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Es müsste mal jemand ein Wort erfinden für das ansteigende Schockgefühl, das sich beim Betrachten des wachsenden blauen Balkens bei Hochrechnungen einstellt. Schließlich hält es mitunter so lange an, dass man in dieser Zeit schon fast die Zigarette drehen könnte, die man danach braucht.

Im Ernst: 24,5 Prozent für eine Partei, die von einem Faschisten angeführt wird, das ist ungut, sehr ungut. Und es hilft auch überhaupt nicht, dass ein Teil der AfD-Wähler Björn Höcke für unerträglich hält oder nicht glaubt, dass er es wirklich so meint. Wer diese Partei wählt, besonders ihre Thüringer Sektion, der hat das Konzept der pluralen Demokratie entweder nicht verstanden oder lehnt es glatt ab. Dass das ein rundes Viertel der Wählenden betrifft, das tut schon aus der Ferne weh. Vielen demokratischen Thüringern wird es heute Abend wirklich schlecht gehen. Man muss nämlich erst mal damit umgehen lernen, dass jeder Vierte um einen herum rechtsradikal wählt, und Häme oder pauschale Verachtung aus linken Großstadtkiezen ist das Letzte, was man dabei braucht.

Christian Bangel ist politischer Autor bei ZEIT ONLINE. © Jakob Börner

Aber auch wenn viele jetzt vor allem Schock, Schmerz und Wut empfinden, sollten diese Gefühle etwas nicht verdecken, das am Anfang dieses Jahres nur eine vage Hoffnung war: dass nämlich die große Katastrophe für den Osten abgewendet ist. Dass der Alptraum vorbei ist, in dem die AfD am Ende in Sachsen, Brandenburg oder Thüringen den ersten Platz belegt hätte. Und das, obwohl die Motivation unter den AfD-Wählern angesichts dieser Perspektive wohl so hoch wie nie zuvor war.

Eine Reifeprüfung

Bestätigt sich in Thüringen der Trend aus Brandenburg und Sachsen, dann hat die absolute Zahl der AfD-Wähler im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 in den drei Ostländern bestenfalls stagniert. Zugleich sind in allen drei Ländern offensichtlich viel mehr Menschen als bei vorherigen Wahlen wählen gegangen, schon allein um einen Sieg der AfD zu verhindern. Anders lassen sich die außergewöhnlichen starken Ergebnisse für Bodo Ramelow (Linke), aber auch für Dietmar Woidke (SPD, Brandenburg) und für Michael Kretschmer (CDU, Sachsen) kaum erklären.

Legt man nun noch zugrunde, dass auch Thüringen an den Problemen des Nachwendeostens trägt, an Abwanderung, Männerüberschuss und Deindustrialisierung, könnte man eigentlich auch sagen: Der Osten hat in diesen drei Wahlen eine Reifeprüfung bestanden. Auch wenn viele Ostdeutsche vieles an der Bundesrepublik zu kritisieren haben, und auch wenn einen die Zustimmung zur AfD unter den Jungen erschrecken kann: Mit Thüringen hat sich in diesem Jahr nun ein drittes Mal ein Ostland mit überwältigender Mehrheit für die plurale Demokratie und gegen eine Orbanisierung des Ostens entschieden. Warum also hören wir jetzt nicht langsam auf mit dieser Ostfixierung und wenden uns endlich anderen Problemen zu, dem des Streits über die angeblich gefährdete Meinungsfreiheit oder des Klimawandels zum Beispiel?

Nein, nichts wäre fataler als das. Wenn dieses irre Ostjahr eines gezeigt hat, dann, dass all die Streits, die das Land als Ganzes beschäftigen, im Osten am ehesten zu studieren sind, weil sie dort mit besonderer Dynamik und Härte ausgetragen werden. Und dass an ihm als Erstes die politischen und sozialen Folgen davon zu besichtigen sind. Der Osten wird auf absehbare Zeit die interessanteste, aber auch die politisch fragilste Zone Deutschlands bleiben.

Es gibt ja nicht nur die AfD. Vor allem in vielen ostdeutschen Städten gibt es auch eine Bewegung hin zu einer ganz entschiedenen AfD-Gegnerschaft. Großstädte wie Leipzig, Dresden, Rostock, Jena, aber auch aufstrebende Unistädte wie Greifswald oder Frankfurt (Oder) nähern sich in ihrem Selbstbild zunehmend dem Westen an, ja, sie übertrumpfen ihn mancherorts sogar. Ostdeutscher Antifaschismus ist vielfach sogar leidenschaftlicher als der westdeutsche, auch weil die Neonaziexzesse der Neunziger- und Nullerjahren im Osten alle betrafen, die es wagten, sich der rechtsextremen Alltagskultur zu entziehen. In Köln ist es fast schon Folklore, "Arsch Huh" zu singen, im Osten muss man sich dazu schon bewusst bekennen. Man muss unter Umständen Missbilligung aus seiner Familie dafür in Kauf nehmen. Und trotzdem tun es immer mehr. Und während früher ein Großteil der Jugend mit Abitur aus den hoffnungslosen Gebieten des Ostens auf Nimmerwiedersehen in den Westen verschwand, ziehen immer mehr junge Leute heute einfach in die nächstgelegene Unistadt. Von denen es im Osten inzwischen ja ein paar gibt.

Ergebnisse der Landtagswahl in Thüringen

  • Stimm­verteilung
  • Gewinne und Verluste
  • Koalitions­rechner
  • Wahlkreise