Auf die Idee mit dem Sarg ist Hendrik Frühauf noch immer stolz. Im Frack und mit Zylinder auf dem Kopf tragen er und drei Mitstreiter gemessenen Schrittes die schwarz lackierte Totenkiste in den Saal. Aus dem Inneren quäkt eine Mundharmonika die ersten Takte des Italowesternklassikers Spiel mir das Lied vom Tod. Die vier Männer stellen den Sarg vor dem Podium ab, nehmen ihre Zylinder in die Hand. Noch sei man nicht zusammengekommen, um sich vom Kleinen Thüringer Wald zu verabschieden. Vielmehr wolle man "aufrütteln, alles Menschenmögliche zu tun", das Waldgebiet, das südwestlich von Suhl und nordwestlich von Schleusingen liegt, "als geschlossenes ökologisches System zu bewahren". Und das heiße vor allem, dort keine Windräder zu bauen.

Am Rednerpult des Saales steht, sichtlich konsterniert, ein Adressat des Anliegens: Peter Möhring, Leiter der Regionalen Planungsstelle Südwestthüringen. Der will an diesem Tag im Frühjahr gemeinsam mit dem Schleusinger Bürgermeister André Henneberg erstmals öffentlich darüber informieren, dass im Regionalplan für den Kleinen Thüringer Wald zwei sogenannte Windvorranggebiete ausgeschrieben sind, 414 und 63 Hektar groß. Dort können die Windkraftanlagen bevorzugt aufgebaut werden, "Fichten durch Windmühlen ausgetauscht werden", sagt Frühauf polemisch.

Die Bürger im Raum klatschen Beifall, Möhring kommt für etliche Minuten nicht zu Wort. Das Thema ist im Freistaat emotional hoch aufgeladen. Bis 2040, so hat es die grüne Umweltministerin Anja Siegesmund als Ziel der rot-rot-grünen Landesregierung skizziert, sollen Wind- und Sonnenenergie den kompletten Energiebedarf Thüringens decken. Das heißt, zu den aktuell rund 840 Windrädern im Land müssten noch mehrere Hundert dazukommen. Viele Thüringer, sagt Hendrik Frühauf, fühlten sich von dem Vorhaben überfahren.

"Parlamentarischer Arm der Antiwindkraftbewegung"

Auch Frühauf und seine Mitstreiter hätten zu Jahresbeginn "eher zufällig" mitbekommen, dass der Kleine Thüringer Wald als Standort für Windkraftanlagen auserkoren wurde. Daraufhin gründete er die Bürgerinitiative Gegenwind im Kleinen Thüringer Wald – und organisierte gemeinsam mit der Schleusinger Architektin Denise Heimrich eine Petition, die schließlich gut 8.000 Windkraftgegner unterzeichneten.

Hendrik Frühauf © Lars Radau

Das Thema Windkraft ist in Thüringen also nicht nur emotional aufgeladen, sondern durchaus auch massentauglich – und deshalb auch einer der Schwerpunkte der AfD im Landtagswahlkampf. "Wir verstehen uns als parlamentarischer Arm der Antiwindkraftbewegung", sagt Stefan Möller, "wir können für sie etwa kleine Anfragen und Anträge einbringen." Der 44-Jährige ist nicht nur energiepolitischer Sprecher der AfD im Thüringer Landtag, sondern auch Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion und einer von zwei Sprechern des Landesvorstandes – der andere ist Björn Höcke, Spitzenkandidat und Anführer des extrem rechten "Flügels" der Partei.

Den Investoren das Investment zerschießen

Möller ist zudem einer der Planer des Wahlkampfes. Dabei setzt er zum einen die Parteilinie um – erst kürzlich hatte Parteichef Alexander Gauland verkündet, dass die "Kritik an der sogenannten Klimaschutzpolitik, nach dem Euro und der Zuwanderung, das dritte große Thema für die AfD" werden solle – und passt sie an die Thüringer Gegebenheiten an. Möller macht keinen Hehl daraus, dass die Bedienung der Kernthemen – Asyl und Zuwanderung, Innere Sicherheit und Windkraft – je nach Wahlkreis variiert. Dort, wo sich Widerstand gegen Windkraftanlagen regt, ist auch die AfD vor Ort. Oft ist es Möller selbst, der Kandidaten unterstützt oder bei Podiumsdiskussionen auftritt. Vor seiner Parteikarriere hat der Jurist für einen klassischen Energieversorger gearbeitet.

Nicht nur deshalb greift Möller gern zu markigen Worten gegen die Windkraft. Auf einer Diskussionsveranstaltung, die die Bürgerinitiative von Hendrik Frühauf Anfang Oktober in Schleusingen organisiert hat – und bei der auch wieder der schwarze Sarg vor dem Podium steht –, kündigt Möller an, den Anlagenbetreibern und Windkraftinvestoren das Geschäftsmodell in Thüringen zu zerstören. Man wolle "das klare Signal" senden: Die AfD könne in den nächsten fünf Jahren in Thüringen in die Regierung kommen. "Und wenn wir reinkommen, dann ist euer Investment, so wie ihr euch das jetzt vorstellt, zerschossen." Denn dann könne und werde die Partei "landespolitische und kommunalpolitische Möglichkeiten" dafür nutzen, den Windkraftausbau zu verhindern. Sein Ziel und seine Botschaft: Die Branche solle um Thüringen künftig "einen großen Bogen" machen.