Die AfD leidet bis heute am Trauma von Hannover: 2017, bei der Wahl zum Co-Parteichef, kandidierte damals spontan Doris von Sayn-Wittgenstein. Der Landeschefin aus Schleswig-Holstein fehlte in der Stichwahl nur eine Stimme zum Sieg über den zuvor ausgekungelten Kandidaten Georg Pazderski. Um die Nationalistin an der Parteispitze zu verhindern, musste Alexander Gauland als Kandidat einspringen und wurde in ein Amt gewählt, das er gar nicht anstrebte. Sayn-Wittgenstein ist mittlerweile aus der AfD ausgeschlossen, weil herauskam, dass sie für einen rechtsextremistischen Verein geworben hatte. 

Mittlerweile schließt keiner in der AfD aus, dass sich Ähnliches am Samstag wiederholt. Denn das Vorhaben, ein zwischen den Flügeln der Partei weitgehend vorabgestimmtes Personaltableau durchwählen zu lassen, ist gescheitert. So wie es aussieht, wird zwar Jörg Meuthen als einer der beiden Vorsitzenden wiedergewählt. Doch dass der Plan aufgeht, den bisherigen Co-Chef Gauland reibungsarm durch den Sachsen Tino Chrupalla zu ersetzen, ist alles andere als sicher. Denn bereits zwei weitere Bewerber melden Anspruch an und mindern Chrupallas Chancen.

Zuerst brachte sich der Berliner Gottfried Curio per Video mit seiner Erfahrung als Innenpolitiker in Stellung. Die niedersächsische Landesvorsitzende Dana Guth zog am Dienstag nach und sagte, "ich kann mir vorstellen, als Co-Sprecherin zu kandidieren". Sie verwies dafür im Gespräch mit ZEIT ONLINE auf ihre mehrjährige Erfahrung im Führen eines Landesverbandes – was sie von den beiden Männern unterscheidet. "Ich habe einen chaotischen Landesverband übernommen und in Ordnung gebracht", sagte sie. "Ich weiß, wie ein Vorstand funktioniert." In der Tat ist es ruhig geworden um die Niedersachen-AfD, seit die Wahl Guths an die Landesspitze die Ära von Armin-Paul Hampel beendete, die geprägt war von Untreuevorwürfen und Spaltung. 

Zwei gegen Chrupalla – das ist Stoff für eine Wiederauflage des Wahlkrimis von Hannover 2017.

Alle drei Kandidaten bringen Eigenschaften mit, die aus Sicht der Mitglieder für sie sprechen. Chrupalla ist der Wunschkandidat der ostdeutschen Landesverbände, die bei den jüngsten Landtagswahlen so hohe Ergebnisse erzielten. Er gilt als jemand, der das im Osten vorherrschende Politikverständnis überzeugender bedienen kann als etwa der in Hessen politisierte Gauland oder der brandenburgische Landeschef Andreas Kalbitz aus München. Chrupalla hat zudem die Unterstützung des völkisch-nationalistischen Parteiflügels um Björn Höcke, den der Verfassungsschutz als rechtsextremistischen Verdachtsfall führt.

Parteiintern wird er für seinen Sieg über einen ehemaligen CDU-Parteikollegen zur Bundestagswahl 2017 gefeiert: "Er hat das Husarenstück vollbracht, Michael Kretschmer das Direktmandat zu nehmen", sagt Bundesvize Albrecht Glaser ZEIT ONLINE. Chrupalla schlug damals einen ehemaligen Weggefährten – beide kennen sich aus der Jungen Union, dem CDU-Nachwuchs. Die heutigen AfD-Parteifreunde schätzen ihn als bodenständig und fleißig: Für sein Bundestagsmandat gab er die Arbeit in seinem 2003 gegründeten Malerbetrieb auf. Kalbitz lobt ihn als "sehr aktiven Bundestagsabgeordneten und engagierten Fraktionsvize". Chrupalla schaffte es, das Ende 2018 ausgebrochene Finanzchaos der Bundestagsfraktion zu klären.  

Für Curio spricht sein rhetorisches Talent: Seine Bundestagsreden sind geschliffen – man erzählt sich in der Partei, er übe vor dem Spiegel. Der gelernte Kirchenmusiker und Physiker bedient als Innenpolitiker Kernthemen der AfD – Migration, Kriminalität, den angeblichen Kontrollverlust der Regierung in der Flüchtlingskrise. Dabei schreckt er auch vor Herabwürdigung oder vor NS-Anleihen nicht zurück: Vollverschleierte Musliminnen nannte er einen "schwarzen Sack, ein Sack, der spricht", er behauptete im Bundestag, der "zur Regel entartete Doppelpass" untergrabe die Demokratie. "Die Deutschen haben durch einseitige Geschichtsschreibung ein erkaltetes Verhältnis zu sich selbst", bemängelt er in seinem Bewerbungsvideo. Um Zukunftsprobleme anzugehen, sei ein positives Selbstbild vonnöten. Seine Rhetorik gleicht der des völkisch-nationalistischen Flügels. Zu einem der Parteilager bekannt hat sich der Einzelkämpfer Curio aber nie.  

Für die in Brandenburg geborene Niedersächsin Guth spricht ihre Führungserfahrung. Sie weiß, wie man Vorstandsarbeit organisiert, sie ist zudem Chefin der Landtagsfraktion. Guth käme auch mit Meuthen gut klar, sie kann gut mit Pazderski oder dem früheren rheinland-pfälzischen Landeschef Uwe Junge, die beide für den Bundesvorstand kandidieren wollen. In die AfD trat sie 2016 ein, motiviert durch die Flüchtlingskrise. Guth will in ihrer Bewerbungsrede an das Selbstbewusstsein der Delegierten appellieren, sich nichts vorsetzen zu lassen. An der Basis gebe es Widerstand gegen Vorabsprachen über Kandidaturen, sagt sie im Hinblick auf Chrupallas Antreten. "So etwas passt nicht zu einer basisdemokratischen Partei." 

Auch wenn die vom völkisch-nationalistischen Höcke-Flügel dominierten ostdeutschen Landesverbände lauter auftreten – entschieden wird die Wahl im Westen. 80 Prozent der etwa 30.000 AfD-Mitglieder leben dort. Allein Nordrhein-Westfalen oder Bayern stellen auf dem Parteitag jeweils ebenso viele Delegierte wie die fünf Ostverbände zusammen.