Und gleichzeitig legt sich etwa ein Viertel der Ostdeutschen, häufiger, aber nicht nur in den demografisch ausgedünnten ländlichen Räumen, auf die AfD fest. Ganz egal, wie rechtsextrem sie auftreten, ganz egal, welche Auslöschungsfantasien ein Faschist wie Björn Höcke formuliert: Die Wut, der Hass auf das pluralistische System der Bundesrepublik ist größer. Unter diesen Leuten befinden sich auch Rechtsextreme, die vom Tag X träumen, an dem aufgeräumt wird mit allen, die sich ihnen in den Weg stellen. Es gibt Todeslisten, die unter ihnen kursieren. Es gibt immer noch Orte, an denen Leute wie Björn Höcke ins Schwärmen kommen würden. Orte, die seinesgleichen früher "national befreite Zone" nannten.

Der Kulturkampf, den im schlechtesten Fall ganz Deutschland vor sich hat, er ist im Osten schon im Gang. Positiv ist: Anders, als es in den Jahren zuvor schien, ist die Hoheit der Rechten nicht mehr ausgemacht. Denn erstens, das hat der heutige Tag wieder gezeigt, gibt es eine überwältigende Mehrheit, die keine Lust auf eine blaue Revolution hat. Im Gegenteil wünschen sich offenbar viele eine politische Führung, die im Zweifel bereit ist, auf das andere Lager zuzugehen. Das ist eigentlich nicht so viel anders als im Westen. Zweitens gibt es da auch noch die 35 Prozent Nichtwähler, die ebenso zum Osten gehören. Sie, seien es zurückgezogene DDR-Eliten oder kiffende Azubis, sind es, die gewonnen werden können. Wo es jedenfalls eine größere Chance dafür gibt als bei der unversöhnlichen, teils rechtsradikalen AfD-Wählerschaft, die bereit ist, einer rassistischen, demagogischen Partei zu folgen.

Zuwanderung, jetzt

Wer den Osten dauerhaft stabilisieren will, der muss vor allem für eines kämpfen: Zuwanderung. Massiv und am besten ab sofort. Zuwanderung aus dem Westen, Binnenzuwanderung aus den großen Städten in die ländlichen Räume, und ja, auch gezielte Migration aus dem Ausland. Nur so gibt es auch in bisherigen Verliererregionen die Chance, stabile wirtschaftliche Strukturen aufzubauen. Und nur dann ist es möglich, dass auch dort ein Miteinander von Generationen, Milieus und Hautfarben entsteht, die eine Partei wie die AfD mit ihren weißen Hoheitsfantasien schon heute an vielen Orten Deutschlands lächerlich erscheinen lässt.

Es muss zudem endlich ein Skandal in ganz Deutschland werden, dass Menschen anderer als weißer Hautfarbe sich oftmals noch immer nicht in den Osten wagen. Das muss vor allem auch bei Leuten ankommen, die Luckes Recht, zu dozieren, verteidigen. Sie müssen verstehen, dass die Meinungsfreiheit nicht in erster Linie von linken Studenten bedroht wird, sondern von Rechtsradikalen, die eine Atmosphäre schaffen, in der nicht rechte Meinungen wieder folgenlos als kosmopolitisch, verdorben oder entartet ausgegrenzt werden können.

Und vor allem darf die AfD nicht die geringste Machtperspektive bekommen. Der Kampf um den Osten wäre entschieden, wenn es irgendwann AfD-Minister gäbe, die aus der Exekutive heraus ihre niederträchtigen Vorstellungen umsetzen könnten. Für Leute, die das immer noch ins Spiel bringen, kann man inzwischen auch Naivität nicht mehr als Ausrede gelten lassen. Die AfD besteht nicht aus Idioten, die man so ohne Weiteres "entzaubern" kann. Sie gehört zu einer international vernetzten Bewegung, zu der auch die FPÖ, die Le-Pen-Partei und Salvinis Lega zählen.

Würde diese Tür geöffnet, würde wahrscheinlich ganz Deutschland ein anderes Land werden, ganz sicher aber der Osten. Ja, man darf inzwischen optimistisch sein, was die fünf ostdeutschen Bundesländer angeht. Doch optimistisch sind auch Leute wie Höcke oder der rechtsradikale Vordenker Götz Kubitschek. "Geduld", schrieb der neulich, "Geduld, Geduld und nochmals Geduld." Es sei doch fast alles vorhanden für die politische Wende. Jetzt brauche es nur noch den nächsten Realitätsschock.

Auch das ist ein Szenario: Teile des Ostens könnten innerhalb Deutschlands zu einer Art Orbanstaat werden. Der Föderalismus ermöglicht es, Bildung, Polizeien und Gerichte aus den Landeshauptstädten zu steuern. Seien wir uns der Gefahr bewusst, dass diese Macht der AfD zufallen könnte. Und holen wir den Osten aus dieser Gefahrenzone heraus. Die Mehrheit, das haben die Ostwahlen gezeigt, ist auf der Seite der Demokraten.

Landtagswahl - Thüringen steht schwierige Regierungsbildung bevor Die rot-rot-grüne Koalition von Bodo Ramelow hat ihre absolute Mehrheit verloren. Ein Bündnis aus Linken und der CDU wäre denkbar, wurde aber im Vorfeld ausgeschlossen. © Foto: Robert Michael/dpa/Picture Alliance