Es gibt wohl nur noch zwei Minister in der großen Koalition, die auch nach deren Scheitern groß rauskommen könnten: Da ist einmal Jens Spahn, vor einem Jahr Drittplatzierter im Kampf um den CDU-Parteivorsitz, der derzeit als umtriebiger Gesundheitsminister reüssiert, sich aus den Machtkämpfen seiner Partei aber weitgehend heraushält.

Und da ist aufseiten der SPD seit Mittwochabend auch wieder Familienministerin Franziska Giffey. Nachdem die Freie Universität Berlin festgestellt hat, dass Giffey ihren Doktortitel trotz Mängel in ihrer Promotion behalten darf, und sie somit vom Fälschungsvorwurf freigesprochen hat, stehen der gebürtigen Brandenburgerin nun viele Möglichkeiten offen.

2021 zum Beispiel wird in Berlin gewählt. Für die Nachfolge des zuletzt glücklosen SPD-Bürgermeisters Michael Müller wird Giffey schon länger als Kandidatin gehandelt. Sie kennt die Stadt und als ehemalige Bezirksbürgermeisterin auch deren herausfordernde Seiten. Seit sie in dem Bezirk die Nachfolge des streitbaren Heinz Buschkowsky antrat, weiß Giffey, wie man Klartext spricht, und kann auch ein bisschen Law-and-Order-Politik machen, wenn es sein muss.

Das bringt ihr Sympathien aus der politischen Mitte ein, während ihre Volksnähe und ihre Unangepasstheit auch Linke in der SPD überzeugen. Vielleicht hat tatsächlich nur Giffey eine Chance, ihre zerknautschte Partei gegen die in der Hauptstadt in Umfragen derzeit starken Grünen und mit der SPD gleichauf liegenden Linken zu verteidigen. Allerdings ist die Berliner SPD ein unberechenbarer Haufen, in der Giffey die Hausmacht fehlt, wie ihr auch ihr einstiger Weggefährte Buschkowsky zuletzt beschied.

Kanzlerkandidatin Giffey?

Franziska Giffey - "Ich werde meine Arbeit mit großer Freude fortsetzen" Franziska Giffey darf nach Prüfung durch die Freie Universität Berlin ihren Doktortitel behalten. Im Falle einer Aberkennung hatte sie Konsequenzen für sich angekündigt. © Foto: Hauke-Christian Dittrich/​dpa

Weil die über ihre Lage zunehmend verzweifelte SPD sich immer noch erstaunlich schnell an sich selbst berauschen kann, ist Giffey inzwischen sowieso noch für ganz andere Ämter im Gespräch, zum Beispiel als neue SPD-Bundesvorsitzende. Manche glauben sogar, sie habe das Potenzial, zur nächsten Kanzlerkandidatin aufzusteigen.

Im Sommer waren viele in der Partei traurig, als die 41-Jährige wegen der laufenden wissenschaftlichen Ermittlung zu ihrer Doktorarbeit erklärte, sich nicht um den SPD-Vorsitz bewerben zu wollen. Für ihre Fans verkörpert Giffey eine optimistische, anpackende Partei, ein Außenbild, dass die SPD dringend gebrauchen könnte. 

Nun wäre Giffey dank der wissenschaftlichen Absolution frei für eine Kandidatur – allein: Das Casting um den SPD-Vorsitz läuft bereits und hat schon die Stichwahl erreicht. Dennoch gibt es erste Genossen, die fordern, dass Giffey noch ins Rennen um den SPD-Chefposten einsteigen soll. Doch das schloss die Familienministerin am Donnerstag aus – zumindest "zum jetzigen Zeitpunkt" und für das "laufende Verfahren".

Das stellt die Partei nun vor ein Dilemma: Denn die SPD ermüdet gerade zunehmend an ihrer aufwendigen Chefsuche, an deren Ende zwei dezidierte Regierungsbefürworter, darunter der angeschlagene Vizekanzler, gegen zwei Gegner der großen Koalition antreten. In dieser Konstellation könnte die außenstehende Bundesfamilienministerin zur heimlichen Angehimmelten zu werden, der großen potenziellen Liebe, bei der einfach das Timing nicht stimmte. Egal, was Olaf Scholz, Klara Geywitz, Norbert Walter-Borjans oder Saskia Esken künftig sagen, mit Franziska wäre alles viel besser gewesen  – diese Haltung wäre typisch SPD. Im Hochjubeln von vermeintlichen Rettern hat die Partei Erfahrung. Den angeblichen Messiassen hat das oft am meisten geschadet.

Giffey ist als fleißige Bundesfamilienministerin und mit ihrer Volksnähe ein wichtiger Trumpf für die SPD. Sie ist aber auch: eine Politikerin, der Unabhängigkeit wichtig ist und die zuletzt auffällig Abstand hielt zum internen Klein-Klein und den Machtkämpfen in der SPD. Ein Parteiamt hat sie nicht inne, im Willy-Brandt-Haus sieht man sie selten. Könnte sie die zerstrittene, verunsicherte SPD wirklich befrieden? Das ist nicht ausgemacht. Giffey ist keine Linke und schon gar keine Kritikerin der großen Koalition. Welche Zukunftsvision sie für die Bundespartei verfolgt, ist nicht bekannt, das wird die SPD erst herausfinden müssen.

Die gute Nachricht, die die SPD mit Giffeys Freispruch am Mittwoch erhalten hat, stellt die kriselnde Partei also vor neue Herausforderungen. Das Bewerbungsschaulaufen um den SPD-Vorsitz wird von Teilen der Partei infrage gestellt. Nach der Urwahl könnte deshalb je nach aktuellem Seelenzustand der SPD wieder alles offen sein. Möglich wäre sogar, dass Giffey sich auf dem Parteitag Anfang Dezember zur Abstimmung stellt – als Alternative zu dem von den Mitgliedern auserwählten Spitzenduo, das dort ebenfalls formal noch gewählt werden müsste. Selbst wenn sie, was wahrscheinlich ist, darauf verzichtet: Ein historischer Vergleich drängt sich in diesen Wochen auf. Bei der ersten Urwahl für den SPD-Vorsitz 1993 gewann Rudolf Scharping, er wurde Kanzlerkandidat, kurz danach aber von Oskar Lafontaine beiseitegeschoben. Auf wen wird die SPD also 2020 hören?