Aus Worten können Taten werden, daran haben Politiker wie Angela Merkel und Heiko Maas in der Diskussion über den Rechtsextremismus in Deutschland zuletzt immer wieder erinnert. Auch die Rhetorik des Thüringer AfD-Spitzenkandidaten Björn Höcke sollte an dieser Gefahr gemessen werden, mahnt der Berliner Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke. Im Gastbeitrag erläutert er, was er damit meint.
Vor etwas mehr als einem Jahr, am 1. September 2018, hat erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine im Bundestag vertretene Partei gemeinsame Sache mit Rechtsextremen und gewalttätigen Hooligans gemacht. Damals posierten die AfD-Politiker Björn Höcke und Andreas Kalbitz bei einem "Trauermarsch" für den in Chemnitz von einem Asylbewerber erstochenen Daniel H. Unmittelbar danach bildete sich die terroristische Vereinigung Revolution Chemnitz. Sie sollen im September 2018 in Chemnitz Menschen attackiert haben, die sie für Migranten hielten, und zudem einen Anschlag am Tag der Deutschen Einheit in Berlin geplant haben.
Am 2. Juni dieses Jahres ist dann der erste politische Mord von ganz rechts verübt worden: Ein in der Szene bekannter Rechtsextremist erschoss den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.
Am 9. Oktober wollte der Attentäter von Halle viele Gläubige in der jüdischen Synagoge erschießen. Als ihm das nicht gelang, tötete er wahllos zwei Passanten und sagt nun, er habe "die Falschen getroffen". Sein Anschlag auf die Synagoge hat die jüdische Nachkriegsgemeinschaft in Deutschland an ihrem höchsten jüdischen Feiertag erschüttert wie nie seit 1945. Wenn die Tür nicht gehalten hätte, wäre nichts mehr, wie es vor dem 9. Oktober war.
Die Sicherheitsbehörden sind angesichts dieser Ereignisse inzwischen erkennbar erschüttert. Können sie noch ausreichend für Sicherheit sorgen? Und fast drei Viertel der bundesdeutschen Bevölkerung machen die Hetzer von rechts, aus der AfD, für diese Entwicklung mitverantwortlich.
Ich finde: zu Recht. Dies gilt – zuallererst – für Björn Höcke, den AfD-Spitzenkandidaten bei der Landtagswahl in Thüringen an diesem Sonntag, und dem von ihm geführten Flügel der Partei. Man muss sich seine Rhetorik nur einmal genau anschauen.
"Wohltemperierte Grausamkeit": Das Programm Björn Höckes
In seinem Buch Nie zweimal in denselben Fluss, das Mitte 2018 erschien, beschwört Höcke einen "Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch" und damit die zentrale Verschwörungstheorie der Neuen Rechten um Götz Kubitschek und die Identitären. Als zentrales Ziel seiner Partei fordert Höcke eine Säuberung Deutschlands von "kulturfremden" Menschen. Darunter versteht er, in aller Pauschalität, Asiaten und Afrikaner. Höcke schreibt: "Neben dem Schutz unserer nationalen und europäischen Außengrenzen wird ein groß angelegtes Remigrationsprojekt notwendig sein." Er will also Millionen Bürger aus dem Land verbannen.
Dieses "Remigrationsprojekt", so schreibt es Höcke, sei wohl nur mit Gewalt zu schaffen: "In der erhofften Wendephase", (offenkundig meint er einen Machtantritt der AfD), "stünden uns harte Zeiten bevor, denn umso länger ein Patient die drängende Operation verweigert, desto härter werden zwangsläufig die erforderlichen Schnitte werden, wenn sonst nichts mehr hilft." Und: "Vor allem eine neue politische Führung wird dann schwere moralische Spannungen auszuhalten haben: Sie ist den Interessen der autochthonen Bevölkerung verpflichtet und muss aller Voraussicht nach Maßnahmen ergreifen, die ihrem eigentlichen moralischen Empfinden zuwiderlaufen." Man werde – so heißt es bei Höcke weiter wörtlich –, "so fürchte ich, nicht um eine Politik der 'wohltemperierten Grausamkeit' herumkommen. Existenzbedrohende Krisen erfordern außergewöhnliches Handeln. Die Verantwortung dafür tragen dann diejenigen, die die Notwendigkeit dieser Maßnahmen mit ihrer unsäglichen Politik herbeigeführt haben." (Seite 254 ff.)
Höcke erklärte schon 2014, was er meint, wenn er Friedrich Hegel zitiert: "Brandige Glieder könnten nicht mit Lavendelwasser kuriert" werden: Seine Regierung sei lediglich und allein der autochthonen, übersetzt also der ethnisch-deutschen Bevölkerung verpflichtet. Es handelt sich um eine Vorstellung ethnischer Homogenität, die wie die Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz Anfang dieses Jahres zum Flügel der AfD betont, verfassungsfeindlich und rassistisch ist. Höcke will dieses Weltbild notfalls mit Grausamkeit durchsetzen. Sollte seine Partei in Thüringen regieren, würde das bedeuten, der Parole zu folgen, die Alexander Gauland nach der Bundestagswahl 2017 ausgerufen hat: "Wir werden sie jagen."
Die "nicht willfährigen" Deutschen
In seinem Buch stellt Höcke auch fest, dass "wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind" mitzumachen." Er denke an einen "Aderlass". Diejenigen Deutschen, die seinen politischen Zielen nicht zustimmten, würden aus seinem Deutschland ausgeschlossen werden. Er trete für die Reinigung Deutschlands ein. Mit "starkem Besen" sollten eine "feste Hand" und ein "Zuchtmeister" den "Saustall ausmisten".
Kommentare
Mister Horizon
#1 — vor 3 MonatenDas ist deutlicher und extremer als ich es erwartet hatte. Ich bin nicht erstaunt über die Pläne von Herrn Höcke, aber doch überrascht das er seine Absichten derart klar zu Papier bringt.
Jetzt wissen wir wenigstens wogegen wir kämpfen.
Du Kati
#1.1 — vor 3 MonatenDer Verfassungsschutz und die Judikative sollten einfach mal das GG und das StGBin die Hand nehmen und es einwandfrei anwenden, damit diese rassistischen und nationalen Gesinnungstäter für einige Zeit von der Bildfläche verschwinden.
Alter Nihilist
#2 — vor 3 MonatenGut zusammengetragen.
»Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Lande. Könnte doch sein.«
https://www.zdf.de/nachricht…
Höcke will mehr als nur Bürgerkrieg. Aber wünschen kann man sich ja so allerhand…
Wird nur nichts draus.
Lycaon pictus
#2.1 — vor 3 Monaten"Wird nur nichts draus"
Als Handlungsanleitung für rechte Terroristen reicht es allemal.
Wie es ein Vorredner bereits treffend formulierte: Der Verfassungsschutz und die Judikative sollten einfach mal das GG und das StGB in die Hand nehmen und es einwandfrei anwenden, um diese Brandstifter aus dem Verkehr zu ziehen und ihre Partei zu verbieten.
Cullen Bohannon
#3 — vor 3 Monaten"Dieses 'Remigrationsprojekt', so schreibt es Höcke, sei wohl nur mit Gewalt zu schaffen"
Als die Deutschen in den 1920er-Jahren Hitlers "Mein Kampf" lasen und sozusagen mit dem Baseballschläger Hitlers Judenhass um die Ohren gehauen bekamen, brachte das genau: Null. Sie wählten die NSDAP trotz all dieser Warnsignale an die Macht.
Nun kann man durchaus zur Verteidigung der deutschen Bevölkerung aus dieser verangenenen Zeit zu Gute halten: sie wussten noch nicht, zu was die NDSAP und die nationalsozialistischen Anhänger zu allem imstande waren.
Dieses Verständnis kann man der Neuen Rechten von heute nun nicht mehr anrechnen und auch nicht der heutigen Bevölkerung: wir wissen nun haargenau, wozu die Rechtsnationalen imstande sind, wozu Rassismus, Großmachtfantasien, Deutschtümelei führt. Es gibt keine Ausrede, keinen Gedächtnisverlust, kein Verdrängen und kein: "wir haben von nichts gewusst" oder: "Hätten wir geahnt, dann....". All diese Ausreden gibt es nicht, der Konjunktiv zieht in dieser Angelegenheit nicht mehr.
jerominomino
#3.1 — vor 3 MonatenSehr genau auf den Punkt gebracht!
Danke!
spiegelwechsler
#4 — vor 3 MonatenGegen Höcke gibt es kein Parteiauschlußverfahren der AfD.
So einsam scheint er dort mit seiner Meinung nicht zu sein.
AGB akzeptiert
#4.1 — vor 3 MonatenNein, er ist ein Pfeiler der Alternative.