Bundesinnenminister Horst Seehofer ist soeben in Ankara angekommen, es ist Donnerstagabend, da sagt er einen Satz, der von seiner Migrationstour nach Südeuropa in Erinnerung bleiben wird. Bevor er sich mit seinem türkischen Amtskollegen Süleyman Soylu zu Gesprächen zurückzieht, reden sie vor Fernsehkameras. Seehofer wendet sich Soylu zu. Dann stellt er ihm aus, was man Blankoscheck nennt: "Wo immer wir unseren Beitrag leisten können, sind wir dazu bereit", sagt Seehofer. Er schmunzelt sein typisches Schmunzeln und streut ein, dass man später darüber spräche, worin dieser Beitrag bestehe.

Uneingeschränkte Unterstützung für die Türkei? Rettet Seehofer so das Flüchtlingsabkommen? Ist dieses Abkommen noch zu retten?

Im Sommer warnte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die Tore nach Europa wieder zu öffnen, wenn er nicht stärkere Unterstützung bei der Versorgung der Flüchtlinge in seinem Land bekomme. Zugleich kamen wieder mehr Migranten auf den griechischen Inseln an. Im August waren es mehr als 8.000. Das ist zwar noch wenig im Vergleich zu 2016, als die EU und die Türkei sich auf ihren Deal einigten; es war aber die höchste Zahl seither. Im September erreichten sogar 10.000 Migranten Griechenland. Auch deswegen machte sich der nicht als reiselustig bekannte deutsche Innenminister auf den Weg. Erst in die Türkei, dann nach Griechenland. Es ist ernst.

Die türkische Regierung erwartete Seehofer mit konkreten Forderungen: Mehr Geld, um die wachsende Zahl an Flüchtlingen in der Türkei zu versorgen; Visa-Erleichterungen für türkische Staatsbürger; Fortschritte beim Ausbau der Zollunion und Hilfe beim Aufbau einer Sicherheitszone auf syrischem Boden. Der deutsche Innenminister allerdings ließ sich – anders als es sein rhetorischer Blankoscheck zunächst vermuten ließ – auf nichts festlegen. Er sicherte zwar zu, bei der neuen EU-Kommission in Brüssel für mehr Geld für die Türkei zu werben. Denkbar sei auch eine Unterstützung bei der Grenzüberwachung. Taten, die seinen Worten gerecht würden, blieben aber bisher aus. Das Innenministerium bestätigte ZEIT ONLINE, dass in Ankara keine Beschlüsse gefasst wurden. Ein "Kniefall", wie ihn die Opposition in Deutschland befürchtet hatte, gab es, wenn überhaupt, also nur verbal. Von einem geretteten Abkommen kann aber auch keine Rede sein. Was hat Seehofer vor?

"Die Syrer" sind ein Politikum

Die türkischen Regierungsvertreter gaben sich milde. Von "fruchtbaren Gesprächen" war die Rede. Bei Migrationsexperten in der Türkei ist die Sorge allerdings groß, dass diese Stimmung nicht lange währt – oder von Anfang an nur diplomatische Maskerade war. Sie befürchten, dass Seehofer keinen nachhaltigen Plan hat, wie es mit der EU, der Türkei und ihrem Flüchtlingsdeal weitergehen solle – außer die Türken durch vage Versprechen von mehr Geld und ein paar Schmeicheleien an ihre Vertragstreue zu erinnern. Eigene Vorschläge machte Seehofer auch keine, zumindest nicht öffentlich.

Es sei ein gutes Signal, dass der deutsche Innenminister nach Ankara gekommen ist, sagt Murat Erdoğan, Professor an der Türkisch-Deutschen Universität Istanbul und ein ausgewiesener Kenner der Flüchtlingslage in der Türkei. Europa habe aber offensichtlich nur ein Instrument, um Probleme zu lösen: Geld. Erdoğan bringt auf den Punkt, was auch andere Experten in der Türkei ZEIT ONLINE am Telefon bestätigen. "Das ist nicht nachhaltig. Das zerstört auch das Bild, das wir vom Westen haben", sagt der Politologe und warnt, dass die Türkei diese "Externalisierung der Flüchtlingspolitik" nicht mehr lange mitmachen werde, egal wer in Ankara die Macht habe.

In der Türkei leben laut Regierungsangaben mittlerweile rund fünf Millionen Flüchtlinge, darunter mehr als 3,6 Millionen Syrer. So viele wie in keinem anderen Land der Welt. Auch angesichts der schwächelnden türkischen Wirtschaft lehnen es immer mehr Türken ab, sie zu versorgen. "Die Syrer" sind ein Politikum geworden, und die türkische Opposition will sie noch dringlicher loswerden als die Regierung. Weil in Syrien der Kampf um die letzte Widerstandshochburg Idlib tobt, droht die Zahl aber eher zu steigen als zu fallen. Der Wissenschaftler Erdoğan spricht zudem von Tausenden Migranten, die jeden Tag über den Iran und den Irak in die Türkei kämen. "Dieser Zustrom wird der Türkei noch große Kopfschmerzen bereiten", sagt er. Um das zu meistern, müssten die EU und die Türkei auch gemeinsam mehr für die Fluchtursachenbekämpfung tun.