Wähler an die AfD, sondern auch eine stattliche Zahl von 19.000 früheren Anhängern an die Linke. Die Nachwahlbefragungen ergaben zudem: Viele Christdemokraten finden, Ramelow sei ein guter Ministerpräsident.

Eigentlich ist die CDU eine pragmatische Partei. Sie war immer ein bisschen besser darin als andere, politische Gegebenheiten gerade noch rechtzeitig zu akzeptieren, bevor sich die Welt so schnell weiterdrehte, dass sie selbst ins Trudeln geraten wäre: Bündnisse mit den Grünen waren bei den Konservativen lange ebenso verhasst, irgendwann wurden sie unumgänglich, ein paar Koalitionen auf Landesebene später hat Schwarz-Grün sogar seinen eigenen Chic.

Mohring scheint das zumindest zu fühlen: Er könne "heute Abend nicht Antworten geben" auf die Frage, wie der Freistaat in Zukunft regiert werden solle, sagte er in Erfurt. Und Generalsekretär Ziemiak schob noch etwas kleinlaut hinterher, die CDU stehe natürlich zu ihrer Verantwortung. So könnte man eine politische Kehre einleiten.