So entspannt hat man Dietmar Bartsch lange nicht gesehen. Am Sonntagabend schlendert der Fraktionschef der Linken im schwarzen Anzug die breite Treppe im Foyer des Landtags in Erfurt herab. In den vergangenen Monaten hat er viele schlechte Wahlergebnisse kommentieren müssen: Erst bei der Europawahl, dann nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, überall hatte die Linke miserabel abgeschnitten. Dazu der Dauerstreit über die Ausrichtung der Partei.

In diesem Moment aber scheint das alles vergessen: Ein grandioser Sieg sei das Ergebnis der Linken bei der Thüringer Landtagswahl, sagt Bartsch und verkündet: "Heute wird gefeiert." Kurz darauf kommt die Chefin der Linken in Thüringen, Susanne Hennig-Wellsow, vorbei. Auch die blonde 42-Jährige mit der runden Hornbrille kennt an diesem Abend nur Begeisterung: "Ein historisches Wahlergebnis" sei das, freut sie sich.

Tatsächlich hat die Linkspartei an diesem Abend mit 31 Prozent ihr bestes Ergebnis in der Thüringer Landesgeschichte erzielt. Ja, sie ist auch erstmals überhaupt stärkste Kraft in einem Bundesland geworden. Gewonnen hat sie zudem nicht nur knapp, sondern sehr deutlich: Der Abstand zu AfD und CDU, mit denen sie um Platz eins konkurrierte, beträgt jeweils etwa acht Prozentpunkte.

Der Oberpragmatiker

Zu verdanken hat sie das allem voran ihrem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, der in Thüringen 2014 als erster Linker überhaupt in dieses Amt gewählt worden war. Der hatte sich in den vergangenen Jahren nicht nur von einem eher krawalligen Oppositionspolitiker in einen fürsorglichen Landesvater verwandelt. Er legte vielmehr auch einen so umfassenden Pragmatismus an den Tag, dass selbst CDU-Wähler und die Wirtschaft sich plötzlich mit der rot-rot-grünen Regierung zufrieden zeigten.

Doch natürlich hat der Partei auch geholfen, was in Sachsen und Brandenburg die CDU respektive die SPD stärkte: Viele Wählerinnen und Wähler wollten wohl vor allem verhindern, dass die AfD stärkste Partei wird. Und machten ihr Kreuz deswegen dort, wo sie den Sieg am ehesten vermuteten: bei der Partei des Ministerpräsidenten.

Das ging auch zulasten der bisherigen Regierungspartner von Ramelow, der SPD und Grünen. "Erst mal durchatmen", sagt die grünen Spitzenkandidatin Anja Siegesmund dann auch, als sie auf dem Weg zu den Fernsehstudios das Landtagsfoyer passieren muss. In der ersten Jahreshälfte hatten die Grünen noch gehofft, vom positiven Bundestrend profitieren und auch in Thüringen einen neuen Rekord aufstellen zu können. Stattdessen haben sie nun 0,7 Prozentpunkte eingebüßt und kommen nur noch auf fünf Prozent. Sie werden den Abend über noch bangen müssen, ob sie es überhaupt in den Landtag schaffen. 

"Klarer Regierungsauftrag"

Kaum weniger dramatisch ist es bei der SPD. Die wurde mit Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee zwar vom zweitbeliebtesten Politiker des Bundeslandes als Spitzenkandidaten angeführt, doch geholfen hat ihr das rein gar nichts. Sie büßte vier Prozentpunkte ein und liegt nur noch bei acht Prozent. 

Bei aller Freude über den eigenen Erfolg kann der Misserfolg der Koalitionspartner die Linke freilich nicht kaltlassen. Mit wem sie künftig regieren könnte, ist nämlich völlig offen. Denn bei allen Unklarheiten an diesem Wahlabend, eines ist sicher: Rot-Rot-Grün hat keine Mehrheit mehr.

Der Ministerpräsident gibt sich davon erst mal unberührt. Es gebe einen klaren Regierungsauftrag für seine Partei und diesen Auftrag nehme er an, erklärt Bodo Ramelow schon kurz nach 18 Uhr. Reine Hybris ist das nicht. Denn wenn das Wahlergebnis für die Linke noch eine gute Seite hat, dann ist es die Tatsache, dass gegen sie jedenfalls auch keine Mehrheit gebildet werden kann. Zumindest solange die CDU ihr Wort nicht bricht, dass sie nicht mit der AfD regieren wird.

Das allerdings ist schon deshalb völlig ausgeschlossen, weil die AfD mit 23,5 Prozent sogar besser abgeschnitten hat als die CDU. Und selbst wenn es in der CDU vereinzelt Kräfte geben sollte, die mit dem Diktum ihres Vorsitzenden Mike Mohring, wonach eine Koalition mit der AfD nicht infrage kommt, nicht einverstanden sein sollten: Ganz bestimmt wird niemand dafür plädieren, den in Thüringen besonders radikalen AfD-Spitzenkandidaten Björn Höcke zum Ministerpräsidenten zu wählen.