Der SPD-Politiker Erhard Eppler ist tot. Er starb am Samstag im Alter von 92 Jahren in Schwäbisch Hall, teilte die SPD Baden-Württemberg mit. "Wir sind Erhard Eppler unendlich dankbar für das, was er uns alles gegeben hat. Er war eine herausragende Persönlichkeit der Sozialdemokratie, im Bund und in Baden-Württemberg, dessen Wertefundament und Prinzipientreue für uns wegweisend bleiben werden", sagte der SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende in Baden-Württemberg, Andreas Stoch. Er würdigte Eppler als Vordenker aus den großen Zeiten der SPD.

Eppler wurde 1926 in Ulm geboren und wuchs in Schwäbisch Hall auf. Sein Vater war Lehrer. Als Jugendlicher erlebte er den Zweiten Weltkrieg, in dem er von 1943 bis 1945 als Soldat kämpfte. Im September 1943 war er im Alter von 16 Jahren in die NSDAP eingetreten. Später distanzierte er sich von dieser Entscheidung und bezeichnete sie als "Dummheit". 1946 konnte er das Abitur nachholen und studierte anschließend in Frankfurt am Main, Bern und Tübingen Englisch, Deutsch und Geschichte, um Lehrer zu werden wie sein Vater. In Tübingen schloss er eine Promotion ab und unterrichtete bis 1961 als Lehrer am Gymnasium in Schwenningen am Neckar. In den Fünfzigerjahren war Eppler an der Gründung der von Gustav Heinemann und Helene Wessel initiierten Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) beteiligt, 1956 wechselte er aber – wie viele GVP-Mitglieder – in die SPD

Hier wurde Eppler schnell in Ämter und Funktionen gewählt und galt als Teil des linken Flügels der Partei. 1961 zog Eppler in den Deutschen Bundestag ein, wo er bis 1976 Abgeordneter blieb. Ab 1972 sogar mit einem Direktmandat im Wahlkreis Heilbronn. 

Unter Kanzler Willy Brandt (SPD) wurde Eppler 1968 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, wie das damalige Entwicklungshilfeministerium hieß. Knapp sechs Jahre später legte er diesen Posten aber nieder. Zu diesem Zeitpunkt war Brandts Nachfolger Helmut Schmidt erst sieben Wochen lang neuer Bundeskanzler. Eppler aber hatte zu ihm ein angespanntes Verhältnis. Weil es Streit über die finanzielle Ausstattung seines Ressorts gab und Eppler außerdem den Kurs nicht mittragen wollte, die Außenpolitik und Entwicklungshilfe zu eng zu verzahnen, trat er schließlich zurück.

Nach seiner Mandatsniederlegung widmete sich der Sozialdemokrat wieder verstärkt der Landespolitik in Baden-Württemberg. 1973 wurde er zum Landeschef der SPD gewählt. Dieses Amt behielt er bis 1981. Als einer der ersten thematisierte der Vater von vier Kindern die Risiken der Atomkraft und kritisierte schon früh, dass ein höheres Bruttosozialprodukt nicht automatisch mehr Wohlstand für alle in der Welt bedeute. Eppler setzte im Programm seines SPD-Landesverbands den langfristigen Ausstieg aus der Atomenergie durch. Dennoch zogen die Grünen 1980 in den Stuttgarter Landtag ein. 

Aber nicht nur ökologische Themen, auch die Friedenspolitik war ihm besonders wichtig. Eppler engagierte sich in der Friedensbewegung und war auch in der Evangelischen Kirche aktiv. Zweimal war er Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Er selbst schrieb sich einst eine "Scharnierfunktion" zu zwischen den Sozialdemokraten und den Friedensaktivisten, die gegen den Nato-Doppelbeschluss kämpften.

Denn auch die Beziehung zu Helmut Schmidt blieb von Konflikten geprägt. Ende der Siebziger- und Achtzigerjahre unterstützte Eppler die Proteste gegen den von Schmidt initiierten Nato-Doppelbeschluss. Immer wieder zwang Eppler die Genossinnen und Genossen durch sein Wirken und vor allem sein Vordenken in ökologischen Fragen, sich mit Ethik und Gewissen auseinanderzusetzen

Viele nannten ihn das Gewissen der Partei

Von 1973 bis 1992 leitete er auch die SPD-Grundwertekommission. Die dortige Integrationsarbeit sei besonders interessant gewesen, sagte der Sozialdemokrat später. "Man musste Ökonomie, Ökologie, Gewerkschafter und Friedensbewegung zusammenbringen. Vor allem die Ökologie war etwas Neues. Und Teil eins der politischen Ökologiediskussion fand in der SPD statt."

Seinen Posten als SPD-Vorstandsmitglied gab er 1991 auf. Danach blieb er aber publizistisch tätig und verfasste über 20 Bücher und zahlreiche Aufsätze. Außerdem mischte er sich bei Parteitagen in die Debatte ein. So warb er 1999 für den Einsatz im Kosovo-Krieg, einige Jahre später für die Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Bei dem umstrittenen Milliardenprojekt Stuttgart 21 sorgte er als einer der Initiatoren des Volksentscheids dafür, dass es ein Ventil für die Konflikte seiner Partei mit den Grünen gab. Dass er vor und hinter den Kulissen sehr gegen das Projekt war, nahmen ihm nicht wenige in der Landespartei krumm.

Zu seinem 90. Geburtstag 2016 sagte die Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, Eppler habe oft wie eine "Kassandra" gewirkt. Kassandra sieht in der griechischen Mythologie das Unheil voraus, aber sie wird nicht gehört. "An ihm kann man sehen, dass man der Sache nach recht behalten kann, auch wenn man keine Mehrheiten bekommen hat", sagte Schwan damals.  

Sein Verhältnis zur Sozialdemokratie bezeichnete Eppler als immer wieder von Spannungen geprägt, trotzdem verlor er nie den Glauben an die Partei. "In meiner Zeit als aktiver Politiker habe ich mich fast jede Woche über die Partei geärgert. Ich habe es aber nie bereut, dass ich der SPD beigetreten bin. Ich bin ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat."