Das Thüringen in uns – Seite 1

Es war in München, in einem riesigen, grauen Gebäudeklotz am Stiglmaierplatz, als mir das Land, das meine Heimat ist, auf eine verstörende Art nahe kam, so konkret, so direkt, so ungeschützt, wie ich es zuvor noch nicht verspürt hatte. Im Saal A 101 des Justizzentrums wurde dem Kern der Terrorgruppe, die sich Nationalsozialistischer Untergrund nannte, der Prozess gemacht. Angeklagt waren eine Frau und vier Männer aus Ostdeutschland, die meisten von ihnen stammten aus Jena. Aus Thüringen.

Die Richter, die Nebenkläger, Anwälte, Besucher und Journalisten kamen fast alle aus dem Westen, wohin Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in der Regel mit dem Wohnmobil reisten, wenn sie morden wollten. In München hatten sie zwei Menschen getötet, den Griechen Theodoros Boulgarides und den türkischstämmigen Gemüsehändler Habil Kiliç. Weil die Stadt damit Tatort war und weil das örtliche Oberlandesgericht erfahren in Großprozessen schien, hatte die Karlsruher Bundesanwaltschaft die Anklage hier eingereicht.

An 373 Verhandlungstagen wurden zehn Morde und 43 Mordversuche verhandelt, an vielleicht 100 Tagen habe ich für die Zeitungen der Thüringer Mediengruppe berichtet. Ich war dabei, als der Vater des in Kassel ermordeten Halit Yozgat weinte und schrie. Als Aberhunderte Tatortfotos mit Blutspuren, Einschusslöchern und Austrittswunden gezeigt wurden. Als Polizisten, Verfassungsschützer und Beamte auftraten, die alles richtig gemacht haben wollten. 

Hätte auch aus mir ein Neonazi werden können?

Ich war dabei, als die Mutter von Uwe Böhnhardt, eine Lehrerin, erzählte, wie ihr Jüngster immer die Schuhe aus- und seine Hausschuhe anzog, wenn er in die Plattenbauwohnung in Jena-Lobeda kam. Als der Angeklagte Carsten S. schilderte, wie er sich in einen jungen Mann verliebte, der ihm irgendwann die Zillertaler Türkenjäger vorspielte. Als ein Zeuge berichtete, wie man sich damals erst in dem schönen Biergarten am Saalewehr traf, bevor man auszog, um Zecken oder Ausländer zu verprügeln.   

Dies alles waren die Orte meiner Kindheit, meiner Jugend, meines Lebens. Ich war in derselben Stadt in die Schule gekommen, in der Beate Zschäpe in den Kindergarten ging. Und ich hatte in derselben Stadt studiert, in der Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ihre ersten Bomben bauten und aus der sie 1998 flohen, um Terroristen zu werden.   

Doch erst hier, im Jahr 2013, in München, drängte in mir die Frage nach oben, die ich bis dahin tief unten gehalten hatte: Was wäre passiert, wären meine Eltern nicht, als ich gerade Laufen lernte, aus dem Lobedaer Beton weggezogen? Würde ich, vielleicht, da unten im Saal etwas über Kameradenabende im Thüringer Heimatschutz stammeln? Hätte auch aus mir ein Neonazi werden können?

Ein Land der Extreme

Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Die Widersprüche meiner Heimatstadt, der Stadt von Schiller, Zeiss, Abbe, der Stadt von Rassenlehre und NSU, der Stadt, in der in den 1990er-Jahren Aufbau und Absturz einen besonders starken Kontrast bildeten, sind die Widersprüche meines Heimatlandes, das sehr Verschiedenes gleichzeitig sein kann, kulturvoll und provinziell, gastfreundlich und fremdenfeindlich, weltoffen und verschlossen. Thüringen ist, trotz seiner Beschaulichkeit und des tatsächlich allgegenwärtigen Bratwurstdufts, ein Land der Extreme, das so viele vormalige Residenzen wie einstige Außenstellen von Konzentrationslagern besitzt, in dem sich das Bauhaus gründete und kurz darauf die erste Regierung mit NSDAP-Beteiligung gebildet wurde, in dem Bach seine erste Fuge komponierte und die Öfen für Auschwitz gebaut wurden.

Womöglich liegt es auch an diesen Widersprüchen, dass die Polarisierung der Republik, die sich in ihrem Osten besonders stark zeigt, in Thüringen einen zusätzlichen Schärfegrad erhält. Am 27. Oktober steht hier der einzige linke Ministerpräsident Deutschlands dem Anführer des völkischen "Flügels" der AfD gegenüber. Bodo Ramelow ist kein Kommunist, ja vielleicht noch nicht einmal ein Sozialist, sondern ein Sozialdemokrat, der vor 20 Jahren aus Trotz in die PDS eintrat und, in der Regel, ziemlich pragmatische Politik macht. Aber er, der überzeugte Protestant und Träger des Israel Jacobson Preises, ist Spitzenkandidat einer Partei, die im Bund für den Ausstieg aus der Nato und Enteignungen steht und in Teilen ein problematisches Verhältnis zu Israel besitzt.

Björn Höcke hat sich auf vielen Demonstrationen, in seiner infamen Dresdner Rede und seinem völkisch-verquasten Buch als der Extremist zu erkennen gegeben, der er schon war, als er noch Sport und Geschichte in Bad Sooden-Allendorf lehrte. Sogar das Landgericht im südthüringischen Meiningen stellte zuletzt in einem Urteil amtlich fest, dass Höcke getrost als Faschist bezeichnet werden dürfe, da er selbst dafür ausreichende Argumente geliefert habe.

Und trotzdem wird für seine Partei, wie schon bei der Bundestagswahl vor zwei Jahren, vielleicht ein Viertel der Thüringer Wähler stimmen – und nicht wenige davon wohl auch deshalb. Wie die Umfragen zeigen, entsteht gerade vor der Landtagswahl dieselbe Dynamik, die schon in Sachsen und Brandenburg zu beobachten war. Im Kampf einer alarmierten Gesellschaft gegen eine zersetzende und hetzende AfD legt die Partei zu, die den Ministerpräsidenten stellt.

Kein gewachsenes Bürgertum, keine größeren politischen Milieus

Jena, am 17. November 1989 © Patrick PIEL/​Gamma-Rapho/​Getty Images

Die könnte schwerwiegende Konsequenzen haben, weit über Thüringen hinaus. Wenn es so kommt, wie die Umfragen sagen, werden Linke und AfD gemeinsam eine unfreiwillige Blockadekoalition von mehr als 50 Prozent der Stimmen bilden. Damit wäre jede Mehrheitskoalition, die im herkömmlichen Sinn als bürgerlich bezeichnet werden könnte, für die nächsten fünf Jahre verhindert.

Falls es auch nicht für Rot-Rot-Grün reicht, was angesichts der Schwäche der SPD und einer möglichen parlamentarischen Rückkehr der FDP durchaus möglich ist, kann überhaupt keine Regierung gebildet werden, die über eine Mehrheit im Landtag verfügt. Dann käme es zu einer wie auch immer gearteten Minderheitsregierung oder zu Neuwahlen – oder Bodo Ramelow regiert einfach geschäftsführend weiter. Eine Frist für die Wahl eines Nachfolgers setzt die Verfassung nicht.   

Keine Gewissheiten

Dies ist, auf den ersten, flüchtigen Blick, eine erstaunliche Entwicklung für ein Land, das 24 Jahre von der CDU regiert wurde, davon 15 Jahre mit absoluter Mehrheit – einem Land zumal, das wie Sachsen stolz darauf ist, wenige Arbeitslose und viele Unternehmen zu haben, und das, trotz mangelnder Lehrer und ausfallenden Unterrichts, in den Bildungsrankings immer noch mit an der Spitze steht. Aber die Erfahrung im Osten lehrt, dass hier keine Gewissheiten existieren. Nach vier Jahrzehnten DDR und drei Jahrzehnten sogenannter Transformationsprozesse gibt es keine größeren politischen Milieus, konfessionellen Gruppen und auch nicht mehr so was wie ein gewachsenes Bürgertum, das in der Lage wäre, so etwas wie eine eigene, selbstbewusste Elite hervorzubringen.

Das alles ist bekannt. Inzwischen ist ein eigenes soziologisch-journalistisches Genre entstanden, das sich mit der psychologischen Sezierung und, oft genug, Pathologisierung des gemeinen Ostdeutschen beschäftigt. Auch wenn die Analysen zuweilen, je nach Perspektive, paternalistisch oder larmoyant klingen mögen: Viele Befunde sind nicht falsch. Und sie sind seit Langem aktenkundig.

Im April 2000, ich hatte gerade bei der Thüringer Allgemeinen in Erfurt angefangen, wurde am Geburtstag von Adolf Hitler ein Molotowcocktail gegen die Rückseite der Synagoge der Stadt geworfen. Der Brand war rasch gelöscht, die Erschütterung jedoch blieb.

Damals begannen Wissenschaftler am Jenaer Institut für Politikwissenschaft, an dem ich kurz zuvor meinen Abschluss abgelegt hatte, mit einer Langzeitstudie, für die Jahr für Jahr mehr als 1.000 Menschen befragt werden. In der ersten Umfrage sagten 45 Prozent, dass sie sich "in erster Linie" als Thüringer fühlten. 30 Prozent sahen sich zuerst als Deutsche und immerhin 15 Prozent als Ostdeutsche.  

Wo es brodelte

Aber dies war nicht die eigentliche Erkenntnis. Der Thüringen-Monitor brachte damals zum ersten Mal systematisch das zutage, was inzwischen für ganz Ostdeutschland bekannt ist und was gerade eine Umfrage für die ZEIT nochmals offenbart hat. Fast ein Drittel stimmte der These zu, dass die Bundesrepublik "durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet" sei. Ein weiteres Drittel fand diese Aussage teilweise richtig. Jeder Fünfte erklärte, dass die DDR "mehr gute als schlechte Seiten" hatte; jeder Zweite war zumindest teilweise dieser Meinung. Nur 16 Prozent waren "sehr zufrieden" oder "ziemlich zufrieden" mit der Demokratie.

Es war ein erster Blick unter die Oberfläche, unter der es gärte und brodelte und ungut roch. Ich war überrascht, wie wild sich dort alles miteinander vermischte und wohl auch gegenseitig bedingte: DDR-Nostalgie, Rechtsextremismus, Sozialismusgläubigkeit. Und ich war enttäuscht, ja: entsetzt. Ich hatte, so wie viele meiner Freunde, Verwandten, Bekannten, die Zeit seit 1990 als Geschenk erlebt, mit neuen, komplizierten Herausforderungen, mit Problemen und Ungerechtigkeiten – aber eben doch vor allem mit davor nur erträumten Freiheiten und Möglichkeiten. Ja, ich hatte in meinem Zivildienst, der noch in der DDR begann und den ich in einer der vielen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen verbrachte, die ersten Verlierer des gewaltigen wirtschaftlichen Umbruchs kennengelernt, dessen Ausmaß selbst der Begriff Deindustrialisierung nicht gerecht wird. Aber ich hielt dies, so wie viele andere auch, bloß für kurzfristige Folgen. Das würde vergehen.    

Wir alle irrten. Die Antworten veränderten sich in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten kaum, ja, die Angst vor der sogenannten Überfremdung stieg sogar noch. Damals wie heute schätzen die Wissenschaftler den harten Kern von Menschen mit nationalsozialistischen Einstellungen auf knapp zehn Prozent – und den Anteil der Menschen, die rechtsextremistischem Gedankengut nahestehen, auf bis zu 20 Prozent. Etwa 40 Prozent der Befragten, heißt es, besitze eine ethnozentrische Weltsicht. Etwa ebenso hoch ist der Anteil der "Ostdeprivierten": 42 Prozent finden, dass die Ostdeutschen von Westdeutschen "als Menschen zweiter Klasse" betrachtet werden.

Der Unterschied zwischen damals und heute ist, dass der gesellschaftliche Gärkessel ein Ventil namens AfD besitzt. Vor dem Aufstieg der neuen Partei wählten die Unzufriedenen und sogenannten Deprivierten die PDS, während die Extremisten für die NPD stimmten, die es im Jahr 2009 mit 4,5 Prozent fast in den Landtag schaffte. Der größte Teil von ihnen ging gar nicht erst zur Wahl.

Bullerbü und Vogelschiss

Das Denkmal von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller in Weimar © Ulrich Baumgarten/​Getty Images

Natürlich hat die Stimmung im Land auch damit zu tun, dass Thüringen ein einziger ländlicher Raum ist, in dem sich schneller isoliert, und ja, abgehängt fühlen lässt. Etwa 2,1 Millionen Menschen leben hier, noch, wie man sagen muss. In 20 Jahren werden es nur gut 1,8 Millionen sein, wovon wiederum ein Drittel über 65 sein dürfte. Erfurt als größte Stadt hat etwas mehr als 200.000 Einwohner, Jena als zweitgrößte nur etwa die Hälfte, trotz der mehr als 20.000 Studenten. Die Mehrheit lebt in Kleinstädten oder auf dem Dorf. So etwas wie urbanes Leben existiert nur in Ansätzen. 

Überhaupt lässt sich fragen, was das eigentlich ist: Thüringen. Im Süden geht das Land sprachlich, kulturell und bratwurstrezeptmäßig ins Fränkische über, im Westen in die hessische Rhön, im Osten ins sächsische Vogtland, im Norden in das niedersächsische Eichsfeld. Und mittendrin sitzt das einst halb protestantische, halb katholische Erfurt, das über Jahrhunderte vom Mainzer Erzbistum fremdregiert wurde und später vom preußischen Berlin – und das erst nach dem Zweiten Weltkrieg kurz zu Thüringen gehörte, bevor alles wieder in die drei künstlichen DDR-Bezirke Erfurt, Gera und Suhl zerteilt wurde.

Trotzdem ist das Thüringer Selbstverständnis gefestigter als das der Bindestrichländer Sachsen-Anhalt oder Baden-Württemberg. Das 1920 aus einem halben Dutzend Kleinfürstentümern zusammengeklöppelte Land nennt sich gar mit trotziger Anmaßung Freistaat, so als sei es auf Augenhöhe mit den vormaligen Königreichen Bayern und Sachsen.

Vielleicht verhält es sich ja so: In Thüringen wirken DDR-Komplex und Provinzkomplex besonders zusammen, wogegen ein gelegentlich übertrieben wirkender Regionalpatriotismus gesetzt wird. Die Einheimischen leiden unter den landestypischen Klischees – und zelebrieren sie doch ohne Unterlass. Rainald Grebe, der für einige Jahre am Theaterhaus in Jena arbeitete und über so einige deutsche Ländereien schmerzhafte Lieder schrieb, brachte die volatile Landesidentität auf die zeitlose wahre Frage: "Warum reduziert man unsere Größe – auf Würste und Klöße?"

Jeder wird eins mit dieser Landschaft

Was aber die Menschen hier über alle Regionen, Generationen und gar alle Parteien hinweg eint, ist die Projektion Thüringens als romantischer Sehnsuchtsort. Das hat weniger damit zu tun, dass in Jena die deutsche Romantik ihren Ausgang nahm und dass die Wartburg, auf der die Studenten patriotische Lieder sangen und Bücher verbrannten, das romantische Ideal einer deutschen Burg verkörpert, oder dass überall Schlösser herumstehen, deren Adelsfamilien sich in alle großen europäischen Königshäuser eingeheiratet hatten. Es hat insbesondere mit der Natur zu tun und mit den dunklen Fichten- und lichten Buchenwäldern, die ein Drittel des Landes bedecken, im Schiefergebirge, im Hainich, dem Südharz, auf den Hügeln um Weimar und den Kernbergen bei Jena.

Jeder, der etwas länger in Thüringen lebt und sich nicht mit allem, was er hat, dagegen wehrt, wird irgendwann eins mit dieser Landschaft. Für einige Jahre meiner Jugend wohnte ich mit meinen Eltern und meiner Schwester in einem Dorf bei Ilmenau, unterhalb des Berges Kickelhahn, auf dem der Weimarer Großherzog Karl Friedrich für seine Frau, die Zarentochter Maria Pawlowna, einen Aussichtsturm bauen ließ. Nicht weit davon stand eine Jagdhütte, in der ein noch recht junger Johann Wolfgang von Goethe, von dem es in Thüringen so viel Gedenktafeln wie Grillplätze gibt, mit Bleistift auf eine Holzwand den berühmten Vers schrieb, der mit den Worten beginnt: "Über allen Gipfeln / Ist Ruh' /In allen Wipfeln spürest Du / Kaum einen Hauch / Die Vögelein schweigen im Walde." Ich stieg oft hinauf, und wenn ich dort allein stand, und meine heimliche Zigarette rauchte, sprach ich tatsächlich diese Zeilen vor mich hin, einschließlich der beiden letzten: "Warte nur! balde / ruhest du auch."

Mein Urgroßvater Ernst, ein evangelischer Pfarrer, war eng mit August Trinius befreundet, an den heute nur noch ein paar Denkmäler und Wandergaststätten erinnern. Im Banne der Heimat, heißt eines seiner Standardwerke, acht Bände umfasst sein Thüringer Wandersmann. Darin rauschten und schäumten unentwegt Bergbäche "unter moosbefransten, niederhängenden Tannen talab" und "zarte Düfte schwebten über entzündeten Höhen dahin" oder "rieselten zwischen den Baumstämmen hernieder".

Bullerbü und Vogelschiss

Das ist Kitsch, natürlich. Dennoch gibt es eine direkte Linie von Goethe über Trinius bis zu dem Rennsteiglied, das so etwas wie die inoffizielle Hymne Thüringens ist. Sie führt sogar bis zu den beiden Männern, die einst gen Thüringen zogen und die politische Spaltung des Landes verkörpern. Bodo Ramelow, der 1990 als hessischer Gewerkschaftssekretär nach Erfurt kam, hat sich nahe der Saaletalsperren, die er nur das "Thüringer Meer" nennt, eine Blockhütte gebaut, zu der ein Viertelhektar Wald gehört, auf dem gerade die Fichten den Käfertod sterben. Die Vererdung, die der Ministerpräsident gern vorzeigt, gewinnt auch dadurch Glaubwürdigkeit.

Der hessische Oberstudienrat Björn Höcke zog vor gut zehn Jahren mitten hinein in die romantische Vormoderne des thüringischen Eichsfelds, als er sich das Pfarrhaus im Dorf Bornhagen kaufte, über dem sich die mittelalterliche Burg Hanstein erhebt. Dies, sagte er einmal, sei sein "Büllerbü". Der AfD-Bundesvorsitzende Alexander Gauland, der einst in einem Saal in Thüringen die Zeit des Nationalsozialismus zum "Vogelschiss" der Geschichte erklärte, nennt Höcke einen "Nationalromantiker", das sei alles andere als ein Nazi. Dabei gibt es eben auch diese Linie: von der deutschen Romantik zur "Volksgemeinschaft", wie sie die Nationalsozialisten verstanden.  

August Trinius, der Freund meines Uropas, war der Erste, der Thüringen das "grüne Herz Deutschlands" nannte – was viele Jahre später, nach der Wiedergründung im Herbst 1990, zum ersten offiziellen Werbemotto des neuen alten Landes wurde. "Seit wann sind Herzen grün?", fragte Rainald Grebe in seinem Lied und schaffte es doch tatsächlich, in seiner Antwort die Ambivalenz des Thüringer Wesens in zwei Zeilen zu kondensieren: "Grün vor Neid aufgrund Bedeutungslosigkeit / Grün vor Hoffnung, dass es lange Zeit so bleibt."