In Thüringen gibt es nach der Landtagswahl keine parlamentarischen Mehrheiten entlang der herkömmlichen Rechts-links-Schemata. Der CDU-Landesverband tut deshalb, was nötig, richtig und geboten ist: Spitzenkandidat Mike Mohring will mit dem linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow Gespräche führen. Dafür hat er sich am Vormittag das Okay der Bundesparteispitze geholt. Zu einer Koalition mit der Linkspartei werden die Gespräche zwar wohl nicht führen. Die Gespräche seien vollkommen ergebnisoffen, heißt es aus der CDU. Wahrscheinlich ist eine durch die CDU in irgendeiner Form tolerierte Minderheitsregierung. Dennoch rührt Mohring an ein Tabu und eine Grundüberzeugung für seine Partei.

Der Anti-Kommunismus gehört zur politischen DNA der Christdemokratie. Er war in der jungen Bundesrepublik eine Klammer, die widerstrebende Strömungen in der Partei zusammenband, den Sozialflügel, die Wirtschaftsliberalen und die Wertkonservativen. Als Kitt war die strikte Abgrenzung nach links beinahe so wichtig wie das Christentum. Durch das Auftreten der AfD erfuhr diese Abgrenzung nach dem Ende des real existierenden Sozialismus eine unerwartete Renaissance.

Wer sich zu den Rechtspopulisten abgrenzen will, muss quasi im selben Atemzug auch die Linke verdammen. Das war der Preis, den die Parteiführung an ihren konservativen Mittelbau zahlen musste. Der hätte ganz schön rumort, hätte die CDU nur einseitig die Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen, sich aber eine Kooperation mit der Linken offen gehalten. Mitte sein heißt in dieser Deutung eben auch: bloß nicht links werden. Auf ihrem Parteitag vor einem Jahr in Hamburg bekräftigte die CDU deshalb noch einmal: keine Kooperation, weder mit Linken noch mit AfD. Der Beschluss gelte weiter, heißt es auch nach der Thüringen-Wahl aus dem CDU-Vorstand. 

Die Angst vor einer Öffnung zur Linken ist begründet

Jetzt auf die Linke zuzugehen ist zwar richtig, aber für die CDU durchaus gefährlich: Wenn das Linken-Tabu aufweicht, könnten andere Landesverbände über kurz oder lang mit demselben Argument die Abgrenzung zur AfD angreifen. Besonders aus Sachsen-Anhalt, wo in zwei Jahren ein neuer Landtag gewählt wird, gibt es schwarz-blaue Denkanstöße, allen Auschlussbeschlüssen der Partei zum Trotz.

Außerdem gibt es im Osten, gerade in der CDU, einige, die in der Linkspartei nach wie vor ihre ehemaligen Peiniger von der SED sehen, umlackiert und mit neuem Label. Das stimmt zwar so nicht mehr, aber auch solche gefühlten Wahrheiten können die CDU am Ende Stimmen kosten. Warum sollten wir mit der Nachfolgeorganisation der SED zusammenarbeiten, mit der uns politisch nichts verbindet, nicht aber mit der AfD, deren Programm in weiten Teilen wenigstens anschlussfähig ist? Auf derart unzufriedene Stimmen aus den rechten Ost-Landesverbänden müsste sich die CDU-Spitze einstellen.

CDU wählen, eine linke Regierung bekommen: Weiche man die Front nach links auf, sei das ein Konjunkturprogramm für die AfD, so sehen das konservative Christdemokraten im Osten. Das hat auch Ingo Senftleben erfahren. Der ehemalige brandenburgische CDU-Chef war explizit ohne Koalitionsaussage in seinen Landtagswahlkampf gegangen. 30 Jahre nach dem Mauerfall sei es Zeit, kultivierte Ressentiments gegen die Linke auswachsen zu lassen, so sah er das. Senftleben wurde abgestraft, erst von der eigenen Basis auf seinem Nominierungsparteitag, schließlich vom Wähler. Auf desaströse 15 Prozent fiel seine CDU. Die AfD hingegen triumphierte und wurde zweitstärkste Kraft. Die Angst vor einer Öffnung zur Linken ist also durchaus real und begründet.