• In Thüringen waren rund 1,73 Millionen Wahlberechtigte zur Landtagswahl aufgerufen. Die Wahlbeteiligung lag bei 64,9 Prozent. Nach dem vorläufigen Endergebnis wird die Linke mit 31 Prozent erstmals stärkste Kraft. Die AfD liegt mit 23,4 Prozent vor der CDU mit 21,8 Prozent. Die SPD erreicht 8,2 und die Grünen liegen bei 5,2 Prozent. Auch die FDP schafft mit 5 Prozent den Einzug in den Landtag in Erfurt.
  • Bislang wird Thüringen von einer rot-rot-grünen Koalition unter Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) regiert. Im neuen Landtag fehlt ihr jedoch die Mehrheit. Zusammen mit der FDP gäbe es aber eine Stimme Mehrheit. Eine Kooperation mit der AfD haben alle anderen im Landtag vertretenen Parteien ausgeschlossen.
  • Die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Mike Mohring wollte Rot-Rot-Grün ablösen. Das Ziel verfehlt die Partei. Eine Zusammenarbeit mit der AfD und mit der Linken lehnt Mohring bislang ab, allerdings sagte er am Wahlabend, dass es keine Mehrheiten in der Mitte gebe, verlange nach neuen Antworten. 
  •  Bodo Ramelow kann auch ohne parlamentarische Mehrheit laut Landesverfassung geschäftsführend im Amt bleiben. Er müsste aber dann mit einer Minderheitsregierung weitermachen und sich für Gesetzesinitiativen wechselnde Mehrheiten im Parlament suchen. 
  • Die AfD hat ihr Ergebnis im Vergleich zur Landtagswahl 2014 mehr als verdoppelt. Auch bundesweit ist in der Partei von einem Machtzugewinn von Björn Höcke, dem Kopf des rechtsnationalen AfD-"Flügels", auszugehen.
  • Lesen Sie eine erste Analyse der Thüringen-Wahl: "Willkommen im Politiklabor".
  • Überschattet wurde der Wahlkampf von Morddrohungen und Beleidigungen gegen Politiker mehrerer Parteien.
  • Stimm­verteilung
  • Gewinne und Verluste
  • Koalitions­rechner
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Veronika Völlinger
Alle Stimmbezirke sind ausgezählt, das vorläufige Endergebnis in der Wahl in Thüringen steht.

Die Linke von Ministerpräsident Bodo Ramelow wurde erstmals bei der Landtagswahl stärkste Partei. Sie kam nach Abschluss der Auszählung am Sonntag auf 31,0 Prozent.

Ihre bisherige Regierung mit der SPD und den Grünen verlor jedoch die Mehrheit. Die SPD erreichte 8,2 Prozent, die Grünen kamen auf 5,2 Prozent.

Zweitstärkste Partei wurde die AfD, die ihr Ergebnis auf 23,4 Prozent mehr als verdoppelte. Die CDU verlor deutlich und kam mit 21,8 Prozent auf den dritten Platz.

Den Wahlkrimi des Abends erlebte die FDP. Mit 5,0 Prozent zog sie wieder in den Landtag ein – am Ende machten 6 (ja, in Worten: sechs!) Stimmen den Unterschied. Die Wahlfloskel "jede Stimme zählt" durfte ihren Wahrheitskern also auch mal beweisen.

Die Wahlbeteiligung betrug 64,9 Prozent.

Nun muss Wahlsieger Ramelow sich auf die Sucher nach einer Regierungsmehrheit machen. Rein rechnerisch wäre ein Bündnis aus Linken und CDU sowie Linken, SPD, Grünen und FDP möglich. Ansonsten erlaubt es die Thüringer Landesverfassung auch, dass die bisherige rot-rot-grüne Regierung geschäftsführend im Amt bleibt und als Minderheitsregierung weitermacht.

Mit der AfD will keine Partei koalieren, die anderen Parteien wollen zumindest alle miteinander reden – wobei der CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring nicht eindeutig Gesprächen mit der Linken zusagte, sondern nur sinnierte, mit allen Parteien reden zu wollen, die auf dem "Boden der Verfassung stehen".

Es wird also wohl noch Zeit vergehen, bis Thüringen eine neue Regierung hat. Wir verabschieden uns hiermit aus Erfurt und Berlin, bedanken uns fürs Mitlesen sowie -diskutieren und wünschen noch eine gute Nacht!

Damit schließen wir das Liveblog.


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Karin Geil
Die Pläne des Ministerpräsidenten, geschäftsführend im Amt zu bleiben, stoßen der CDU sauer auf. Im heute-journal des ZDF warnte Mike Mohring die Linken vor einem solchen Schritt, schließlich sei Rot-Rot-Grün abgewählt. Nötig sei vielmehr eine Regierung, "die neue Legitimität im thüringischen Landtag bekommt".
Gefordert seien nun überparteiliche Anstrengungen, so der CDU-Spitzenkandidat, womit er an diesem Abend erneut von seinen früheren Aussagen, nicht mit der Linken oder der AfD zu koalieren, abrückt. Stattdessen ermahnt er: "Jetzt müssen alle, die in den Landtag gewählt sind und auf dem Boden der Verfassung stehen, miteinander reden." Die CDU sei bereit, dabei Verantwortung zu übernehmen.
Bild: Frank May/dpa
Und während – wie hier in Jena – die ersten Wahlplakate von CDU-Kandidaten abgeräumt werden, dringen aus der Partei erste Verbesserungsvorschläge an die Parteispitze. Diese sollte andere Themen setzen, meint etwa der Chef der Jungen Union und denkt dabei vor allem an die Klimapolitik. Diese, so Tilman Kuban im RedaktionsNetzwerk Deutschland, sei "offenkundig kein vordringliches Thema für die Leute". So sei "das Diesel-Bashing der falsche Schwerpunkt in der Mobilitätspolitik, wenn zwei Drittel der Menschen mit dem Auto pendeln".
Und Friedrich Merz, der einst mit der jetzigen Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer um dieses Amt konkurriert hatte, erhebt in diesem Tweet den mahnenden Zeigefinger in Richtung Konrad-Adenauer-Haus:
Veronika Völlinger
Der linke Ministerpräsident Bodo Ramelow hat im Interview mit den Tagesthemen in der ARD noch einmal ausdrücklich auf die Möglichkeit hingewiesen, dass er geschäftsführend im Amt bleiben kann.

"In Thüringen gibt es eine funktionierende Landesregierung und es gibt eine Verfassungsregelung, die deutlich macht, dass die Arbeit und die Verantwortung für diese Arbeit bei mir liegt", sagte Ramelow.

Die Wähler hätten ihm einen eindeutigen Auftrag erteilt. Er strebe zügig ein Ergebnis an, mit dem eine Regierung gebildet werden könne. Festlegen auf Wunschpartner wollte sich Ramelow nicht – er verwies darauf, dass noch unklar sei, ob Grüne und FDP in den Landtag einziehen (obwohl das zu diesem Zeitpunkt eigentlich so gut wie sicher ist).

Auf die Frage, wie ihm die schwierige Regierungsbildung – sei es mit Stimmen der FDP oder der CDU – gelingen soll, antwortete Ramwlow: "Mit derselben Klugheit, mit der ich vor fünf Jahren auch gesagt habe, es wird funktionieren."
Bild: Martin Schutt/dpa
In einem Interview mit dem ZDF deutete Ramelow ebenfalls an, dass er die Option der Minderheitsregierung in Betracht zieht. "Ich habe natürlich die Absicht, mich sehr schnell im Parlament zur Wahl zu stellen", sagte der Linke-Politiker. Danach werde es keine "wackeligen Verhältnisse" geben.

Gefragt, ob die CDU in der Pflicht stehe, mit der Linken bei der Regierungsbildung zusammenzuarbeiten, sagte Ramelow: "Alle Demokraten müssen in der Lage sein, miteinander zu sprechen."

Und er fügte an: "Lasst uns doch auch mal ausloten, was es an gemeinsamer Kraft im Parlament gibt. Und das ist noch jenseits von der Frage, wer mit wem offiziell in Regierungsgespräche eintritt." In Thüringen sei es in den vergangenen Jahren immer wieder geschafft worden, "über scheinbare parteipolitische Gräben hinweg" in entscheidenden Fragen an einem Strang zu ziehen, etwa nach Bekanntwerden der NSU-Terrorserie oder nach dem Atomunfall von Fukushima.
Veronika Völlinger
Der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke hat ein Direktmandat verpasst.

In seinem Wahlkreis Eichsfeld I im Nordwesten des Bundeslandes kommt er nach Auszählung fast aller Stimmbezirke nur auf rund 21 Prozent der Erststimmen – damit landet er auf Platz zwei. Die meisten Stimmen bekam mit knapp 49 Prozent der CDU-Kandidat Thadäus König.

ZEIT-Autor Martin Debes hat ein Porträt über König und die Besonderheiten des Wahlkreises geschrieben, in dem der CDU-Politiker mit Höcke konkurrierte. "Ein Ministrant gegen Höcke" können Sie hier lesen.

Auch der CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring verteidigte sein Direktmandat im Weimarer Land gegen seinen Konkurrenten Torben Braga von der AfD. Der SPD-Spitzenkandidat Wolfgang Tiefensee unterlag dagegen in seinem Wahlkreis dem AfD-Kandidaten Wolfgang Lauerwald.

Die meisten Direktmandate gewann übrigens die CDU. Sie holte nach Auszählung fast aller Wahlbezirke insgesamt 21 der 44 Wahlkreismandate, über die die Wähler mit der Erststimme entschieden. Auf die Linkspartei und die AfD entfielen laut Statistik des Landeswahlleiters jeweils elf Direktmandate.

Karin Geil
Kommt die FDP in den Landtag? Noch wird in Thüringen ausgezählt. Wie knapp es für die Liberalen ist, zeigt der Blick in die Liveauszählung des Landeswahlleiters, zum Beispiel hier gegen 21.30 Uhr:
Bild: Screenshot wahlen.thueringen.de/ZEIT ONLINE
FDP-Chef Christian Lindner hatte schon kurz vor 19 Uhr auf den Ex-Vorsitzenden Otto Graf Lambsdorff verwiesen, der einmal gesagt habe: "FDP, das ist nichts für Leute mit schwachen Nerven." Weiter sagte Lindner: "Und ich fürchte, am heutigen Abend werden wir ein neues Beispiel erleben, wo unsere Nervenstärke gefordert sein wird."
Veronika Völlinger
Die AfD hat ihre Wählerstimmen mehr als verdoppeln können. Doch warum?

Um anderen Parteien einen Denkzettel zu verpassen, denken drei Viertel aller Befragten der ZDF-Wahlanalyse.

Wegen ihrer politischen Forderungen, sagen mehr als zwei Drittel aller AfD-Wählerinnen und -Wähler.

Diese klaffende Lücke zwischen Fremd- und Selbsteinschätzung der AfD-Anhänger und -Anhängerinnen – die nicht zum ersten Mal nach einer Wahl der vergangenen Jahre so ausfiel – wird hoffentlich in die Analysen des Wahlergebnisses in den nächsten Wochen einfließen.

Bild: ZDF/Screenshot ZEIT ONLINE
Veronika Völlinger
Hier erneut die jüngste Hochrechnung von Infratest dimap für die ARD von 20.44 Uhr:

Die Linke: 30,7 Prozent
AfD: 23,6 Prozent
CDU: 22 Prozent
SPD: 8,2 Prozent
Grüne: 5 Prozent
FDP: 5 Prozent
Sonstige: 5,5 Prozent
Karin Geil
Woher kamen die Stimmen für die AfD? Die Zahlen von Infratest dimap (ARD) und der Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) zeigen, dass die in Thüringen völkisch und rechtsnational geprägte Partei vor allem bei Männern und bei den Jungen punkten konnten.
Bei den unter 25-Jährigen wählten laut Infratest Dimap 23 Prozent die AfD (und 22 Prozent die Linke).
Wie die Forschungsgruppe Wahlen zeigt, wählten bei den unter 30-Jährigen 24 Prozent die AfD (und 22 Prozent die Linkspartei).
Betrachtet man das Wahlverhalten getrennt nach den Geschlechtern, sieht man Folgendes: Laut Infratest dimap machten 29 Prozent der Männer (und 18 Prozent der Frauen) ihr Kreuz bei der Partei von Björn Höcke. Die Forschungsgruppe Wahlen hat dazu diese Zahlen: Während sich hier 17 Prozent der Wählerinnen für die AfD entschieden haben, sind es 28 Prozent der Wähler.
Und welche Parteien verloren am meisten an die Rechtspopulisten? Laut Infratest dimap wechselten 36.000 CDU-Wähler zur AfD, 17.000 von der Linken, 7.000 von der SPD und 1.000 von den Grünen, außerdem 15.000 von sonstigen Parteien. Den höchsten Zuwachs hatten die AfD jedoch bei den Nichtwählerinnen und Nichtwählern: 77.000 von ihnen entschieden sich in der Wahlkabine für die Rechten.
Veronika Völlinger

In der jüngsten Hochrechnung der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF von 20.10 Uhr gibt es noch einmal leichte Verschiebungen:

Die Linke: 30,4 Prozent
AfD: 23,5 Prozent
CDU: 22,1 Prozent
SPD: 8,1 Prozent
FDP: 5,1 Prozent
Grüne: 5,1 Prozent
Sonstige: 5,7 Prozent

Die letzte Hochrechnung von Infratest dimap für die ARD von 19.57 Uhr sieht so aus:

Die Linke: 30,6 Prozent
AfD: 23,6 Prozent
CDU: 22,1 Prozent
SPD: 8,3 Prozent
Grüne: 5 Prozent
FDP: 5 Prozent
Sonstige: 5,4 Prozent
Karin Geil
Kurz nach der ersten Hochrechnung hieß es aus der Parteizentrale der CDU in Berlin: Die CDU in Thüringen wird auf keinen Fall mit der Linken oder der AfD koalieren. Hier das Statement von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak:
Im weiteren Verlauf des Abends klingt dies bei CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring – auch er hatte eine Zusammenarbeit stets ausgeschlossen – etwas weniger deutlich. So seien aus seiner Sicht nun "neue Antworten" gefragt. "Zunächst heißt es, klug zu überlegen, was ist für unser Land wichtig und wie können wir unsere Demokratie stabilisieren", sagte er. "Dass es keine Mehrheiten in der Mitte gibt, verlangt nach neuen Antworten."

Die Antworten vieler CDU-Wähler, so zeigt der Tweet des Tagesspiegel-Kollegen Christian Tretbar, ist da eindeutig:
Veronika Völlinger
Sollte sich der Verlust der Mehrheit für Rot-Rot-Grün bestätigen und auch keine andere Option möglich sein, könnte Ministerpräsident Bodo Ramelow trotzdem geschäftsführend im Amt bleiben.

Artikel 75 Absatz 3 der Thüringer Landesverfassung ermöglicht dem Ministerpräsidenten und der gesamten Landesregierung, "die Geschäfte bis zum Amtsantritt ihrer Nachfolger fortzuführen", also kommissarisch im Amt zu bleiben. Fristen dafür gibt es nicht.
Ministerpräsident Bodo Ramelow (rechts) mit den Spitzenkandidaten von CDU (Mike Mohring, Mitte) und der AfD (Björn Höcke, links)
Ministerpräsident Bodo Ramelow (rechts) mit den Spitzenkandidaten von CDU (Mike Mohring, Mitte) und der AfD (Björn Höcke, links)   Bild: Christof Stache/AFP/Getty Images
Ramelow müsste aber praktisch mit einer Minderheitsregierung weitermachen und sich für Gesetzesinitiativen wechselnde Mehrheiten im Parlament suchen. 
FDP-Chef Christian Lindner kündigte im Fall des Einzugs seiner Partei in den Landtag bereits mit Hinweis auf eine Minderheitsregierung an: In der Sache seien die Liberalen immer gesprächsbereit.

Den Hochrechnungen von ARD und ZDF zufolge kann es sein, dass die Linke mindestens ein Drittel der Mandate erhält – gegen ihren Willen könnten dann immerhin keine Auflösung des Parlaments und keine Neuwahl beschlossen werden.