Man ist von Friedrich Merz offene Worte gewohnt. Doch was er sich am Montagabend leistete, überraschte dann doch. Eigentlich sollte es im Interview mit dem ZDF um eine Analyse der Wahlniederlage der CDU in Thüringen gehen. Merz jedoch nutzte die Gelegenheit zu einer Generalabrechnung mit seiner alten Konkurrentin Angela Merkel. Seit Jahren lege sich "wie ein Nebelteppich die Untätigkeit und die mangelnde Führung durch die Kanzlerin" über das Land, sagte er dem Sender. Das gesamte Erscheinungsbild der Bundesregierung sei "einfach grottenschlecht". Er könne sich nicht vorstellen, dass "diese Art des Regierens in Deutschland" noch zwei Jahre so weitergehen könne.

Wumms, das saß. Doch was bezweckt der ehemalige Fraktionschef der Union, der vor knapp einem Jahr mit seiner Bewerbung als Parteivorsitzender scheiterte, mit einem solchen Frontalangriff? Eine Antwort liegt nahe: Offenbar habe Merz seine Ambitionen auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur längst noch nicht aufgegeben, heißt es dazu in der CDU: "Da läuft sich einer warm."

Die amtierende Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer griff Merz dabei ausdrücklich nicht direkt an. Sie habe, betont er stattdessen, mit Blick auf das Ergebnis in Thüringen "kaum eine negative Rolle" gespielt. An der Basis stehe vielmehr "die Bundeskanzlerin im Mittelpunkt der Kritik".

Wachsende Unzufriedenheit

In der Partei glauben dennoch manche: Natürlich gelte der Angriff eigentlich AKK. Schließlich habe sich mit ihrem Amtsantritt die Hoffnung verbunden, dass es ihr gelingen werde, die Partei wieder stärker zu profilieren – auch gegen die Regierung. Das sei bisher nicht gelungen. Während Merz mit einer Attacke auf die Parteivorsitzende allerdings Gefahr liefe, als schlechter Verlierer dazustehen, ist der Angriff auf Merkel für ihn viel ungefährlicher. Schließlich ist deren Karriereende ohnehin bereits beschlossene Sache.

Doch wie aussichtsreich ist Merz' Vorstoß? Dass die Unzufriedenheit in der CDU mit der eigenen Vorsitzenden nach einer Serie von politischen Patzern, mehreren schlechten Wahlergebnissen und anhaltend miesen Umfragewerten riesig ist, ist selbst für ihre wohlwollendsten Anhänger und Anhängerinnen nicht mehr zu übersehen. Am deutlichsten formuliert diesen Unmut stets die Junge Union, die zuletzt eine Urwahl des Kanzlerkandidaten ins Gespräch brachte. Ein klarer Affront gegen Kramp-Karrenbauer, schließlich hat in der CDU traditionell die Parteivorsitzende das Vorgriffsrecht auf die Spitzenkandidatur.

Am Montag stellte deren Vorsitzender Tilmann Kuban dann im CDU-Vorstand offen fest, dass die ungeklärte Führungsfrage ein Problem für die Partei sei. Kramp-Karrenbauer kündigte daraufhin an, sie werde 2020 einen Vorschlag zur Kanzlerkandidatur machen. Wer meine, dies müsse früher geschehen, könne dazu auf dem anstehenden Parteitag in Leipzig Stellung nehmen, so Kramp-Karrenbauer. Das Merz-Interview legt nun nahe, dass es in der CDU durchaus Kreise gibt, die diese Herausforderung annehmen wollen.

Fehlendes Profil

Vor allem das fehlende Profil führt immer wieder zu Kritik an Kramp-Karrenbauer. Man habe "verpennt" herauszustellen, wofür die CDU stehe, sagte beispielsweise der Vorsitzende der einflussreichen Mittelstandsvereinigung Carsten Linnemann, am Dienstagmorgen im Deutschlandfunk. Zwar habe es etwa mit der Neupositionierung in der Migrationspolitik erste Ansätze gegeben. Aber: "Es gibt noch acht, zehn, zwölf Herausforderungen, wo wir Positionen brauchen und uns ganz klar positionieren müssen. Und das muss jetzt folgen."

So sieht das auch der Chef des Parlamentskreises Mittelstand, Christian von Stetten. Erst wenn die CDU bereit sei, Fehler in der Flüchtlings-, Euro- und Energiepolitik einzugestehen, werde man Wähler und Wählerinnen zurückgewinnen, sagte der in einem Zeitungsinterview. Und er nahm dabei ganz offen Partei für Merz ein: "Unserem Land geht es nicht so gut, dass wir auf Personen wie Friedrich Merz verzichten können", fügte er hinzu.

Zündeln an der Seitenlinie

Allerdings gibt es aus der Union auch Kritik an Merz' Offensive. Die schleswig-holsteinische CDU-Vizechefin Karin Prien etwa forderte umgehend ein Ende der Personaldebatten. "Wir erleben gerade, wie unanständig von der Seitenlinie gezündelt wird", sagte die Landesbildungsministerin der Deutschen Presse-Agentur. Merz durfte sich dabei sicher mit gemeint fühlen.

Von einer "wirklich schwachsinnigen Diskussion" war in CDU-Regierungskreisen die Rede. Anders als von Merz dargestellt, arbeite die Koalition stabil. Das Jahr 2020 müsse nun genutzt werden, um das auch wieder in der Öffentlichkeit deutlich zu machen, statt sich in Debatten um ein vorzeitiges Regierungsende zu ergehen. Auch die Forderung nach einer Urwahl des Kanzlerkandidaten sei sinnlos, da die CSU klargemacht habe, dass sie diesen Weg nicht mitgehen wolle.