Wenn man schon im freien Fall ist, ist er schwer zu stoppen: Das erlebt gerade die SPD. Bei der Bundestagswahl 2017 stürzte sie auf 20,5 Prozent, wankte dann doch in eine große Koalition, nur um über Monate hinweg die Trümmerfrau Andrea Nahles so zu zermürben, dass die schließlich aufgab. Und das, obwohl nicht einmal eine Alternative zu ihr in Sicht war.

Zwischenzeitlich halbierte sich die SPD bei den Landtagswahlen in Bayern auf 9,7 Prozent und sammelte fortan noch ein paar einstellige Landtagswahlergebnisse, wie in Sachsen und am Sonntag in Thüringen. Am gleichen Abend verlor die SPD den Oberbürgermeisterposten in Hannover; die Stadt, in der Sozialdemokraten seit 1945 regierten. Doch der SPD-Kandidat schaffte es nicht einmal in die Stichwahl, die wird nun zwischen CDU und Grünen entschieden.

Das Hauptproblem ist, dass eigentlich niemand mehr so recht weiß, wofür die SPD steht. Im Bund und in vielen Ländern sind außerdem die Grünen heute die führende Partei links der Mitte. Progressive Wähler ohne feste Parteibindung entscheiden sich bei Wahlen für die Partei, die stärker ist. Dieser Herdeneffekt nutzte der SPD früher, heute gerät er ihr zum Nachteil.  Trotz allem gönnt die Partei sich nun ein monatelanges Auswahlverfahren für die Nachfolge von Andrea Nahles, frei nach dem Motto: Parteiführungen sind sowieso überschätzt. Ohne torkelt es sich auch ganz gut durch die Zeit.

In einer solchen Lage kann man als Sozialdemokrat in Depression verfallen. Oder aber sich autosuggestiv in einen Zustand der Euphorie beamen. Letzteres scheint gerade ein wenig so zu sein.

Durch die SPD scheint ein kleiner Ruck zu gehen

Für das Schaulaufen der Kandidatenpärchen haben sich immerhin ein paar Hunderttausend Menschen interessiert, etwas mehr als 213.000 Parteimitglieder haben dann auch über ihre Favoritenpaare abgestimmt. Von innen fühlt sich das wie eine Belebung an. In der Stichwahl, die Ende November entschieden sein soll, stehen sich nun zwei klar konturierte Alternativen gegenüber: Das Duo Olaf Scholz und Klara Geywitz, die eher den "rechten" Parteiflügel repräsentieren (oder das klassische Parteiestablishment), und das "linke" Anti-Establishment-Pärchen Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken.

Plötzlich scheint das Rebellenduo Walter-Borjans und Esken sogar in der deutlichen Favoritenrolle. Denn von den sechs verbliebenen Kandidatenpaaren in der ersten Runde brachten es die, die eher die Gerhard-Schröder-Linie repräsentieren, bei der Abstimmung zusammen nur auf etwa 37 Prozent, dezidiert linke Paare auf fast 46 Prozent. Es deutet sich jedenfalls klar an, dass die Parteibasis eher einem radikalen Kurswechsel zuneigt. Weiter so, das ist eine Parole, die eher schlecht verfängt. Durch die SPD scheint ein kleiner Ruck zu gehen.

Das überraschend starke Linksduo Walter-Borjans und Esken hat nun das Momentum auf seiner Seite. Denn auch das Publikum jenseits der Partei beginnt sich für "Saskia und Norbert wer?" zu interessieren. Beide waren bisher eher unbekannt, das ändert sich nun: Vor allem Norbert Walter-Borjans wird bereits als "der deutsche Bernie Sanders" bezeichnet. Ein älterer Herr, längst mit Rentenanspruch, der sich plötzlich an die Spitze einer Bewegung setzt. Der in seiner Zeit als Finanzminister in Nordrhein-Westfalen kein mutloser "Ich-trau-mich-Nix"-Sozi war, sondern den wirtschaftlich Mächtigen auf die Zehen stieg. Der die Millionäre und Milliardäre jagte, die jahrelang den Fiskus betrogen.

Ein "Robin Hood der Steuerzahler", der ein paar sozialdemokratische Grundüberzeugungen glaubhaft verkörpert. Seine Karriere hat er irgendwann im vorigen Jahrtausend an der Seite von Johannes Rau begonnen, was nicht die schlechteste Referenz ist, wenn man sich als "echter Sozi" empfehlen will. 80.000 Jusos haben Walter-Borjans und Saskia Eskens zusätzlich hinter sich, also die idealistischen Jungen, die noch Aktivismus mitbringen.