Die Grünen machen es, die SPD auch und vielleicht bald auch die Union: Überall dürfen die Mitglieder bestimmen, wer die Parteien anführt. Doch eine solche Urwahl hat auch Nachteile, schreibt Andrea Römmele, Professorin für Communication in Politics and Civil Society an der Hertie School of Governance in Berlin, in diesem Gastbeitrag.

SPD und Union suchen fast schon verzweifelt nach Wegen, um dem kontinuierlichen Vertrauens-, Mitglieder- und Wählerverlust entgegenzuwirken. Dazu blicken die ehemals Großen auf die derzeit erfolgreichen Kleinen. Ganz besonders auf die Grünen. Das vermeintliche Erfolgsrezept: dynamisch-sympathische Spitzenduos und eine stärkere Einbindung der Basis. Nicht ohne Grund haben auch Union und SPD zuletzt bei wichtigen Personalentscheidungen dezidiert auf die Beteiligung ihrer Mitglieder gesetzt.

Wie Parteien beispielsweise ihre Kanzlerkandidaten küren, ist nicht in den Parteistatuten festgeschrieben. In einem in der Politikwissenschaft kaum beachteten Sammelband der späten Achtzigerjahre haben die Kollegen Michael Gallagher und Michael Marsh diesen Sachverhalt aus internationaler Perspektive beleuchtet und sprechen vom "secret garden of politics" – frei übersetzt mit "Hinterzimmer-Arithmetik". 

In Deutschland gibt es zwar keine offiziell formulierte Regelung, wohl aber ein ungeschriebenes Gesetz des ersten Zugriffsrechts des oder der Parteivorsitzenden. Dieses wurde am Wochenende von der Jungen Union in Saarbrücken infrage gestellt, als der Antrag auf Urwahl des Kanzlerkandidaten durch die Parteimitglieder die Mehrheit der Delegiertenstimmen erhielt. Auf dem CDU-Parteitag im November wird sich zeigen, ob dieser Antrag auch die Unterstützung der Gesamtpartei findet oder nicht. Vor der Wahl der neuen Parteivorsitzenden im Dezember vergangenen Jahres hatte die CDU bereits zahlreiche Regionalkonferenzen durchgeführt, wo sich die damals drei Kandidaten den Fragen der Mitglieder stellten. Gewählt aber wurde Annegret Kramp-Karrenbauer von den Delegierten des Parteitags.

Autorität gewinnt man nicht nur durch die Mitglieder

Die SPD lässt aktuell ihre 420.000 Mitglieder über die neue Parteispitze abstimmen. In München haben am Samstag die verbliebenen sechs Bewerberteams ihre Deutschlandtournee beendet. Seit Montag wird abgestimmt, am 26. Oktober soll das Ergebnis des Mitgliederentscheids feststehen. Auch wenn der Parteitag diese Wahl formal bestätigen muss: Das Mitgliedervotum ist als praktisch bindende Vorentscheidung gedacht.

Nicht immer wird sich an die Auswahl der Basis auch gehalten, damit hat die SPD ihre Erfahrung: Die erste Urwahl eines Parteivorsitzenden gab es in dieser Partei bereits 1993, als sich Rudolf Scharping für viele überraschend gegen Gerhard Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul durchsetzte. Ebenfalls überraschend trat Oskar Lafontaine bei diesem Mitgliederentscheid gar nicht zur Wahl an, putschte dann aber kurz nach dem enttäuschenden Wahlergebnis der SPD bei der Bundestagswahl 1994 gegen Scharping und übernahm den Parteivorsitz. Dennoch blickt die Junge Union heute anerkennend auf die SPD und spricht von einem "Demokratiebonus", den die SPD habe. Man müsse in Sachen innerparteilicher Demokratie nachziehen, um attraktiv zu bleiben.

So einfach ist es allerdings nicht. Bei der Krise der Volksparteien handelt es sich nämlich auch um eine Führungskrise und diese kann durch den Prozess der Urwahl sogar noch verschärft werden: Das zeigt gerade ganz aktuell das Beispiel Annegret Kramp-Karrenbauer. Obwohl sie sich als CDU-Chefin gegen zwei Mitbewerber durchsetzen konnte, hat ihr das nicht die nötige Autorität für ihr Amt beschert. Mittlerweile ist sogar der noch vor wenigen Monaten von ihr geschlagene Rivale Friedrich Merz wieder selbstbewusst auf dem politischen Parkett unterwegs. "Wenn ihr mich wollt, dann bin ich dabei", rief er der Jungen Union am Wochenende zu.