AfD - Alexander Gauland wird abgelöst Tino Chrupalla hat die Wahl mit knapp 55 Prozent der Stimmen gewonnen und wird AfD-Vorsitzender. Der zweite Vorsitzende Jörg Meuthen ist in seinem Amt bestätigt worden. © Foto: Fabian Bimmer/Reuters

Das ist sogar für die AfD zu viel: Als Wolfgang Gedeon an diesem Samstag auf dem Parteitag ans Rednerpult tritt, stehen Delegierte reihenweise auf und streben zu den Ausgängen. Einige machen laut ihrem Unmut Luft, dass sich mit dem baden-württembergischen Landtagsabgeordneten Gedeon ein Holocaust-Leugner als Bundesvorsitzender bewirbt. Für die Partei, die sonst gern den Begriff der Meinungsfreiheit bis zum Maximum ausreizt, ist eine Grenze überschritten. Was die Delegierten mit ihrem Auszug manifestierten, schlägt sich später auch in der geheimen Abstimmung nieder: nur vier Prozent der Delegierten stimmen für Gedeon. 

Dieser Parteitag im niedersächsischen Braunschweig läuft nach Plan. Die Ära des bisherigen Vorsitzenden Alexander Gauland wird reibungslos beendet. Die Delegierten wählen dessen favorisierten Kandidaten Tino Chrupalla zum Co-Vorsitzenden. Die beiden Parteichefs ordnen sich selbst zwar keinem der Parteilager zu, weder dem gemäßigten noch dem radikalisierten. Beide werden aber sehr wohl vom sogenannten völkischen Flügel von Björn Höcke mitgetragen. Bei den Stellvertreterposten konnte sich mit dem Thüringer Stephan Brandner ebenfalls ein Höcke-Freund durchsetzen. Der Bundestagsabgeordnete war Vorsitzender des Rechtsausschusses, bis er vor Kurzem abgewählt wurde. Auch die zur stellvertretenden Parteichefin gewählte Alice Weidel, aktuell Co-Fraktionschefin, sympathisiert mit Höcke und genießt die Unterstützung vieler seiner Anhänger. Parteivize wurde die Berliner Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch, die ebenfalls laut und radikal auftritt, aber nicht zum Höcke-Flügel gehört. 

Mit der Wahl von Chrupalla zum Co-Chef unterliegen jene Teile der Parteibasis, die gegen Vorabsprachen und Kungeleien mobilisieren und die alle Entscheidungen im Plenum anbahnen, diskutieren und entscheiden wollen. Seit dem Spätsommer und den Landtagswahlen in Ostdeutschland war das Amt auf den 44-jährigen Chrupalla zugelaufen: Er sollte die ostdeutschen Landesverbände im Bundesvorstand vertreten, wo bisher von den 13 Mitgliedern nur einer ein gebürtiger Ostdeutscher war.

Doch in der basisgeprägten AfD meldeten sich in den vergangenen Tagen aussichtsreiche Kandidaten, die das Amt nicht dem Gauland-Favoriten Chrupalla überlassen wollten. Darunter die niedersächsische Landeschefin Dana Guth, die sich auch im Gespräch mit ZEIT ONLINE gegen Vorabsprachen gewandt hatte. Hinzu kam der Berliner Bundestagsabgeordnete Gottfried Curio, der zwar für seine rhetorische Schärfe bekannt ist, aber auch ein Einzelgänger ist.

Meuthen half der Amtsbonus

Am Ende folgte die Basis der Führung und Alexander Gauland – die AfD kommt sozusagen im Establishment an. Der neue Co-Chef Chrupalla siegte in einer Stichwahl gegen Curio, nachdem die Niedersächsin Guth unterlegen war. Parteichef Jörg Meuthen erhielt mit 69,2 Prozent der Stimmen fast dasselbe Ergebnis bei seiner Wiederwahl vor zwei Jahren –  obwohl er diesmal Gegenkandidaten hatte. Der Amtsbonus half ihm sicherlich, denn in seinem Heimatkreisverband und auch in seinem Landesverband Baden-Württemberg ist er umstritten. Seine offene Warnung vor "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" vor einem Dreivierteljahr empfanden vor allem im Südwesten viele Parteimitglieder als Zensurversuch. Es hat ihm ein Teil Sympathie der Partei gekostet.

Für eine Rechts-außen-Partei stehe ich nicht zur Verfügung, aber für eine patriotische.
Jörg Meuthen

Auf Bundesebene hat er es jedoch geschafft, dass beide Parteiflügel ihn akzeptieren. In seiner Bewerbungsrede auf dem Parteitag bezeichnete er sich als "konservativ, nicht reaktionär", als "patriotisch, nicht nationalistisch". Und er warnte: Er werde sein Gesicht nicht hergeben für eine Partei, die schleichend in extremistische Positionen abrutschte. "Für eine Rechts-außen-Partei stehe ich nicht zur Verfügung, aber für eine patriotische." Diese Warnungen hört man inzwischen in der Partei immer häufiger, seit der Verfassungsschutz den Höcke-Flügel und die Parteijugend Junge Alternative zum Verdachtsfall erklärt hat und inzwischen beobachtet. 

Der neue Co-Chef Chrupalla genießt in der Partei viel Ansehen, weil er in seinem Wahlkreis Görlitz dem heutigen CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer das Bundestagsdirektmandat streitig gemacht hat. In seiner Bewerbungsrede lobte er vor allem die West-AfD: Die hohen Wahlergebnisse seien auch Verdienst der dortigen Parteikollegen. Er versuchte sich in seiner Rede als Kandidat der Nichtakademiker zu profilieren, eben jener Menschen, "die im Dunkeln aufstehen, zur Arbeit gehen und im Dunklen nach Hause kommen". Nach seiner Rede erhoben sich viele und applaudierten.

Meuthen und Chrupalla werden nun die AfD in die Bundestagswahl 2021 führen. Im selben Jahr stehen in zwei ost- und zwei westdeutschen Bundesländern Landtagswahlen an, außerdem zum Berliner Abgeordnetenhaus. Die Partei will bis dahin ein Konzept zur Rentenpolitik vorlegen. Und die Partei muss die drohende Beobachtung durch den Verfassungsschutz abwenden. Denn diese würde sicherlich Wählerstimmen kosten – und am Ende die AfD stark marginalisieren.