Nach dem Angriff auf eine Synagoge in Halle werden in Sachsen-Anhalt alle jüdischen Einrichtungen sowie zwei große Moscheen von der Polizei bewacht. Vor all diesen Gebäuden stehe bis auf Weiteres rund um die Uhr mindestens ein Streifenwagen, sagte Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Konkret geht es um die Synagogen in Halle, Magdeburg und Dessau sowie um die Moscheen in Magdeburg und Halle. Zudem seien alle Revierleiter angehalten, Kontakt mit den kleineren muslimischen Gemeinden aufzunehmen, um Schutzmaßnahmen zu besprechen. Zuvor hatten mehrere Medien darüber berichtet.

Am Mittwoch hatte ein schwer bewaffneter Mann versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen. Als das misslang, erschoss er vor dem Gotteshaus und in einem nahe gelegenen Dönerladen eine 40 Jahre alte Frau sowie einen 20 Jahre alten Mann. Bei seiner Flucht verletzte er zwei weitere Menschen. Der 27-jährige Angreifer Stephan B. sitzt inzwischen in Halle in Untersuchungshaft. Die Bundesstaatsanwaltschaft wirft ihm zweifachen Mord und siebenfachen Mordversuch vor. Generalbundesanwalt Peter Frank hat die Taten von Halle als Terror eingestuft. Nach seiner Überzeugung wollte der Täter in der Synagoge ein Massaker anrichten. Stephan B. hat die Tat mittlerweile vor einem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs gestanden und auch rechtsextreme und antisemitische Motive angegeben. 

Die Ermittlungen hat mittlerweile das Bundeskriminalamt (BKA) übernommen. Man konzentriere sich auf mögliche Unterstützer, teilten die Ermittler mit. "Die weiteren Ermittlungen werden sich insbesondere mit der Frage befassen, ob neben Stephan B. weitere Personen in die Tat oder deren Vorbereitung eingebunden waren", hieß es. Derzeit arbeiten demnach mehr als 150 Einsatzkräfte an dem Fall. Beamte des polizeilichen Staatsschutzes und die BKA-Tatortgruppe seien in Halle vor Ort. Neben eigenen Experten für Waffen, Sprengstoff oder IT-Forensik kann das BKA auch auf Unterstützung der europäischen Polizeibehörde Europol zurückgreifen.

"Die Synagoge stand und steht immer im besonderen Fokus der Polizei"

In Bezug auf die neuen Sicherheitsmaßnahmen teilte Innenminister Stahlknecht mit, dass die ganztägige Bewachung längerfristig angelegt sei. Die hohen Schutzmaßnahmen für die Einrichtungen seien unumgänglich. Den Anschlag auf die Synagoge nannte er "eine Zäsur in der Geschichte des Landes Sachsen-Anhalts und der Bundesrepublik".

Zum Zeitpunkt des Anschlags war am Mittwoch keine Polizei vor Ort. Dies hatte heftige Kritik ausgelöst, etwa von dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki. Dieser monierte, dass die Polizeibehörden ihm die Bitte um Schutz verwehrt hätten, obwohl er darum gebeten habe. "Bei uns gibt es nie Polizeikontrollen", sagte er.

Diese Darstellung wies Innenminister Stahlknecht zurück. Die Synagoge sei durch unregelmäßige Streifenfahrten gesichert worden. Auch dem Vorwurf, die Polizei hätte der jüdischen Gemeinde in Halle gewünschte Schutzmaßnahmen verwehrt, widersprach Stahlknecht. "Die Synagoge stand und steht immer im besonderen Fokus der örtlichen Polizei." Wann immer diese die Bitte geäußert hätten, eine Veranstaltung mit Kräften vor Ort zu schützen, sei man dem nachgekommen.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sprach sich für bundesweit einheitliche Standards beim Polizeischutz für Synagogen aus. Mit weiteren Anschlägen müsse jederzeit gerechnet werden, die Bedrohungslage durch den Antisemitismus in Deutschland sei sehr hoch, sagte Seehofer im ZDF. Den vielen Worten der Betroffenheit und Solidarität müssten nun Taten folgen. Das beginne bei der besseren und dauerhaften Sicherung von Synagogen und gehe weiter bei "Maßnahmen im Internet, all diese Strafbarkeiten und Hassparolen zu verhindern". Hier müsse die Sicherheit der Bevölkerung im Zweifel höher bewertet werden als die Warnungen vor Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Darüber hinaus müsse man das BKA und das Bundesamt für Verfassungsschutz "massiv personell und organisatorisch aufstocken".