Wenige Tage nach dem rechtsextrem motivierten Terroranschlag in Halle hat Innenminister Horst Seehofer (CSU) mehrere Gefahren identifiziert: Antisemitismus, Rechtsextremismus – und Videospiele. "Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene", sagte er in der ARD-Sendung Bericht aus Berlin.

Manche der Attentäter nähmen sich Spiele zum Vorbild. "Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag", sagte Seehofer. "Und deshalb müssen wir die Gamerszene stärker in den Blick nehmen."

Tatsächlich inszenierte der Terrorist von Halle seine Morde wie in einem Computerspiel. Er filmte die Tat und streamte den Anschlag bei der Plattform Twitch. Die meisten Nutzer schauen und kommentieren dort Livestreams von Videospielen. Andere Mörder, darunter der Attentäter von Christchurch, waren ähnlich vorgegangen.

Sind Computerspiele also Teil des Problems? Diese Auffassung mag bei konservativen Sicherheitspolitikern verbreitet sein. Viele Gamer, Youtuber und Oppositionspolitiker sehen das anders.

"Wie kann man seinen Job so sehr verkacken?"

"Nicht Games, sondern der Rechtsextremismus ist das Problem", sagte Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat. Ähnlich äußert sich Felix Falk, Geschäftsführer des Bundesverbands Game: "Eigentlich müsste jedem längst klar sein: So wenig, wie man Filme oder Bücher für Hass und Gewalt verantwortlich machen kann, so wenig sind Games und ihre Community hierfür die Ursache", sagte Falk. "Stattdessen haben wir in Deutschland ein beängstigendes Problem mit Rechtsextremismus."

Spott und Kritik kamen auch von FDP und Grünen. "Die Neunzigerjahre haben angerufen und wollen ihre Killerspieldebatte zurück", schrieb FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle auf Twitter. Digitaler Rechtsextremismus sei ein großes Problem. Das habe aber nichts mit der Gamerszene zu tun. Auch Grünenpolitikerin Renate Künast schrieb, man solle in Ruhe auf das Problem schauen und sich "nicht über das Wort Gamerszene von Seehofer in die Irre leiten lassen. Um die geht es nämlich nicht."

Noch drastischer fiel die Reaktion des Youtubers Rezo aus. "Wie kann man seinen Job immer und immer wieder so sehr verkacken?", fragte er. "Er und seine Crew sind echt so krass inkompetent." Auf seinen Tweet antworte unter anderem der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz. Die kurze Diskussion zeigt, wie sich beide Seiten missverstehen.

"Sie finden das harmlos?", fragte Polenz und verwies auf einen Artikel im österreichischen Standard, der "die rechtsextreme Parallelwelt auf der Gamesplattform Steam" beschreibt. "Es gibt in der Gamingszene, genau wie zum Beispiel in der Bundeswehr, Subkulturen mit auffälligen rechtsextremen Tendenzen", antwortete Rezo. Dennoch sei es absurd, sich nach dem Terroranschlag eines Nazis auf diese Szene zu fokussieren. Darunter fielen schließlich große Teile der Bevölkerung. In Deutschland spielen 34 Millionen Menschen Computerspiele.

Seehofer nimmt die Kritik offenbar zur Kenntnis

Beide Seiten sind sich einig, dass die Gamifizierung von Terror und Gewalt eine Gefahr darstellt. Vor allem Rechtsextreme vernetzen sich auf digitalen Plattformen und in Kommunikationsräumen, die sonst von Videospielern genutzt werden. Wenn Seehofer aber pauschal von "Gamerszene" spricht, empört das Menschen, die sich dieser Szene zugehörig fühlen.

Das scheint der Innenminister auch selbst erkannt zu haben. "Wir sehen, dass Rechtsextremisten das Internet und auch Gamingplattformen als Bühne für ihre rechtswidrigen Inhalte missbrauchen", präzisierte er seine Äußerung. "Ob analog oder digital: Wir wollen Rechtsextremisten überall dort bekämpfen, wo sie aktiv sind." Darauf dürften sich alle einigen können.