Um kurz vor 20 Uhr ist die Amtszeit von Stefan Jagsch vorbei: Am Dienstagabend wählen ihn die sieben anderen Mitglieder des Ortsbeirats von Altenstadt-Waldsiedlung im hessischen Wetteraukreis ab. Es dürfte die bestbesuchte Sitzung in der Geschichte des Gremiums sein. Jagschs Wahl vor knapp sieben Wochen hatte international Schlagzeilen gemacht: Die kommunalen Vertreter von CDU, SPD und FDP hatten einen Funktionär der rechtsextremen NPD zum Ortsvorsteher gemacht. Einstimmig.

Als die Meldung Anfang September aus der Lokalpresse in die überregionalen Medien durchdringt, ist die Aufregung groß: Von einem "Blackout der Demokratie" war die Rede, die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer forderte eine schnelle Abwahl und der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sah sich genötigt, für seine Partei klarzustellen: "Wir kooperieren nicht mit Nazis!" 

Jagsch steht am Nachmittag vor seiner Abwahl in Jeans und grauem Hemd vor seinem Haus am Waldrand. Er ist hier aufgewachsen, lebt seit 33 Jahren in der Siedlung mit rund 2.500 Einwohnern. Auf seine Garage hat jemand mit schwarzer Farbe "Nazisau Jagsch töten!" gesprüht. Den Schriftzug werde er entfernen, sagt Jagsch, "aber RTL will das noch mal abfilmen". Er hat viele Interviews gegeben in letzter Zeit. Heute werden noch etliche dazukommen.

"In erster Linie Stefan Jagsch"

Aus dem Ort will er in seinen Wochen als Vorsteher "nur positive Rückmeldungen" bekommen haben. Die Leute sähen eben "in erster Linie Stefan Jagsch", nicht den NPD-Mann, sagt er. Kurz danach läuft eine Nachbarin mit ihrem Hund durch die Straße in Richtung Wald. "Drücke ihnen die Daumen für heute Abend", ruft sie ihm zu.

Sie ist nicht die Einzige im Ort: Vor dem Gemeinschaftshaus, wo der Ortsbeirat tagt, sagt eine Frau zu einem Bekannten: "Ich hoffe, der Jagsch bleibt." Ein Motorradfahrer meint, man hätte ihm doch eine Chance geben können. Seinen Namen möchte er, wie die anderen, nicht verraten. In der Siedlung werde "überhaupt nichts getan", moniert eine Frau in Daunenjacke. Jagsch hätte sich vielleicht "ein bisschen für uns eingesetzt". Für sie sei es "eine Nebensache", dass er NPD-Funktionär ist. "Was hätte er als Ortsvorsteher denn machen können?" Wie einige andere hier, kann sie die große Aufregung nicht nachvollziehen – und dass man einen gewählten Ortsvorsteher jetzt wieder abwählt. Sie habe erst durch die Berichterstattung nach seiner Wahl überhaupt davon erfahren, dass es das Amt des Ortsvorstehers gibt.

Viele hier stört es, dass ihr Ort jetzt als braunes Nest verschrien ist. Dabei gilt die ländlich geprägte Wetterau seit Jahren als regionaler Stützpunkt der extremen Rechten in Hessen: In Altenstadt hat die NPD bei der Gemeindewahl 2016 zehn Prozent der Stimmen bekommen, ähnlich wie im nahen Büdingen und etwas weiter nördlich in Wetzlar. Die AfD war damals dort nicht angetreten. Jagsch selbst sitzt auch noch in der Gemeindevertretung und im Kreistag. Die NPD nutzt diese Orte auch, für Treffen wie Parteitage oder Konzerte.

"Großer Fehler"

Landesweit ist die NPD in Hessen unbedeutend, bei den Landtagswahlen im Oktober 2018 erreichte sie gerade einmal 0,2 Prozent. Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai 2019 verloren die Rechtsextremen ihr letztes Mandat jenseits der kommunalen Ebene, wo sie immer noch rund 200 Sitze halten. Besonders die Erfolge der AfD machen der NPD zu schaffen, aber auch die Konkurrenz durch andere Neonazikleinstparteien wie Die Rechte oder Der III. Weg. Da kommt die Aufmerksamkeit wegen Altenstadt durchaus recht.

Jagsch ist auch stellvertretender Landesvorsitzender der NPD, er zeigt sich im Streit um sein Amt gern im Sakko, gibt den seriösen Kommunalpolitiker. Wer sein Wirken schon länger beobachtet, kennt auch den anderen Stefan Jagsch: Der 33-Jährige ist seit vielen Jahren in der hessischen Neonaziszene aktiv. Schon 2002 schließt er sich nach Angaben der Partei der NPD an, übernimmt nach und nach führende Ämter. Er tritt bei Demonstrationen als Redner auf. Bei solchen Aufmärschen schallen dann Parolen wie "Alles für Volk, Rasse und Nation" und "Nationaler Sozialismus jetzt" durch die Straßen. Auch bei Rechtsrockkonzerten der militanten Szene taucht er auf.