Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dazu aufgerufen, für die Demokratie zu streiten und neu entstandene Mauern in der Gesellschaft wieder einzureißen. In den vergangenen Jahren seien quer durchs Land neue Mauern entstanden: "Mauern aus Frust, Mauern aus Wut und Hass. Mauern der Sprachlosigkeit und der Entfremdung", sagte der Bundespräsident am Samstag bei der Mauerfallfeier am Brandenburger Tor in Berlin.

Die Berliner Mauer habe das DDR-Unrechtsregime mit dem SED-Chef und Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht an der Spitze errichtet. "Aber die neuen Mauern in unserem Land, die haben wir selbst gebaut. Und nur wir selbst können sie einreißen", sagte Steinmeier. "Also schauen wir nicht zu, klagen wir nicht drüber: Reißen wir diese Mauern endlich ein!"

Für den Zusammenhalt könne jeder und jede im Land etwas tun, appellierte der Bundespräsident. Er wünsche sich, "dass wir etwas von dem Mut, der Zuversicht und dem Selbstbewusstsein jener Tage des Mauerfalls in unsere Zeit heute holen". Wenn man heute an die Mutigen von 1989 erinnere, dann könne man nicht dabei zuschauen, wie das, was sie erkämpften, in Vergessenheit gerate, so Steinmeier. "Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt und angegriffen werden, dass die Demokratie verhöhnt, dass der Zusammenhalt in diesem Land zerstört wird."

Die Mutigen von 1989 hätten Einheit, Freiheit und Demokratie erkämpft. "Welch ein großartiges, welch ein stolzes Erbe. Machen wir was daraus", sagte Steinmeier.

Gedenken an die friedlichen Revolutionen in Osteuropa

Neben der Perestroika-Politik von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion hatten dazu auch die Reformbewegungen in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei beigetragen. Daher hatte Steinmeier auch die Staatsoberhäupter der Slowakei, Tschechiens, Polens und Ungarns – Zuzana Čaputova, Miloš Zeman, Andrzej Duda und János Áder – nach Berlin eingeladen. "Ohne den Mut und den Freiheitswillen der Polen und Ungarn, der Tschechen und Slowaken wären die friedlichen Revolutionen in Osteuropa und die deutsche Einheit nicht möglich gewesen", sagte er.

Er dankte dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, der eine Politik der Entspannung eingeleitet habe, und dem ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan als Vertreter des "starken Arms aus dem Westen". Dieses "Amerika als Partner in gegenseitigem Respekt" und "gegen nationalen Egoismus" wünsche er sich auch in Zukunft, sagte Steinmeier an US-Präsident Donald Trump gewandt.

Zehntausende Menschen applaudierten für Steinmeiers Rede bei der Mauerfallparty am Brandenburger Tor.

Merkel fordert zum Eintreten gegen Hass, Rassismus und Antisemitismus auf

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bereits am Mittwoch in der Kapelle der Versöhnung auf einer Mauergedenkveranstaltung der Stiftung Berliner Mauer gesprochen. Die Kapelle steht auf dem früheren Todesstreifen an der Bernauer Straße. Dort rief Merkel die Deutschen dazu auf, sich für Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einzusetzen: "Der 9. November, in dem sich in besonderer Weise sowohl die fürchterlichen als auch die glücklichen Momente unserer Geschichte widerspiegeln, ermahnt uns, dass wir Hass, Rassismus und Antisemitismus entschlossen entgegentreten müssen."

Berliner Mauer - "Solche Trennungen können nur schädlich sein" DDR, Herbst 1961: Einsatzkräfte mauern Fenster zu, räumen Wohnungen, sichern die Grenze. Wie denken sie heute darüber? Drei Männer über Pflicht und Schuld © Foto: ZEIT ONLINE